Wie konnte eine amerikanische Freikirche aus dem 18. Jahrhundert Generationen von Künstlerinnen, Architekten und Designerinnen weltweit inspirieren? Diese Frage beantwortet das Vitra Design Museum in Weil am Rhein in seiner Ausstellung „Die Shaker. Weltenbauer und Gestalter“.
Besonders bekannt wurden die christliche Glaubensgemeinschaft der „Shaker“ aus den USA für ihre in Handarbeit gefertigten Holzstühle, die sich wegen ihrer Funktionalität und schlichten Schönheit gut verkaufen ließen.
Zwischen Offenheit und Verschworensein
Bereits die ersten zwei Ausstellungsobjekte erzählen viel über die Mentalität der Shaker: Ein Radiogerät mit einem Gehäuse aus Holz und, etwas weiter, eine vier Meter lange Holzbank.
Das Radiogerät symbolisiert die Offenheit der Gläubigen für die Nachrichten, die davon berichten, was auf der Welt so los ist. Die Bank hingegen steht für ihre verschworene Glaubensgemeinschaft.
„Die Größe war ausgerichtet auf die großen Gruppen der Mitglieder. In den Shaker-Wohnhäusern lebten bis zu hundert Menschen zusammen“, erklärt Mea Hoffmann, die die Ausstellung kuratiert hat. „Das heißt: Der Kollektivgedanke schwingt in jeglicher Gestaltung mit, für den Eigennutzen.“
Funktional und mit Materialen aus „Gottes Schöpfung“
An den feinen Verstrebungen der Kirchenbanken lässt sich die Hingabe der Handwerker ablesen. Die landwirtschaftlich orientierten Shaker arbeiteten besonders viel mit Holz. Bewusst sollten Materialien aus der Natur verwendet werden, die sie als Gottes Schöpfung ansahen.
Ein Leitspruch der Shaker lautete „labour as worship“, Arbeit als Anbetungsform also – das Machen als spiritueller Akt, so die Kuratorin. „Die Objektkultur ist Ausdruck ihrer Werte. Alles, was als Sünde angesehen werden konnte, als eine Zelebrierung des eigenen Egos, wurde abgelegt.“ So stand die Funktionalität im Fokus jedes Objekts.
Die Kombination aus Funktionalität und schlichter Schönheit hat den Produkten der Shaker einen Markt erschlossen: Sie verkauften Stühle – vom Kinderstuhl bis zum Rollstuhl aus Holz – in verschiedenen Größen, Kleider, Spanschachteln und Holzkisten für Saatgut.
Gesellschaftsutopie als Design
Genauso spannend wie handgearbeiteten Gegenstände findet Mateo Kries, Direktor des Vitra Design Museums, die Gedankenwelt dieser christlichen Freikirche: Die Shaker seien eigentlich Utopisten gewesen, die eine Gesellschaft entwarfen, die nicht ihrer Zeit entsprach. Wie ganzheitlich dieser Anspruch war, auch das zeige die Ausstellung:
Die Objekte hier sind Ausdruck einer gesellschaftlichen Haltung, in der es um Arbeit als Ausdruck des Glauben, um Pazifismus und um die Gleichberechtigung von Mann und Frau geht. Wir sehen hier eine komplette Gesellschaftsutopie, heruntergebrochen auf Design.
„Shaker“ wurden sie übrigens deshalb genannt, weil sie ihre Körper in religiöser Ekstase beim Tanzen schüttelten.
Neu interpretiert: Gemeindehaus der US-Künstlerin Amie Cunat
Im Obergeschoss des Weiler Vitra Design Museums steht ein maßstabsgetreu nachgebautes, aber neu interpretiertes Gemeindehaus aus blau angestrichenem Holz mit großem Fenster. In solchen Häusern hielten die Shaker ihre Gottesdienste ab. Entworfen hat den Nachbau die US-Künstlerin Amie Cunat.
Was an ihrem Kunstwerk auffällt: Sie hat den Holzofen nicht in, sondern vor das Gebäude gestellt. Ein Detail, das sich auch auf die USA der Gegenwart beziehen lässt: Wie offen, wie verschlossen ist das Land? „Ich bin besorgt und auch nervös wegen der Lage in unserem Land. Und das ist auch in der Arbeit gegenwärtig, die ich mache“, so die Künstlerin.
Es macht die ohnehin spannende Ausstellung des Vitra Design Museums noch facettenreicher, dass sich die Macher gegen eine rein historische Ausstellung entschieden haben. Neben Amie Cunat treten noch weitere Künstler mit ihren Werken in den Dialog mit den Shakern. So wird deutlich, dass deren Impulse für Kunst und Design weiterleben.