SWR Kultur: Frau Sauer, „Im Leben nebenan“ heißt Ihr erster Roman. Über der Handlung schwebt eine große Frage: Was wäre, wenn Ihre Protagonistin Antonia, beziehungsweise Toni, eine andere Abzweigung im Leben genommen hätte? Fragen Sie sich auch manchmal: Wo wäre ich, wenn ich an der einen oder anderen Stelle eine andere Entscheidung getroffen hätte?
Anne Sauer: Es kommt noch gelegentlich vor, dass ich das mache. Ich habe das früher mehr gemacht und dieses Gedankenexperiment freudig fortgeführt.
Mittlerweile entscheide ich mich einfach schneller. Ich habe ein bisschen mehr Mut gewonnen. Aber ich liebe es, ab und zu in dieser zukunftsgerichteten Was-wäre-wenn-Version meines Lebens zu versinken.
Toni wacht in einem anderen Leben auf
SWR Kultur: Ihr Roman ist eigentlich auch ein großes Gedankenexperiment. Worum geht es denn in „Im Leben nebenan“?
Anne Sauer: Es geht um Antonia oder Toni, eine Figur, die plötzlich in einem anderen Leben aufwacht. Nicht mehr neben ihrem langjährigen Partner in der Stadt, wo sie sich ein Leben aufgebaut und einen Job gewählt hat, wo sie auf scheinbar stabilen Säulen steht.
Sie wacht auf in ihrem Heimatdorf, wo sie aufgewachsen ist. Sie ist scheinbar verheiratet mit ihrer Jugendliebe, was sie sehr irritiert, denn den hat sie eigentlich vor ganz vielen Jahren verlassen.
Und sie hat ein Baby, das auf ihrer Brust liegt. Sie hat absolut keine Erinnerung daran, dass sie überhaupt dieses Leben geführt haben soll oder wie es zu der Geburt kam. Das ist ein großer Schockzustand zu Beginn. Sie versucht, das zu vermitteln und zu sagen:, „Leute, hier ist was falsch“.
Das Buch zeigt beide Versionen des Lebens. Mit Antonia, die plötzlich in dem einen Leben aufwacht, in dem sie sich fremd fühlt.
Ein Leben, zwei Möglichkeiten: Anne Sauer und ihr Romandebüt „Im Leben nebenan“
Mutterschaft als literarisches Sujet
SWR Kultur: Mutterschaft ist ein Thema, über das es in letzter Zeit viele Bücher und Romane gibt. Stefanie de Velasco, Guadalupe Nettel und Antonia Baum haben darüber geschrieben, um jetzt nur ein paar Beispiele zu nennen. Was hat Sie literarisch gereizt, sich diesem Themenfeld anzunähern?
Anne Sauer: Besonders die Perspektive einer Figur, die meinem Alter entspricht. Eine Figur abzubilden, wie eben Toni eine ist, die sich nicht sicher ist.
Es geht auch um den vermeintlichen Kinderwunsch und die Frage, woher der überhaupt kommt. Ist das mein eigener Kinderwunsch oder ist er mir anerzogen worden? Habe ich das Gefühl, ich muss da mitmachen, damit ich zugehörig bin?
Ich finde, das Thema ist so facettenreich und die von Ihnen genannten Autorinnen haben das auch schon in ihren Versionen abgebildet. Mich haben eben diese zwei sehr kontrastreichen Lebensrealitäten gereizt: die einer Mutter fünf bis sechs Wochen nach der Geburt und die einer Person, die am Kinderwunsch zu scheitern droht.
Was passiert mit denen? In welchen Stilen oder in welchem Ton kann ich das Innenleben dieser Figuren abbilden? Das hat mich sehr gereizt.
Das Umfeld beeinflusst den Kinderwunsch
SWR Kultur: Bei Toni oder Antonia sind es eben nicht nur eigene Entscheidungen, die sie treffen muss, sondern sie ist natürlich von ihrem Umfeld genauso beeinflusst.
In erster Linie sind es die Partner, die Einfluss auf sie nehmen, aber auch die Freundinnen oder die Freunde, die Mutter ihres Partners oder das Verhältnis zu ihrer eigenen Mutter. Auch das spielt eine Rolle.
Anne Sauer: Absolut. Die eigene Mutter ist abwesend, sie ist leider verstorben. Das ist etwas, wo Toni oder Antonia irgendwann denkt: Ich hätte sie fragen sollen. Wie war das damals bei dir? Die Fragen, die sie im Kopf hat, sind unterschiedlicher Natur, in beiden Welten sind die ein bisschen unterschiedlich.
