Kunst mit Röntgenblick
Am 8. November 2025 jährte sich zum 130. Mal die erstmalige bewusste Wahrnehmung der X-Strahlen als ein bis dato unbekanntes Phänomen. Entdeckt wurde sie durch Wilhelm Conrad Röntgen in seinem Würzburger Labor.
Die Ausstellung „X-Ray - Die Macht des Röntgenblicks“ in der UNESCO-Weltkulturerbe Völklinger Hütte widmet sich der kreativen Wechselwirkung, die der Röntgenblick in Bereichen wie Kunst- und Kulturgeschichte, Politik, Natur, Literatur und Architektur, Musik, Mode und Kino entfaltet hat – von den Anfängen bis in die Gegenwart.
Wenn Kunstwerke geröntgt werden
Analog zur Untersuchung von Patient*innen in einer Arztpraxis offenbaren die Strahlen bei der Röntgenanalyse von Kunstwerken die tiefsten Schichten von Gemälden.
Statt Knochen legen sie übermalte Fassungen oder ursprüngliche Skizzen frei. Beinahe jedes Bild birgt unsichtbare Geschichten in sich: Korrekturen, geänderte Bildkompositionen oder sogar gänzlich andere Sujets verbergen sich mitunter unter der Oberfläche.
Röntgen-Hype in der Kunst
Ein immenser Presse-Hype verschaffte dem Wissenschaftler Wilhelm Conrad Röntgen nach seiner Entdeckung internationale Bekanntheit. Diese gipfelte im Jahr 1901 in der Auszeichnung mit dem ersten Nobelpreis für Physik.
Die weitreichende Faszination für die Röntgentechnik zeigt sich auch in den kulturellen Reaktionen seiner Zeit. Das Thema fand beispielsweise im damals gerade aufkommenden Medium Film Beachtung. Es inspirierte die Entstehung von Musikstücken, Karikaturen und Kunstwerken.
Frida Kahlo: Das Innerste als gebrochene Säule
In den 1920er-Jahren versinnbildlichte der „Gläserne Mensch“ die bis dahin ungekannte Transparenz des menschlichen Körpers. Die physische Durchleuchtung des Körpers spiegelte sich – frei nach Freud – in der Durchleuchtung der Seele durch Kunst und Literatur wider, exemplarisch bei Thomas Mann, Frida Kahlo und Edvard Munch.
Als die Malerin Frida Kahlo im Alter von 18 Jahren bei einem Busunfall von einer Stange durchbohrt wurde, erlitt sie schwerste Verletzungen. Sie war monatelang ans Krankenbett gefesselt und begann dort zu malen.
Ihre Selbstporträts sind oftmals eine unmittelbare Reflektion ihres inneren Zustands. Das gilt auch für „Die gebrochene Säule“ von 1944 – ein schmerzhaft ehrlicher Blick in ihren Körper, der sowohl physisches als auch psychisches Leid offenbart. Dabei enthüllt der geöffnete Torso eine bröckelnde antike Säule anstelle der verletzten Wirbelsäule der Malerin.
Auf dem Zauberberg wird die Gesellschaft durchleuchtet
Literarisch durchleuchtet Thomas Mann in seinem Roman „Der Zauberberg“ von 1924 Körper und Seelen seiner Protagonist*innen. Er entwarf das Psychogramm einer Gesellschaft am Abgrund, die sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg in einem Sanatorium in den Schweizer Bergen von der Außenwelt isolierte.
Die Röntgendurchleuchtung der Patient*innen im Sanatorium von Davos wird zum Sinnbild einer im tiefsten Inneren kranken, im Zerfall begriffenen Vorkriegsgesellschaft, deren Problem die Tuberkulose nur auf metaphorischer Ebene darstellt.
Röntgenblicke als extremste Form der Sexualisierung
Die Röntgentechnik war und ist mehr als ein medizinisches Instrument. In Gesellschaften, die stark von Männern dominiert waren, wurde sie auch zur Kontrolle weiblicher Körper eingesetzt.
In der Medizin dient der männliche Körper bis heute häufig als Maßstab. Weibliche Körper werden als Abweichung davon betrachtet. Männliche Ärzte nutzten Röntgenbilder, um den weiblichen Körper – der gesellschaftlich beispielsweise in der Reproduktion eine Rolle zu erfüllen hat – zu vermessen und zu bewerten.
Die Verknüpfung von Macht, Medizin und der Sexualisierung des Röntgenblicks zeigt sich auch in der Popkultur: Jahrzehnte nach dem Tod von Marilyn Monroe wurden in den 2010er-Jahren ihre Röntgenbilder als vermeintlich intime Objekte versteigert. Die medizinischen Aufnahmen avancierten zum hochgehandelten Fetischobjekt des sexualisierten Körpers der Schauspielerin.
Gläserner Patient: Marija Teresė Rožanskaitė kritisierte die Sowjetunion
Die Wirklichkeit übersteigernden Ölgemälde der Litauerin Marija Teresė Rožanskaitė aus den 1970er- und 1980er-Jahren thematisieren die Röntgendiagnostik und -therapie und hinterfragen das Machtgefälle zwischen Ärzt*innen und Patient*innen.
Denn die Entscheidung über Krankheit oder Gesundheit liegt in der Hand des Fachpersonals. Subtil formulierte die Künstlerin darin auch eine Kritik am Sowjet-Staat.
Was im Innersten der Politiker schlummert
Auch ein Blick in die Vereinigten Staaten verdeutlicht: Die Röntgendurchleuchtung kann hochpolitisch sein. So geschehen in einer Karikatur des Pulitzer-Preisträgers Adam Zyglis, der Präsident Donald Trump im Jahr 2019 mit „Racist Bone“ ein Brustbein in Form einer Ku-Klux-Klan-Kapuze attestierte.
Bioramen: Durchleuchtete Tiere und Pflanzen
Der Niederländer Arie van 't Riet hingegen positioniert sich an der Schnittstelle von Wissenschaft und Kunst. Der pensionierte Medizinphysiker arrangiert in seinem Studio Settings aus Pflanzen und toten, meist überfahrenen Tieren und röntgt diese. Daraus entstehen sogenannte Bioramen, die er zu monumentalen Panoramen zusammenfügt.
Die teils digital kolorierten Röntgenaufnahmen von Flora und Fauna werden dabei lebensgroß auf einer Gesamtlänge von über zehn Metern zusammengestellt und dadurch auf eine besondere Art greif- und erlebbar.
Filigrane Strukturen, die sonst dem Blick verborgen bleiben, werden sichtbar und zeigen die Schönheit der Natur in einer überraschenden Form. Häufig gesehene Naturszenen erscheinen dadurch völlig neu. Die in statischer Aktion inszenierten Tiere wirken, reduziert auf ihr Innerstes, faszinierend grotesk, offenbaren uns aber gleichzeitig die Struktur der Natur.
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