Tausend Jahre alter Kulturschatz

Streit um Teppich von Bayeux: Darf der Normannen-Schatz nach London?

Auf knapp 70 bildreichen Metern erzählt er von der Eroberung Englands durch die Normannen: Der Teppich von Bayeux ist Kunstwerk und schützenswertes historisches Dokument gleichermaßen. Nun soll der Teppich für eine Sonderausstellung nach London verliehen werden. In Frankreich regt sich Widerstand: Das 950 Jahre alte Kunstwerk sei zu fragil, um verliehen zu werden.

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Von Autor/in Sophia Volkhardt

Wer einen Ausflug in die Normandie plant, kommt um dieses erstaunliche Bilddenkmal nicht herum: Der Teppich von Bayeux wird seit den 1980er-Jahren in eigens für ihn gebauten Museumsräumlichkeiten in der nordfranzösischen Kleinstadt Bayeux ausgestellt. Die Wissenschaft geht davon aus, dass er vermutlich 1077 im Auftrag des Bischofs von Bayeux gefertigt wurde.

Bildreich nimmt der Teppich mit auf eine Reise ins Mittelalter und erzählt die Vorgeschichte und Ereignisse der normannischen Invasion Englands im Jahre 1066.

Detailausschnitt vom Teppich von Bayeux.
Mit Beschreibungen wie „Hic est dux Willit“ – hier ist Herzog Wilhelm – wird auf dem Teppich von Bayeux klar kenntlich gemacht, wer auf den Stickarbeiten zu sehen ist.

Die Eroberung Englands auf 70 Metern Tuch

In 58 Einzelszenen auf knapp 70 Metern Länge und 50 Zentimetern Höhe wird fortlaufend der Eroberungszug durch den Normannenherzog Wilhelm den Eroberer bis zur legendären Schlacht bei Hastings dargestellt. Der Bischof, der die kunstvolle Arbeit in Auftrag gab, war wohl ein Halbbruder von Wilhelm.

Die Geschichte in aller Kürze: Der englische König Eduard der Bekenner schickte seinen Schwager Harald II. in die Normandie. Er sollte Eduards Cousin Wilhelm die englische Krone anbieten. Nach dem Tod Eduards beanspruchte aber Harald die englische Krone für sich.

Wilhelm machte sich daraufhin mit einer Truppe von knapp 7.000 Mann auf Booten auf den Weg nach England. Er wollte den Thron zurückerobern. Er gewann und hieß fortan „Der Eroberer".

Der Teppich ist eigentlich eine Stickarbeit

Dabei ist das Wort „Teppich“ im Zusammenhang mit dem Kunstschatz in Bayeux irreführend. Tatsächlich wurde er nicht geknüpft oder gewirkt. Es ist eine Woll-Stickarbeit auf Leinen. Sie wurde aus verschiedenen Stücken zusammengesetzt, die Nahtstellen fallen dabei kaum auf.

Knapp 45 Kilo Wolle wurden für den Teppich verarbeitet und er war wohl ursprünglich einmal länger als heute. Das Ende ist abgerissen.

Der Teppich ist nicht nur interessant, weil er detailreich die Eroberung Englands zeigt, sondern auch viel über das alltägliche Leben im Mittelalter verrät. Seit 2007 gehört der Teppich von Bayeux zum UNESCO-Weltdokumentenerbe.

Eine Frau steht in den Reiss-Engelhorn-Museen in der Sonderausstellung „Die Normannen" (2022) neben einer Steinskulptur von Wilhelm dem Eroberer aus dem 14 Jahrhundert.
Mit dem Sieg in der Schlacht bei Hastings wird Wilhelm der Eroberer zum König von England. Bild aus der Ausstellung „Die Normannen" (2022) in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim.

Eine frühe Form des Comics?

Weil die Bildergeschichte auch mit kurzen lateinischen Beschriftungen ergänzt wird, sprechen viele von einer Art frühem Comic, einer gestickte Erzählung sozusagen. Über die Jahrhunderte haben sich viele Wissenschaftler*innen intensiv mit dem Kunstwerk auseinandergesetzt.