Beide Figuren oder beide Frauen finden sich in ganz anderen Situationen wieder. Die Entscheidungen, die für sie getroffen werden, führen dazu, dass zum Beispiel Antonia gar keine Zeit hat, sich großartig Gedanken über eine Zukunft zu machen.
Sie ist so gefangen im Hier und Jetzt und sie muss reagieren. Sie kommt in eine Passivität.
Sie muss ihren eigenen Weg wieder hinausfinden oder zumindest ihren Platz zurück erkämpfen, um herauszufinden, wer sie denn ist in diesem Leben? Wie kann sie sich denn diese Version dieses Lebens zu eigen machen?
Ich glaube, das ist etwas, was viele kennen, die sich, wie beim Thema Mutterschaft, wiederfinden in einer Situation, die vorher nie dagewesen ist. Also eine Kehrtwendung. Wenn das Leben einmal Kopf steht, wie finden wir da wieder einen Weg auf zwei sichere Beine? Das ist bei Antonia der Fall.
Während Toni zum Beispiel, ich möchte sagen ... in so einer schönen Zweisamkeit mit ihrem Partner lebt. Mit Jakob, der sie auch unterstützt. Die beiden gehen einen sehr kapseligen Weg. Sie hat zwar Freunde und Freundinnen, aber teilt nicht so richtig alles rund um das Thema Kinderwunsch.
Ich glaube, das ist ganz natürlich, weil sich viele Frauen oder Menschen, die sich damit beschäftigen, unsicher sind. Und da gar nicht so mit nach draußen gehen, weil sie sich fragen: Warum bin ich mir denn nicht sicher? Was stimmt denn eigentlich nicht?
Wenn was schief geht oder wenn es nicht klappt, woran liegt das? Da ist auch ein Scham-Aspekt mit dabei. Und das sind die Unterschiede der beiden. Beide kämpfen sich eben so ein bisschen raus.
SWR Kultur: Aber einen Ratgeber wollten Sie nicht schreiben?
Anne Sauer: Nee, nee, absolut nicht. Es ist schon ein Roman, es ist eine reine Fiktion. Das liegt mir völlig fern, einen Ratgeber zu schreiben.
Richtig oder falsch gibt es nicht
SWR Kultur: Weil einige Fragen natürlich auch offen bleiben.
Anne Sauer: Absolut. Fragen ist das richtige Stichwort, weil ich der Meinung bin, es gibt bei diesem Thema so selten eine einzige Antwort. Und das lernen auch die beiden Figuren.
Es sind mehr Fragen, die ich im Text stelle, die die Figuren sich stellen und damit ja auch die Leser und Leserinnen stellen können. Aber alle für sich selbst. Das habe ich jetzt auch schon gemerkt, das ist ganz interessant: Jeder zieht da so ein bisschen was Eigenes raus.
Anti-Familienromane Bye Bye, Buddenbrooks! Drei Romane, die keine Lust auf Familie haben
Gerade Autorinnen schreiben gegen die traditionelle Kernfamilie à la „Buddenbrooks“ an. Wir stellen drei Romane von Linn Strømsborg, Stefanie de Velasco und Valerie Fritsch vor.
Die Idee zum Roman kam in der Badewanne
SWR Kultur: Auf Instagram habe ich gelesen, dass Ihnen die Idee zum Buch in der Badewanne kam. Und auch, dass Sie das in Interviews nicht immer zugeben wollen.
Anne Sauer: Es ist tatsächlich so gewesen, dass sie in der Badewanne kam, in der Badewanne meiner Eltern. Das war nach der Frankfurter Buchmesse 2022.
Ich weiß nicht genau, was da passiert ist, aber ich habe gedacht: Was wäre denn, wenn jetzt ein Baby bei mir wäre? Ich hatte auf einmal Gänsehaut und habe gemerkt, dass da eine Geschichte lauert und da bin ich dem nachgegangen. Die Badewanne war irgendwie ein guter Moment.
SWR Kultur: Sie sind auch Podcasterin. Im Podcast „Monatslese" sprechen Sie mit Tina Lurz über Bücher und auf ihrem Instagram-Kanal @fuxbooks empfehlen Sie regelmäßig Lektüren.
Jetzt machen wir doch mal ein kleines Gedankenspiel: „Im Leben nebenan" in der Berufsedition quasi. Stellen Sie sich doch mal eine Welt vor, in der Sie nicht @fuxbooks sind, sondern nur Romanautorin. Sie nehmen Ihr Telefon in die Hand, öffnen die App und ein anderer @fuxbooks-Account postet eine kurze Social-Media-Rezension zu Ihrem Buch. Was würde da stehen?
Anne Sauer: Da würde vielleicht stehen, ich habe mir dieses Buch heimlich gewünscht, ohne es zu wissen.