Einschneidendes Kunst-Erlebnis mit sieben Jahren
Als der Geist der Kunst in Stella Hamberg fuhr, war sie gerade mal im Grundschulalter. Als Siebenjährige in den Sommerferien stromerte die kleine Stella durch die Kapitolinischen Museen in Rom; und geriet dort zufällig ins Kraftfeld einer Marmor-Skulptur, die 2000 Jahre zuvor als Kopie eines noch älteren Bronze-Originals geschaffen worden war: Der „Sterbende Gallier“, die detaillierte und lebensgroße Darstellung eines zu Boden sinkenden Mannes. Das Mädchen war gebannt.
„Ich bin immer um diesen sterbenden Menschen herrumgelaufen und habe mich verliebt. Es war ein wirklich einschneidendes Erlebnis“, sagt Stella Hamberg. „Dieser Eindruck des Marmorkörpers, dieses unbelebten Materials, was so viel Leben ausdrückt, hat mich nicht losgelassen.“ Direkt nach dem Abitur habe sie dann eine Steinbildhauerausbildung angefangen.
Keine Angst vor Größe
Ein Kunststudium und etliche Jahre später sind es Skulpturen von Stella Hamberg, die andere Betrachter tief beeindrucken, darunter Phillipp Demandt, den Direktor des Frankfurter Städel Museums. Er erinnert sich genau an jenen Augenblick vor 16 Jahren, als er zum ersten Mal Figuren von Stella Hamberg sah, im Innenhof des Albertinums in Dresden: Die „Berserker“, überlebensgroße Kämpfer aus der nordischen Mythologie, die Oberfläche der Körper gefurcht und zerfetzt, als wären es Fabelwesen zwischen Mensch und Baum.
„Man hat diese drei Berserker gesehen, diese martialischen Figuren in Überlebensgröße, in dieser urtümlichen Gestalt, in dieser wilden gestalteten Oberfläche: Das war etwas ganz Neues in jeder Hinsicht“, sagt Philipp Demandt. „Stella Hamberg hat mal gesagt, sie habe keine Angst vor Größe. Das ist für eine junge Künstlerin damals eine Setzung gewesen, die bis heute nachhallt.“
Bronze – toxischer geht’s kaum
Stella Hamberg beackert schweren Boden, um nicht zu sagen: kontaminiertes Terrain. Das Material Bronze bedeutet nicht nur physisches Gewicht, auch kunstgeschichtlich ist es ein Vehikel von schweren Lasten.
Helden- und Herrscherbildnisse, Könige, Kaiser, Militärs, zu Fuß und zu Pferde, und das Ganze haltbar bis in alle Ewigkeit - toxischer geht’s kaum, Männlichkeit vom schlechten alten Schlage. Aber Stella Hamberg betrachtet Tradition nicht als Last, sondern macht sie zur Startrampe für Eigenes.
„Wenn man Kunst macht, darf man keine Angst haben vor der Kunstgeschichte. Man kann sich damit beschäftigen, sollte, muss. Ich kann gar nicht anders, weil ich es einfach faszinierend finde. Aber sobald meine Arbeit beginnt, muss man das alles vergessen“, sagt die Künstlerin.
Bronzeskulpturen wie Rohmodelle
Und so fügt Stella Hamberg der langen Geschichte der Bronzeskulptur ein neues Kapitel hinzu. Oft wirken ihre Arbeiten wir die Vergrößerungen jener kleinen Roh-Modelle, die Bildhauer aus Ton anfertigen, um Proportionen zu testen: grob gespachtelt, teils mit erkennbaren Fingerabdrücken.
Das Reiterstandbild „My dear fellow“, eine Allegorie des Todes, scheint schon selbst zu zerfallen vor lauter Rissen und Spalten. „Das war eine sehr schnelle Arbeit, die dann lange stand und Risse bekam. Ich dachte: Perfekt, es ist die Vergänglichkeit, der Tod“, sagt Hamberg.
„Ich bin sehr dankbar, hier sein zu dürfen“
In den letzten Jahren hat Stella Hamberg viele Verluste nahestehender Menschen verkraften müssen. Eine Zeit lang war ihre künstlerische Produktion unterbrochen. Doch nun bekommt sie den renommierten Robert Jacobsen Preis der Würth-Stiftung mitsamt Ausstellung in Künzelsau – ein Neustart nach Maß für die Berlinerin, die alle Schwere ihres Werkes kurz mal beiseite lässt und ins Schwärmen gerät.
„Die Sammlung Würth ist ein Geschenk, gerade durch den freien Eintritt und den Zugang zu allen Kunstschätzen“, sagt Hamberg. „Das habe ich mir immer gewünscht, dass Kunst und Leben verbunden werden, dass man flaniert, zwischen dem Einkaufen, ohne Warteschlangen. Ich bin sehr dankbar, hier sein zu dürfen.“
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