Rückkehr aus Amsterdam
Anfang der 1980er Jahre in einem kleinen Dorf bei Nizza. Désiré, ein junger Metzgerssohn, bricht aus der Enge der Provinz aus und verschwindet nach Amsterdam. Wochen später holt ihn sein jüngerer Bruder zurück. Désiré ist heroinabhängig. Die Familie sieht hilflos zu, wie die Droge allmählich sein Leben bestimmt.
Das Dorf und die Krankheit
Was niemand im Dorf weiß: Seit Anfang der achtziger Jahre grassiert ein neuartiges Virus, das tödlich ist. Vor allem Homosexuelle und Heroinabhängige fallen ihm zum Opfer. Ein Thema für die Metropolen, scheint man zu glauben. Aber das Virus macht auch vor der französischen Provinz nicht halt. Immer mehr junge Menschen im Dorf sind infiziert. Die Eltern hüllen sich in Schweigen. Und der Dorfarzt ist überfordert.
Ein Virus, das niemand kennt
Und während Désiré versucht, sich in einem zumindest nach außen hin bürgerlichen Leben einzurichten, und eine Tochter bekommt, lauert das Virus nicht nur in ihm, sondern auch in seiner ebenfalls heroinabhängigen Frau. Und in seinem Kind.
Ein Wettlauf der Wissenschaftler beginnt. Fieberhaft suchen sie nach dem Auslöser der Krankheit, die als AIDS in den 80er Jahren für eine Million Tote verantwortlich sein wird.
Der Tod und das Schweigen
Jahrelang wird in Désirés Familie über sein tragisches Schicksal geschwiegen. Bis Anthony Passeron, sein Neffe, vierzig Jahre später beginnt, Fragen zu stellen. Er erzählt die Geschichte seines Onkels, die auch die Geschichte einer ganzen Epoche ist, und eines Dorfes, das unter der Last der Toten fast zerbricht.
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Anthony Passeron: Die Schlafenden (1/8)
1981 taucht eine seltene Lungenkrankheit in den USA und Frankreich wieder auf, die als ausgerottet galt. Alle Erkrankten sind homosexuell. Bald gibt es auch eine Häufigkeit von anderen bisher seltenen Erkrankungen. Der Grund scheint eine Immunschwäche zu sein. Ein Jahr später bekommt die Krankheit, die diese Immunschwäche auslöst, einen Namen: AIDS.
In einem kleinen südfranzösischen Dorf bricht Desiré 1983 aus der Metzgerei seiner Eltern in die weite Welt auf. Er ist der Intellektuelle in der Familie, während sein Bruder Émile von klein auf das Metzgerhandwerk lernt. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (2/8)
Émile hat seinen heroinabhängigen Bruder Desiré aus Amsterdam nach Hause geholt. Désiré hat seinen Job im Notariat gekündigt und lebt in den Tag hinein. Um die Familienehre nicht zu gefährden, schweigen die Eltern über seine Drogensucht.
Und noch immer suchen die Virologen in aller Welt nach dem Erreger der neuartigen Krankheit, die eine der tödlichsten Epidemien des ausgehenden Jahrhunderts werden wird. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (3/8)
Désiré ist kein Einzelfall. Die gelangweilte Dorfjugend hat die Drogen für sich entdeckt. Ihre Eltern schuften und stecken den Kopf in den Sand.
In den USA und in Frankreich legen die Wissenschaftler Nachtschichten ein, um dem HI-Virus auf die Spur zu kommen. Nach wie vor glaubt man in der Bevölkerung, dass AIDS nur die drei Risikogruppen betrifft: Homosexuelle, Heroinabhängige und Menschen mit Hämophilie. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (4/8)
Désiré kommt nicht vom Heroin los, genauso wenig wie seine Freundin Brigitte. Seine Familie ist verzweifelt. Und schon macht die nächste schlimme Nachricht im Dorf die Runde: Einer ihrer Freunde hat sich mit dem AIDS-Virus infiziert. Und Désiré hat dieselbe Nadel benutzt. Seine Mutter bringt ihn zur Untersuchung nach Nizza.
Mitte 1984 machen die Wissenschaftler im Institut Pasteur ein bahnbrechendes Experiment: Erstmals gelingt es ihnen, im Labor zu reproduzieren, was im Körper eines Erkrankten passiert. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (5/8)
Désiré und Brigitte heiraten. Und sie bekommen eine Tochter: Émilie. Es könnte eine Zeit des Glücks sein. Doch die kleine Émilie ist mit dem HI-Virus infiziert. Und Désiré reibt sich zwischen Entziehungskuren und Rückfällen auf – und mit ihm die ganze Familie.
In der Forschung gibt es im Juni 1986 einen Hoffnungsschimmer. Zum ersten Mal scheint es ein Medikament zu geben, das den Lauf der tödlichen Krankheit aufhält. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (6/8)
Trotz aller Hoffnungen, die die gesamte Familie in Désirés Entziehungskuren setzt, gelingt es ihm nicht, vom Heroin loszukommen. Die ersten Symptome von AIDS zeigen sich bei ihm. Er stirbt noch vor seinem dreißigsten Geburtstag.
In den USA erliegt Rock Hudson der Krankheit und wird zum prominenten Gesicht von AIDS, während die Gesellschaft immer hysterischer auf die HIV-Infizierten reagiert. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (7/8)
Émilie wächst auf wie alle anderen Kinder im Dorf, eng verbunden mit ihren beiden Cousins. Als auch ihre Mutter an AIDS stirbt, lebt sie bei den Eltern ihres Vaters, behütet von beiden Großmüttern. Doch je größer und stärker die anderen Kinder werden, desto schwächer wird Émilie. Die Familie hat nur eine Hoffnung: dass Émilie durchhält, bis ein Heilmittel gegen AIDS gefunden ist.
Die Wissenschaftler erproben Kombinationstherapien, die erste Erfolge bei der Bekämpfung der Krankheit zeigen. -
Anthony Passeron: Die Schlafenden (8/8)
Die Krankheit Émilies bringt die Großmütter, die schon ihre Kinder verloren haben, an ihre Grenzen. Täglich pendelt eine von ihnen ins Krankenhaus nach Nizza. Mit allen Mitteln kämpfen sie um das Leben ihrer Enkelin.
2008 erhalten die Franzosen Françoise Barré-Sinoussi und Luc Montagnier den Nobelpreis für Medizin für ihre Entdeckung des AIDS-Virus 1983 am Institut Pasteur.
Podcast-Tipp:
Willkommen im Club – der queere Podcast von PULS
https://1.ard.de/willkommen-im-club -
Trailer "Die Schlafenden" - Hörbuch von Anthony Passeron
Eindrücklich und sensibel erzählt Anthony Passeron von der Tragödie seiner Familie, die mit den Anfängen der AIDS-Epidemie verknüpft ist, und bricht ein jahrelanges Schweigen.
Ab dem 7. November 2025 in der ARD Audiothek.
Weitere Infos finden Sie auf https://www.swrkultur.de/literatur
Mehr Hörbücher? Gibt es in der ARD Audiothek.
Zum Beispiel: „Bruder, wenn wir nicht family sind, wer dann“ von Oliver Lovrenski, gelesen von Yasin El Harrouk: https://t1p.de/q5fh3