Buchkritik

„Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben" von Alexandra Bleyer

In 19 sorgsam recherchierten Kapiteln erzählt Historikerin Alexandra Bleyer in ihrem Buch „Revolutionärinnen. Frauen, die Geschichte schrieben“ vom Leben und Wirken namhafter Feministinnen weltweit.

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Stand

Von Autor/in Judith Reinbold

Ob Olympe de Gouges ahnte, welche Bedeutung ihre „Erklärung der Frauen und Bürgerinnenrechte“ einmal erlangen würde? Als Wegbereiterin der feministischen Bewegung steht sie mit ihrer Biografie am Anfang des Buches.

Von Amerika bis Ägypten: Frauen kämpften weltweit für Gleichberechtigung 

In 19 Kapiteln beleuchtet die Autorin den Werdegang feministischer Ikonen wie George Sand oder Rosa Luxemburg. Aber auch hierzulande weniger bekannte Figuren, wie beispielsweise die ägyptische Frauenrechtlerin Hudā Sha’rāwī stellt uns die Autorin vor.  

Dabei bietet sie spannende Einsichten in die landes- und kulturspezifischen Kontexte, in denen sich die Frauen bewegten. Im Kapitel über die türkische Frauenrechtlerin Emine Semiye geht es auch um die gravierenden politischen Umbrüche im Osmanischen Reich.

Und im Kapitel über die chinesische Dichterin und Feministin Qui Jin erfahren wir, was es mit dem ‚Füßebinden‘ in der Qing-Dynastie auf sich hat: Dabei werden jungen Mädchen in einer qualvollen Prozedur die Füße gebunden, um das Schönheitsideal winziger „Gold-Lotus“-Füße zu erreichen.  

Die promovierte Historikerin orientiert sich eng an den Fakten: Jede Passage wird mit einer wissenschaftlichen oder historischen Quelle belegt. Häufig zitiert sie aus Reden, Tagebüchern oder Briefen. Abigail Adams etwa, „First Lady“ der Vereinigten Staaten und wichtige Ratgeberin ihres Mannes John Adams – schreibt an ihre Schwester Elizabeth: 

Ich werde es nie gutheißen, dass unser Geschlecht als minderwertig gilt. […]  Wenn der Mann der Herr ist, ist die Frau die Herrin – dafür setze ich mich ein, und auch wenn keine Frau die Zügel des Staates in der Hand hält, sehe ich doch nicht ein, warum sie sich dazu nicht äußern können soll.

Kritik und Schikanen gegen die Frauenrechtsbewegung sind nicht neu 

Beim Lesen fällt auf, dass die Frauen trotz ihrer unterschiedlichen Lebenssituationen Ähnliches forderten. Vor allem ging es ihnen um Selbstbestimmung und politische Teilhabe.

Zugleich waren die Bewegungen in mancher Hinsicht tief gespalten, wie etwa ein ausgewähltes Zitat der türkischen Autorin Pakize Sadri verdeutlicht. Mit Blick auf die militanten britischen Suffragetten stellt sie fest:  

Für Halbverrückte, die für ihre Rechte mit Bomben arbeiten, und für auserwählte Frauen, die mit passiver Perfektion ihren Wohlstand in Zukunft vorbereiten, wird leider der gleiche Begriff verwendet: Feminismus!

Auch auf äußere Widerstände stießen die Feministinnen. Hier zeigt Bleyer, dass neben inhaltlicher Kritik auch böswillige Schikanen auf der Tagesordnung standen: Der Japanerin Kishida Toshiko wurde vorgeworfen, sie sei nur in der Bürgerrechtsbewegung aktiv, um Männern nachzustellen und die Russin Alexandra Kollontai geriet in Verruf, weil sie mit einem 17 Jahre jüngeren Mann liiert war.  

Solche Diffamierungen, aber auch einige der im Buch thematisierten Forderungen, wie die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, prägen auch heutige Diskurse. Diese deutlichen Bezüge zur Gegenwart werden von der Autorin allerdings nicht weiter kommentiert.  

Wissenschaftliche Präzision und lockerer Schreibstil 

Umso mehr Raum bleibt für die Nacherzählung historischer Ereignisse: Gesetzesänderungen, Parlamentsdebatten, Protestaktionen, Weltkongresse – Bleyer behält die einzelnen Entwicklungsschritte ebenso im Blick wie die komplexen Verbindungen zwischen den Akteurinnen.

Dem zu folgen erfordert ein hohes Maß an Aufmerksamkeit. Und doch ist die dichte Lektüre dank vieler anschaulich erzählter Anekdoten recht kurzweilig. 

Meist gelingt der Sachbuch- und Krimiautorin die Gratwanderung zwischen unterhaltsamer Erzählung und wissenschaftlicher Betrachtung, auch wenn ihr manche Formulierungen etwas zu salopp geraten, etwa wenn sie schreibt, die Gefängnisaufenthalte der Suffragetten seien „kein Honigschlecken“ gewesen. 

Leider endet die durchaus bereichernde Lektüre in einem eher enttäuschenden Schlusskapitel. Unter der Überschrift „Was bleibt“ verweist Bleyer auf nur einer Seite auf das ohnehin Offensichtliche: Bildung und öffentliche Aufmerksamkeit sind wichtig, um Veränderungen zu bewirken, und Gewalt ist nicht die Lösung.

Dabei steckt so viel mehr in den sorgfältig recherchierten und abwechslungsreich erzählten Kapiteln, die zeigen, wie leidenschaftlich und aufopferungsvoll jede der Frauen auf ihre eigene Art um ihre Rechte kämpfte. 

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Judith Reinbold