Yayoi Kusama ist 96 Jahre alt und eine der ganz großen in der globalen Kunstszene. Das Markenzeichen der Japanerin sind bunte Bilder, Objekte und Rauminstallationen, die komplett mit Punkten überzogen sind – den sogenannten Polka Dots.
So dekorativ ihre Kunst wirkt, so tiefgründig sind ihre Wurzeln. Seit Jahrzehnten lebt die Künstlerin freiwillig in einer japanischen Psychiatrie, verarbeitet mit ihrer Kunst Ängste und traumatische Kindheitserfahrungen.
Frühe Jahre zwischen Krieg und Halluzinationen
Kusama wurde 1929 im japanischen Matsumoto in eine Bauernfamilie geboren. Ihre Eltern betrieben ein Saatgutunternehmen. Als der Zweite Weltkrieg ausbrach, musste sie mit 13 Jahren in einer Fallschirmfabrik arbeiten. Ihre Mutter war gewalttätig, ihr Vater untreu. Bereits als Grundschulkind litt Kusama unter Halluzinationen:
Ich wachte eines Morgens auf und sah, dass das Fenster mit einem Netz überzogen war. Ich ging zum Fenster und berührte es. Da sprang das Netz auf mich über und bedeckte meinen ganzen Körper. Ich schrie um Hilfe, dann verlor ich mein Bewusstsein.
New York, Kunst und Überleben
Mit Ende 20 verließ Kusama ihre Heimat und zog nach New York, wo sie in die Kunstszene eintauchte. Sie schuf Werke, die sich mit dem Thema Unendlichkeit beschäftigten. Ihre "Infinity Nets" – Netze der Unendlichkeit – sind Bilder ohne Motiv, ohne Komposition, ohne Anfang und Ende.
Heute werden diese Werke für mehr als 10 Millionen Dollar versteigert. Damals reichte der Erlös kaum zum Leben.
Doch New York hatte auch seine Schattenseiten für Kusama. Immer wieder versuchte sie, Selbstmord zu begehen. Sie kam ins Krankenhaus und überlebte jedes Mal. Aber auch das Malen und die Kunst sicherten immer wieder ihr Überleben, sagt die 96-Jährige.
Malen war für mich die einzige Möglichkeit, auf dieser Welt zu existieren, oder anders gesagt, war Malen eine aus der Not geborene Leidenschaft.
Die Happenings, Körperkunst und Kürbisse
Die Netze und Punkte waren erst der Anfang. Kusama weitete ihre Kunst aus: Es kommen Performances und Happenings hinzu, in denen sie ihren eigenen Körper in Szene setzt.
Doch ihr Lieblingsmotiv ist und bleibt der Kürbis, für den sie sich seit ihrer Kindheit begeistert.
Ich liebe Kürbisse wegen ihrer humorvollen Form, ihrer Wärme und ihrer menschenähnlichen Qualität.
Ob Detailzeichnungen, öffentliche Skulpturen oder eindrucksvolle Installationen: Die Kürbiswerke mit den schwarzen Polka Dots sind einige ihrer bekanntesten Werke geworden und gehören zu den kultigsten Meisterwerken der zeitgenössischen Kunst.
Sie sind in öffentlichen Räumen und privaten Sammlungen auf der ganzen Welt vertreten. Und bestimmt kommen noch einige hinzu. Denn ans Aufhören denkt Yayoi Kusama noch lange nicht.
Wenn ich eines Tages alt, krank und tot bin in 200 oder 500 Jahren, möchte ich immer noch Bilder malen.
300 Werke von Yayoi Kusama in Riehen ausgestellt
Die Fondation Beyeler in Riehen widmet Yayoi Kusama jetzt eine große Retrospektive, zeigt das frühe Werk bis hin zu aktuellen Arbeiten. Und die bieten viel Raum für Instagram-taugliche Fotografien. So wurden extra zwei begehbare Rauminstallationen geschaffen, darunter ihr sogenannter "Infinity Mirror Room".