Für einen Auszug aus ihrem zweiten Roman erhielt die 1980 in Bremerhaven geborene Gesa Olkusz im Jahr 2015 den Kranichsteiner Literaturförderpreis. Sie hat sich also lange Zeit gelassen für dieses Buch, und man merkt dem Roman die Sorgfalt und die Präzision, nicht aber die Mühe an, mit der er gearbeitet ist.
Es beginnt mit einer rätselhaften Szene an einem Sommermorgen: Parker und Kasimir, zwei Brüder, gemeinsam in der Küche. Kasimir, so heißt es, sei der „Wächter der Speisen“, doch der Bruder möchte nichts essen, „knallt nur die Kaffeetasse auf den Tisch, reißt die Autoschlüssel an sich und ist mit zwei Schritten an der Hintertür. Und gerade bevor sie hinter ihm ins Schloss fällt, gerade vor dem schnappenden Geräusch des einrastenden Metalls, gerade davor steigen die Töne auf, drängen sich mit dem Morgenlicht durch den letzten Spalt herein und begleiten, hohl und glasklar, Parkers Abgang.“ Was Gesa Olkusz aus diesem Auftakt heraus entfaltet, ist eine Familiengeschichte, die vieles offenbart, doch wenig erklärt; die Lücken lässt, offene Räume.
Die Mutter der beiden Brüder ist gestorben. In Rückblenden rollt Olkusz die Geschichte auf: Parker und Kasimir sind kleine Kinder, als die Mutter mit ihnen in den USA ein neues Leben anfangen möchte. Der Vater ist nicht mitgekommen. Ein frühes Trauma. Trotz der Aufbruchsstimmung fühlt Kasimir sich in dem neuen Leben nicht wohl, und eines Tages weigert sich die Mutter, ihr Schlafzimmer zu verlassen. Ein elegantes und subtiles Buch über Ankünfte, Aufbrüche, Verluste und untergründige Familiendynamiken.