Die 1966 geborene Schriftstellerin hat sich zur Spezialistin für schmale, präzise gearbeitete und hintergründige Kurzromane entwickelt, in deren Mittelpunkt historische Figuren stehen.
Für ihren Roman „Die Dame mit der bemalten Hand“ wurde Wunnicke im Jahr 2020 mit dem renommierten Wilhelm-Raabe-Preis ausgezeichnet. Darin reiste sie ins Jahr 1764 und auf eine Insel namens Elephanta, ein merkwürdiges indisches Territorium, auf dem sich eine nicht minder merkwürdige Gesellschaft auf verschlungenen Wegen zusammengefunden hat.
Ein Ausflug ins 18. Jahrhundert
Wunnicke hat ein Gespür für die Poesie des Abseitigen. Das Spektakuläre liegt in ihrem Blick und in ihrer Sprache.
So ist es auch in ihrem neuen Roman „Wachs“, der erneut ins 18. Jahrhundert führt. Marie Marguerite Bihéron ist die (reale) Hauptfigur des Romans. Geboren 1719 in Paris als Tochter eines Apothekers, studierte sie Illustration, begann aber bereits in sehr jungen Jahren, sich mit der Anatomie zu beschäftigen und Leichen zu sezieren.
Es ging dabei zum einen darum, Geld für den Unterhalt der Familie beizusteuern; hauptsächlich aber war Marie von Wissens- und Forscherdrang angetrieben; von der Neugier, hinter das zu schauen, was normalerweise verborgen bleibt. Bihéron entwickelte in der Technik von Wachsmodellationen von Organen und Körpern ein Können, das sie zur Künstlerin machte. Selbst Monarchen bewunderten ihre Exponate; Diderot besuchte ihre Vorlesungen.
Diese außergewöhnliche Frauenfigur entreißt Christine Wunnicke nun dem Vergessen. Darüber hinaus spinnt sie eine Liebesgeschichte zwischen zwei Frauen: Madeleine Francoise Basseporte wird zur Lehrerin der 18 Jahre jüngeren Bihéron und war, so vermutet man, über viele Jahre hinweg auch deren Geliebte. In „Wachs“ geht es also in mehrfacher Hinsicht um die tabuisierte Erforschung von Körpern.