Wenn das Arp-Museum in Remagen in der aktuellen Ausstellung „Sehnsucht nach Utopia“ Malerei und Skulpturen der Romantik zeigt, dann sind hohe Besucherzahlen so gut wie garantiert. Caspar David Friedrich und Co. sind nach wie vor wahre Publikumsmagneten.
Liebe und Sehnsucht als wiederkehrende Motive der Romantik
Bestimmte Motive und Themen durchziehen die Romantik von ihren Anfängen um 1770 bis in die sogenannte „Neoromantik“ Anfang des 20. Jahrhunderts: Darunter die Sehnsucht nach idealer Liebe, die romantische Vorstellung von unverfälschter Natur, die Hinwendung zum Traum und Albtraum. Im Mittelpunkt: die Kraft des Individuums.
Solchen romantischen Motiven wird auch heute wieder in den sozialen Medien gehuldigt: Von Biedermeier-Häuslichkeit, idyllischen Ästhetiken, künstlich generierten Sehnsüchten und dem Wunsch, der Held der eigenen Geschichte zu sein: Im Netz laden düstere, surreale und oft träumerische Darstellungen dazu ein, in eine alternative Realität abzutauchen.
Rückkehr zum Natürlichen: „Slow Living“ und „Home Cooking“
Die biedermeierliche Häuslichkeit fand durch die Pandemie Eingang in die Gegenwart. Denn: womit kann man die Zeit in der neuen isolierten Welt zuhause sinnvoll verbringen?
Ein Beispiel ist der Trend zum „Slow Living“, bei dem das Heim mit Holz, Leinen und anderen natürlichen Stoffen ausgestattet wird und Zeit mit Gartenarbeit verbracht werden soll. Hinter der Sehnsucht nach dem verlangsamten Leben steckt ein Bedürfnis nach Stabilität und Ruhe.
Das zeigt sich auch im sogenannten „Home-Cooking-Movement“: Essen soll selbst und mit möglichst natürlichen Zutaten zubereitet werden. Dieser Trend nimmt auf Social Media zuweilen extreme Züge an, wenn Influencer*innen sogar auf Kleidung und Küchengeräte aus der Zeit der Romantik zurückgreifen.
„Cottage-Core“ und „Goblin-Core“: Schaurig-schöne Motive
Auch die sogenannten „Core Aesthetics“ greifen die Romantik auf. Auf Pinterest, Instagram, TikTok oder Reddit tragen Fans Motive zusammen, die zu einer bestimmten Stimmung und Ästhetik passen. Ganz egal ob Kleidung, Filme, Einrichtung oder Musik – es geht um einen ganzen Lifestyle.
Besonders „Cottage-Core“ und „Goblin-Core“ entsprechen dabei einer romantischen Ästhetik: Im „Cottage-Core“ wird dem schlichten, idyllischen Lebensstil in alten Landhäusern gehuldigt: Blumen, Rüschen, Gemütlichkeit. „Goblin-Core“ ist eine düstere Steigerung davon: Hier werden Wälder, Moore und Sümpfe oder verlassene Orte inszeniert.
Carl Spitzweg hat in seinen legendären Werken wie „Der Gartenfreund“ oder „Mädchen im Walde“ solch schaurig-schöne Motive bereits vor rund 200 Jahren aufgegriffen. Auch der Künstler Friedrich Nerly verewigte düstere Grotten oder ein verfallenes Aquädukt. „Die Geisterseher“ heißt ein bekanntes Werk.
Die „Goblin-Core“-Fans interessiert der morbide Charme, das Ungezähmte und Magische der Natur. Das Spuk- und Albtraumhafte wirkt sowohl in der Romantik als auch heute als eine Art der Wirklichkeitsflucht.
Fantasiewelten: KI-generierte Sehnsüchte
Heute lassen sich solche Fantasiewelten mit Künstlicher Intelligenz erschaffen. Durch den sogenannten „Choose One“-Trend werden Sehnsüchte mit romantischen Motiven in Clips mit Fantasiebildern bedient: Welches Schloss oder Anwesen am Waldesrand würde man sich aussuchen? Welche Ritterrüstung wählen? Welchen verschlungen Pfad am ehesten nehmen?
Die künstlich generierten Bilder dazu entsprechen verträumten bis utopischen Vorstellungen. Und sie machen deutlich: Der Hang zum Kitsch ist groß.
Mit der Sehnsuchtsvorstellung Caspar David Friedrichs hat das wenig zu tun: Das Innovative an seinem Werken war, dass er die individuelle Gefühlswelt des Menschen ins Zentrum seiner Landschaftsmalerei stellte. Deshalb geht von den Arbeiten bis heute so eine Sogkraft aus.
„Main Character Syndrome“: Poetisierung des Selbst
Das persönliche Erleben, die subjektive Wahrnehmung und der freie Ausdruck des Selbst sind zentrale Ideen der Romantik. Eine Entsprechung dessen findet sich im sogenannten „Main Character Syndrome“-Trend, also Hauptfigur-Syndrom.
Es beschreibt junge Menschen, die sich selbst als Held*innen einer fiktiven Version ihres Lebens inszenieren, die sozialen Plattformen dienen als Bühne. In ihren Videos erzählen junge Menschen von sich als Hauptfiguren eines Romans oder in der dritten Person, oft auch ironisch.
Das entspricht dem Ideal der Romantik, die Welt zu poetisieren. Die Grenzen zwischen Realität und Kunst werden aufgehoben. Eine Gegenwelt zur Vernunft, in der Kunstschaffende zu gottgleichen Schöpfer*innen werden.
Das Ich als Nabel der Welt?
Der Monotonie des Alltags als Held eines idealisierten Lebens entfliehen – lebt man dadurch das eigene Leben bewusster, und nimmt sich positiver wahr? Oder ist das purer Narzissmus und gar realitätsfern, wenn man sich als Nabel der Welt begreift? Diese Kritik wurde auch gegenüber der Romantik formuliert.
Den Romantikern ging es darum, der inneren Gefühlswelt Ausdruck zu verleihen. Und damit im besten Fall verwandte Seelen anzurühren. Daran hat sich auch heute mit Blick auf die Social-Media-Trends nichts verändert.