Durchschossen und durchstochen

Verschollen geglaubtes Kirchner-Gemälde erstmals im Kunstmuseum Basel ausgestellt

Nach einer aufwendigen Restauration wird das Gemälde „Tanz im Varieté“ von Ernst Ludwig Kirchner erstmals wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Mehr als 100 Jahre lang galt es als verschwunden. In dieser langen Zeit des angeblichen Verschollenseins hat das Kunstwerk eine bewegende Geschichte hinter sich gebracht.

Teilen

Stand

Von Autor/in Luisa Sophie Klink

Das großformatige Ölgemälde „Tanz im Varieté“ ist derzeit im Kunstmuseum Basel in der Ausstellung „Paarlauf“ zu sehen. Im Juni des vergangenen Jahres wurde es von der Stiftung im Obersteg für rund sieben Millionen Euro ersteigert und mehrere Monate umfassend restauriert. Der Schätzwert, den das Auktionshaus Ketterer ursprünglich angesetzt hatte, belief sich auf lediglich rund zwei oder drei Millionen Euro.

Kirchner Gemälde „Tanz im Varieté“ zeigt „Cakewalk“

Im Vordergrund des Gemäldes, das sich jahrzehntelang im Privatbesitz befand, steht ein schwarzer Tänzer gegenüber vier weißen Tänzerinnen. Er führt einen sogenannten „Cakewalk“ auf, einen Tanz, der seinen Namen von Wettbewerben hat, bei denen das Siegerpaar mit einem Kuchen belohnt wurde.

Dieser Tanz entstand ursprünglich in den USA und geht auf Sklaven zurück, die sich über die steifen Bewegungen ihrer Herrschaft lustig machten und diese imitierten, erklärt die Kuratorin des Kunstmuseums Basel, Géraldine Meyer. Diese Art des Nachäffens wurde von der weißen Herrschaft allerdings missverstanden. Sie wiederum dachte, dass das ein originärer Tanz der schwarzen Bevölkerung sei und imitierte ihn ihrerseits.

Der Tanzstil verbreitete sich rasch und schwappte bis nach Europa, gar bis an die Dresdener Varietés. Hier entdeckte Kirchner den Tanz für seine Kunst und fertigte zahlreiche Vorskizzen an, auch zu jenem Bild, dem „Tanz im Varieté“.

Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938): Interview mit Pfeife, 1907
Ernst Ludwig Kirchner (1880-1938) auf einem Selbstporträt aus dem Jahr 1907. IMAGO / Heritage Images

Verschollenes Kunstwerk nach über 100 Jahren öffentlich ausgestellt

Die Provenienz und Geschichte des auf 1911 datierten Kunstwerks ist spannend, zumal Kirchners Werke während der Zeit des Nationalsozialismus als „entartete Kunst“ galten und der Handel mit ihnen zu dieser Zeit verboten war.

Das Bild gilt als Hommage an das Goldene Zeitalter der Unterhaltungskünstler vor dem Ersten Weltkrieg und gehört zu Kirchners früher Schaffensperiode. Kurz nach der Fertigstellung wandte er sich den Varietés auf den Straßen Berlins zu.

Zuletzt wurde „Tanz im Varieté“ 1923 in einer Ausstellung in Berlin gezeigt. Dann verschwand es von der Bildfläche. Dokumentiert war das Gemälde nur noch auf Schwarzweiß-Fotografien, die teils von Kirchner selbst angefertigt wurden.

Kirchners Gemälde „Tanz im Varieté“ in der Ausstellung „Paarlauf“ im Kunstmuseum Basel.
„Tanz im Varieté“ ist im Kunstmuseum Basel nach über 100 Jahren erstmals wieder für die Öffentlichkeit zugänglich. Daneben: die Skulptur „Die Freunde“ von Hermann Scherer und Albert Müller und Kirchners „Stafelalp, Rückkehr der Tiere“ . Kunstmuseum Basel

Gemälde von Soldaten durchschossen und durchstochen

Das verschollen geglaubte Kunstwerk sei einst im Besitz einer badischen Schmuckdesigner-Familie gewesen, so Kuratorin Meyer. Diese habe das Gemälde bei einer jüdischen Kunsthistorikerin rechtmäßig erworben und während des Zweiten Weltkriegs auf einem Bauernhof versteckt, um es zu schützen. Es handele sich also nicht um Raubkunst.

1945 wurde das Werk dennoch beschädigt. Als französische Soldaten es in einer Kiste entdeckten, machte sie das avantgardistische Gemälde so wütend, dass sie auf den Kopf einer Tänzerin schossen, den Rumpf des schwarzen Tänzers mit einem Bajonette durchstachen und seinen Schmuckrahmen zerstörten. Mittlerweile ist es aber so gut restauriert, dass davon kaum noch etwas sichtbar ist.

Ausstellung „Paarlauf“ im Kunstmuseum Basel

Das Kirchner-Gemälde ist noch bis zum 27. Juli, dem Ende der Ausstellung „Paarlauf“, zu sehen. Eine Entscheidung darüber, ob es im Anschluss in die Dauerausstellung übernommen oder in welchem Rahmen es sonst gezeigt wird, steht noch aus.

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Luisa Sophie Klink