Die kulturelle Bedeutung der Röntgenstrahlung

Die Macht des Röntgenblicks: Kunst mit Durchblick in der Völklinger Hütte

„X-Ray - Die Macht des Röntgenblicks“ ist die erste Ausstellung, die sich umfassend dem Phänomen der Röntgenstrahlen widmet und den kulturellen – und künstlerischen Perspektiven des Röntgenblicks.

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Von Autor/in Frank Rother

Kunst mit Röntgenblick

Am 8. November 2025 jährte sich zum 130. Mal die erstmalige bewusste Wahrnehmung der X-Strahlen als ein bis dato unbekanntes Phänomen. Entdeckt wurde sie durch Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Würzburger Labor.

Die Ausstellung „X-Ray - Die Macht des Röntgenblicks“ in der UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte widmet sich der kreativen Wechselwirkung, die der Röntgenblick in Bereichen wie Kunst- und Kulturgeschichte, Politik, Natur, Literatur und Architektur, Musik, Mode und Kino entfaltet hat – von den Anfängen bis in die Gegenwart.

Wenn Kunstwerke geröntgt werden

Analog zur Untersuchung von Patient*innen in einer Arztpraxis offenbaren die Strahlen bei der Röntgenanalyse von Kunstwerken die tiefsten Schichten von Gemälden.

Statt Knochen legen sie übermalte Fassungen oder ursprüngliche Skizzen frei. Beinahe jedes Bild birgt unsichtbare Geschichten in sich: Korrekturen, geänderte Bildkompositionen oder sogar gänzlich andere Sujets verbergen sich mitunter unter der Oberfläche.

In den Tiefenschichten der Kunst: Ausstellung X-RAY in der Weltkulturerbe Völklinger Hütte
In den Tiefenschichten von Gemälden liegen mitunter ganz andere Bildinhalte verborgen. Pressestelle Oliver Dietze / Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Röntgen-Hype in der Kunst

Ein immenser Presse-Hype verschaffte dem Wissenschaftler Wilhelm Conrad Röntgen nach seiner Entdeckung internationale Bekanntheit. Diese gipfelte im Jahr 1901 in der Auszeichnung mit dem ersten Nobelpreis für Physik.

Die weitreichende Faszination für die Röntgentechnik zeigt sich auch in den kulturellen Reaktionen seiner Zeit. Das Thema fand beispielsweise im damals gerade aufkommenden Medium Film Beachtung. Es inspirierte die Entstehung von Musikstücken, Karikaturen und Kunstwerken.

The X-Rays, 1897, Filmstill in der Ausstellung X-RAY in der Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Durchleuchten auf der Leinwand: So stelle der Film „The X-Rays“ von Regisseur George Albert Smith im Jahr 1897 die Röntgenstrahlung dar. Pressestelle BFI National Archive

Frida Kahlo: Das Innerste als gebrochene Säule

In den 1920er-Jahren versinnbildlichte der „Gläserne Mensch“ die bis dahin ungekannte Transparenz des menschlichen Körpers. Die physische Durchleuchtung des Körpers spiegelte sich – frei nach Freud – in der Durchleuchtung der Seele durch Kunst und Literatur wider, exemplarisch bei Thomas Mann, Frida Kahlo und Edvard Munch.

Als die Malerin Frida Kahlo im Alter von 18 Jahren bei einem Busunfall von einer Stange durchbohrt wurde, erlitt sie schwerste Verletzungen. Sie war monatelang ans Krankenbett gefesselt und begann dort zu malen.

Ihre Selbstporträts sind oftmals eine unmittelbare Reflektion ihres inneren Zustands. Das gilt auch für „Die gebrochene Säule“ von 1944 – ein schmerzhaft ehrlicher Blick in ihren Körper, der sowohl physisches als auch psychisches Leid offenbart. Dabei enthüllt der geöffnete Torso eine bröckelnde antike Säule anstelle der verletzten Wirbelsäule der Malerin.

Das Bild von Frida Kahlo "Die gebrochene Säule" in der Ausstellung X-RAY in der Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Seelische Innensicht: Das Selbstporträt „Die gebrochene Säule“ von Frida Kahlo aus dem Jahr 1944 Pressestelle akg-images

Auf dem Zauberberg wird die Gesellschaft durchleuchtet

Literarisch durchleuchtet Thomas Mann in seinem Roman „Der Zauberberg“ von 1924 Körper und Seelen seiner Protagonist*innen. Er entwarf das Psychogramm einer Gesellschaft am Abgrund, die sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in einem Sanatorium in den Schweizer Bergen von der Außenwelt isolierte.

Die Röntgendurchleuchtung der Patient*innen im Sanatorium von Davos wird zum Sinnbild einer im tiefsten Inneren kranken, im Zerfall begriffenen Vorkriegsgesellschaft, deren Problem die Tuberkulose nur auf metaphorischer Ebene darstellt.

