Das wäre vielleicht einmal eine Dissertation wert: Das Verhältnis von Autorinnen, Autoren und überhaupt Literaturmenschen zum Schwimmen. Der prominenteste Schwimmer der deutschsprachigen Nachkriegsliteratur war mit Sicherheit der eiserne Siegfried Unseld, der seine Bahnen zog, wo immer er Wasser sah. Marion Poschmann, eine der elaboriertesten und elegantesten Autorinnen unserer Gegenwart, die die Prosa ebenso gekonnt beherrscht wie das Gedicht, zielt in ihrer Verslegende, so der Untertitel, ganz gewiss nicht auf Abhärtung, Selbstüberwindung.
Kälte, das schreibt sie gleich zu Beginn, sei Klarheit. Da ist Thekla, „die hat es von Paula“, und die wiederum von ihrer Großmutter: „Einfache Tatsache gegen jedwede Gewohnheit: / Man kann bei beliebiger Temperatur draußen baden, / man braucht keine Hilfsmittel, braucht keine Schutzschicht, / erst recht keinen Anzug aus Neopren. / Vorausgesetzt nicht einmal kontinuierliches Training, / nur einfaches Weiterschwimmen vom Sommer zum Herbst. / Dann erlebt man im Winter das Wunder: / Der Körper passt sich an kalte Umgebungen an.“
Doch ist das möglicherweise eine Anmaßung? Eine Sittenwidrigkeit gar, sich gegen die Jahreszeiten zu stellen, sich aufzulehnen gegen die vermeintlichen Naturgesetze, die von den Temperaturen vorgegeben werden? Und in welchem Bewusstsein lebt man überhaupt, wenn man sich einer derartigen Extremerfahrung aussetzt?
Marion Poschmann zieht tatsächlich die großen Winterschwimmer der Literaturgeschichte heran: Goethe zum Beispiel, der auf Anweisung seiner Ärzte die Eisschichten aufhackte für seine Wasserkur, oder Puschkin. Aber natürlich geht Poschmanns Poem buchstäblich tiefer, in die religiösen Symbolzusammenhänge und in die Betrachtung von Körpern. Und, auch das ein bekannter Topos bei dieser Autorin, um das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Natur.