Der Detailreichtum der Darstellungen legt die Vermutung nahe, dass jemand für den Entwurf genaue Informationen zum Verlauf der normannischen Eroberung hatte. Genau nachvollziehen lässt sich heute allerdings nicht mehr, unter welchen Umständen der Teppich von Bayeux genau entstand.

Abgebildet sind über 600 Personen und noch mehr Tiere aller Art. Außerdem wurden zahlreiche Gebäude, Gegenstände und Schiffe gestickt. Immer wieder entflammen um das Werk wissenschaftliche Debatten, kurioserweise etwa darüber, wie viele Genitalien auf der Stickarbeit zu sehen sind.

Gesticktes Schiff, Detailansicht aus den knapp 70 Metern Länge des Teppichs von Bayeux
Mit 60 Schiffen setzen Herzog Wilhelm und seine Vasallen im Jahr 1066 nach England über, um Wilhelms Anspruch auf den Thron durchzusetzen.

Der Teppich ist fragiler als gedacht

Obwohl der Teppich zahlreiche Flecken, Risse und Lücken aufweist, ist er für seine Größe und sein Alter gut erhalten. Dennoch hat eine Untersuchung 2021 ergeben, dass das Kunstwerk fragiler ist als gedacht und einige Restaurierungsarbeiten anstehen.

Dass er überhaupt noch erhalten ist, grenzt an ein Wunder: Während der Französischen Revolution wurde er fast zerstört. Und auch im Zweiten Weltkriegs war der Teppich von Bayeux in Gefahr, als die Nationalsozialisten planten, ihn nach Berlin zu verschleppen.

Teppich von Bayeux soll in England ausgestellt werden

Also ganz klar. So ein Stück uralter Geschichte muss besonders konserviert und geschützt werden, es kann zum Transport nicht einfach eingerollt werden.

Umso aufsehenerregender war die Nachricht, dass der Teppich nach knapp 1.000 Jahren wieder zurück nach Großbritannien, vermutlich der Ort seiner Entstehung, zurückkehren soll. Der französische Präsident Emmanuel Macron verkündete unlängst, dass der Teppich von unschätzbarem Wert 2026 im British Museum in London zu sehen sein soll.

Ausstellungsbesucherinnen vor einem Wandteppich
Besucherinnen betrachten den Wandteppich von Bayeux, der als eines der bemerkenswertesten Bilddenkmäler des Hochmittelalters gilt. Der weltberühmte Wandteppich ist laut einer Zustandsanalyse aber fragiler als gedacht.

Anlass ist auch, dass das Museum in Bayeux in der Zeit renoviert werden muss und der Teppich ohnehin eingelagert werden müsste. Die Leihgabe ist ein aufwendiges Unterfangen.

Online-Petition soll verhindern, dass der Teppich nach London verleihen wird

Kritik daran regte sich schnell. Seit neustem gibt es auch eine Online-Petition gegen die Verleihung des Teppichs. Während des Transportes sei die Gefahr groß, dass es zu Rissen und Materialverlust bei dem fragilen, knapp tausend Jahre alten Wandteppich kommen könnte, heißt es in der Begründung. All das sei ein Risiko für den Erhalt des Kulturschatzes.

Detailaufnahme der Stickereien des Wandteppichs von Bayeux.
Triumph für Macron oder Niederlage für den kulturellen Austausch mit Großbritannien? Frankreich diskutiert aktuell vehement, ob der Teppich von Bayeux für eine Sonderausstellung nach London ausgeliehen werden kann.

Wenn der Teppich wirklich 2026 in London zu sehen sein sollte, wäre es also in jeder Hinsicht eine Sensation: Nicht mal der Versuch, den Teppich von Bayeux für die Krönung von Elisabeth II. 1953 auszuleihen, war erfolgreich. Der geschichtsträchtige Teppich ist auch ein Politikum.

Egal wo der Teppich von Bayeux in den nächsten Jahren zu sehen sein wird, er wird der Wissenschaft weiter Rätsel aufgeben. Es wird eine große Aufgabe, den Teppich für die Zukunft zu bewahren und ihn weiter ausstellen zu können.