Poster zum Film "Der Zauberberg" von Hans W. Geissendörfer nach dem Roman von Thomas Mann 1982
Poster zum Film "Der Zauberberg" von Hans W. Geissendörfer nach dem Roman von Thomas Mann 1982 Pressestelle Hans-Georg Merkel / Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Röntgenblicke als extremste Form der Sexualisierung

Die Röntgentechnik war und ist mehr als ein medizinisches Instrument. In Gesellschaften, die stark von Männern dominiert waren, wurde sie auch zur Kontrolle weiblicher Körper eingesetzt.

In der Medizin dient der männliche Körper bis heute häufig als Maßstab. Weibliche Körper werden als Abweichung davon betrachtet. Männliche Ärzte nutzten Röntgenbilder, um den weiblichen Körper – der gesellschaftlich beispielsweise in der Reproduktion eine Rolle zu erfüllen hat – zu vermessen und zu bewerten.

Die Verknüpfung von Macht, Medizin und der Sexualisierung des Röntgenblicks zeigt sich auch in der Popkultur: Jahrzehnte nach dem Tod von Marilyn Monroe wurden in den 2010er-Jahren ihre Röntgenbilder als vermeintlich intime Objekte versteigert. Die medizinischen Aufnahmen avancierten zum hochgehandelten Fetischobjekt des sexualisierten Körpers der Schauspielerin.

Ein Bild von Marilyn Monroe Ausstellung X-RAY in der Weltkulturerbe Völklinger Hütte
Die Ausstellung zeigt auch ein Bild von Marilyn Monroe und ihrem Brustkorb als Röntgenaufnahme. Pressestelle Hans-Georg Merkel / Weltkulturerbe Völklinger Hütte

Gläserner Patient: Marija Teresė Rožanskaitė kritisierte die Sowjetunion

Die Wirklichkeit übersteigernden Ölgemälde der Litauerin Marija Teresė Rožanskaitė aus den 1970er- und 1980er-Jahren thematisieren die Röntgendiagnostik und -therapie und hinterfragen das Machtgefälle zwischen Ärzt*innen und Patient*innen.

Denn die Entscheidung über Krankheit oder Gesundheit liegt in der Hand des Fachpersonals. Subtil formulierte die Künstlerin darin auch eine Kritik am Sowjet-Staat.

Marija Teresė Rožanskaitė, Rentgeno terapija, 1977
Marija Teresė Rožanskaitė, Rentgeno terapija, 1977 Pressestelle Lithuanian National Museum of Art, Photo: Antanas Lukšėnas

Was im Innersten der Politiker schlummert

Auch ein Blick in die Vereinigten Staaten verdeutlicht: Die Röntgendurchleuchtung kann hochpolitisch sein. So geschehen in einer Karikatur des Pulitzer-Preisträgers Adam Zyglis, der Präsident Donald Trump im Jahr 2019 mit „Racist Bone“ ein Brustbein in Form einer Ku-Klux-Klan-Kapuze attestierte.

Ein Mann steht in der Ausstellung X-RAY vor der Karikatur: Adam Zyglis, Racist Bone aus The Buffalo News, 2019
Was den US-Präsidenten im tiefsten Inneren bewegt: Karikatur „Racist Bone“ von Adam Zyglis aus The Buffalo News, 2019. Pressestelle Adam Zyglis / Cagle Cartoons / The Buffalo News, NY

Bioramen: Durchleuchtete Tiere und Pflanzen

Der Niederländer Arie van 't Riet hingegen positioniert sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der pensionierte Medizinphysiker arrangiert in seinem Studio Settings aus Pflanzen und toten, meist überfahrenen Tieren und röntgt diese. Daraus entstehen sogenannte Bioramen, die er zu monumentalen Panoramen zusammenfügt.

Die teils digital kolorierten Röntgenaufnahmen von Flora und Fauna werden dabei lebensgroß auf einer Gesamtlänge von über zehn Metern zusammengestellt und dadurch auf eine besondere Art greif- und erlebbar.

Arie van´t Riet, It’s All X-ray Scene 2, 2025
Arie van´t Riet, It’s All X-ray Scene 2, 2025 Arie van´t Riet

Filigrane Strukturen, die sonst dem Blick verborgen bleiben, werden sichtbar und zeigen die Schönheit der Natur in einer überraschenden Form. Häufig gesehene Naturszenen erscheinen dadurch völlig neu. Die in statischer Aktion inszenierten Tiere wirken, reduziert auf ihr Innerstes, faszinierend grotesk, offenbaren uns aber gleichzeitig die Struktur der Natur.

Röntgen-Crashtests aus Freiburg Neue Technik zeigt, was bei einem Unfall im Auto passiert

Das Fraunhofer-Institut für Kurzzeitdynamik EMI in Freiburg hat eine Technik entwickelt, mit der Crashtests live geröntgt werden können.

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Erstmals publiziert am
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Autor/in
Frank Rother