Frantz Fanon war nur ein kurzes Leben beschieden. Er starb mit gerade einmal 36, an Leukämie. In einem Krankenhaus in Maryland. Ausgerechnet im „Land der Lynchmörder“, wie er die USA einmal bezeichnet hatte. Das war am 6. Dezember 1961.
Algerien stand kurz vor der Unabhängigkeit und nur wenige Tage zuvor war sein Buch erschienen, das ihn posthum zur Symbolgestalt des Freiheitskampfes der sogenannten Dritten Welt machen sollte: „Die Verdammten dieser Erde". Kein Geringerer als Jean-Paul Sartre hatte das Vorwort dazu geschrieben. „The Rebel’s Clinic" heißt der Originaltitel der Biografie.
Und tatsächlich war der große Theoretiker des Antikolonialismus auch und vor allem Psychiater. Gehörte die Psychiatrie zu seiner täglichen Praxis. Es war in Kliniken, wo er seine Beobachtungen zu Macht und Ohnmacht und zur Entfremdung anstellte. In Kliniken formten sich seine Gedanken zu den Auswirkungen von Rassismus und kolonialer Gewalt und wie darauf zu reagieren sei.
Rassismus macht krank
Fanon hat in seinem kurzen Leben viele Kämpfe gekämpft. Schon als 19-Jähriger schließt er sich de Gaulles Armee im Kampf gegen den Faschismus an. Wobei er die tiefgreifende Enttäuschung verkraften muss, dass das republikanische Frankreich sein Versprechen von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit gegenüber seinen schwarzen Soldaten nicht hält.
Nach dem Krieg folgt ein Medizinstudium in Frankreich. Auch hier erlebt er Diskriminierung - am eigenen Leib und im Umgang mit den algerischen Patienten – arme Tagelöhner - durch seine Kollegen. Rassismus macht krank, ist seine Erkenntnis.
1952 veröffentlicht er „Schwarze Haut, weiße Masken". Ein Buch, in dem er genau das beschreibt. Er spricht von „Verinnerlichung und Epidemisierung der Minderwertigkeit“. Damals ist er 27 und seiner Zeit weit voraus. 1953 nimmt er dann eine Chefarztstelle in einer Klinik in Algerien an.
Ein knappes Jahr später beginnt dort ein erbitterter Kampf um die Unabhängigkeit. Einer der grausamsten und blutigsten des 20. Jahrhunderts. Für Fanon gibt es kein Zögern. Er schließt sich dem Widerstand gegen die französischen Machthaber an und wird Mitglied der FLN, bis zu seinem Tod.
Forum Prophet der Befreiung – Wer war Frantz Fanon?
Michael Risel diskutiert mit
Prof. Dr. Andreas Eckert, Afrikawissenschaftler, Humboldt-Universität zu Berlin
Caroline Fetscher, Publizistin, Berlin
Prof. Dr. Claus Leggewie, Politikwissenschaftler, Universität Gießen
Die erste Biografie, die Fanon als Mensch beschreiben will
„The Rebel’s Clinic" ist keineswegs die erste Biografie Frantz Fanons, aber die erste, die versucht, wie Shatz selbst es formuliert…
… einer Symbolgestalt wie Fanon das zu verschaffen, was ihm die weiße Welt zu Lebzeiten vorenthielt: nämlich als Mensch wahrgenommen zu werden.
Die wichtigste Quelle waren ihm hierbei Fanons Schriften selbst. Was sein Privatleben anging, hielt der sich ziemlich bedeckt. Memoiren betrachtete er eher verächtlich als bourgeoises Freizeitvergnügen.
Mit der Akribie eines Archäologen hat sein Biograf jedoch erfolgreich geschürft und eine Vielzahl von, wie er sagt, „verklausulierten Nebenbemerkungen über seine erlebte Erfahrung und die daraus resultierenden Überlegungen gefunden“.
Außerdem hatte Adam Shatz das Glück, noch mit Zeitgenossen und Weggefährtinnen Fanons sprechen zu können. Allen voran mit Marie-Jeanne Manuellan, seiner ehemaligen Sekretärin, die 2019 in einer Seniorenresidenz in Paris verstarb. Mit 91.
Mehrfach hat Marie-Jeanne Manuellan zu mir gesagt: „Ich möchte nicht, dass Fanon in kleine Teile zerlegt wird.“ Wenn man nur einen Aspekt seiner Arbeit und seiner Persönlichkeit betrachte, übersehe man das untrennbar zusammengehörende Gesamtbild.
Vom Wind des Meeres und der Freiheit – Neue Romane und Sachbücher Mit neuen Büchern von Tanja Kinkel, Gaea Schoeters, Adam Shatz, Nikolas Jaspert, Clarice Lispector und Johanna Haberer
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Shatz fügt die Einzelteile zusammen
Adam Shatz hat versucht, diese vielen kleinen Einzelteile zu einem Ganzen zusammenzufügen. Fanon war ein radikaler Universalist. Als Franzose von den Antillen, kämpfte er für die Freiheit Algeriens.
Als rebellischer Geist der er war, unterwarf er sich den autoritären Strukturen einer Befreiungsbewegung. Er befürwortete gewaltsamen Widerstand, beschrieb aber wie kein anderer gleichzeitig mit großer Sensibilität und Menschlichkeit die nachhaltigen Traumatisierungen durch eben diese Gewalt. Und zwar auf beiden Seiten.
Adam Shatz kaschiert diese Widersprüche nicht, sondern lässt sie nebeneinanderstehen, legt nicht fest oder vereindeutigt. Für ihn ist und bleibt Fanon ein lebenslang Suchender. Wie heißt es doch im letzten Satz von „Schwarze Haut, weiße Masken"?
Oh mein Leib, sorge dafür, dass ich immer ein Mensch bin, der fragt!
Frantz Fanon: Kämpfer gegen den Kolonialismus
Frantz Fanon kämpft als Schwarzer für Frankreich und erlebt Rassismus in der Armee. Diese Erfahrung prägt ihn auch später bei seiner Arbeit als Psychiater in Französisch-Algerien.
Gewalttheorie nach dem 7. Oktober
Sechs Jahre hat Adam Shatz an dieser Biografie gearbeitet. Während des Schreibens war er davon ausgegangen, dass sie vor dem Hintergrund der Black Lives Matter Bewegung rezipiert würde, doch dann geschah, nur wenige Monate vor Fertigstellung des Buches, der 7. Oktober. Und die Auseinandersetzung mit Fanon und seiner Gewalttheorie bekam wieder einmal neuen Brennstoff.
So verhandelt Adam Shatz im Epilog die Frage, ob Fanon den Anschlag der Hamas vom 7. Oktober gutgeheißen, ihn womöglich als Form antikolonialer Gewalt für legitim erachtet hätte. Die Beantwortung dieser Frage macht er sich nicht leicht.
Sie widerzugeben, würde diese Rezension sprengen, aber vielleicht bietet die Neugier darauf einen weiteren Grund dafür, sich in die Lektüre dieser fulminanten Biografie zu stürzen.
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