Mit „Die Erfindung des Ungehorsams“ gewann Martina Clavadetscher im Jahr 2021 den Schweizer Buchpreis. Ihr neuer Roman kommt im Gewand eines klassischen Krimis daher. Beim Schlittschuhlaufen auf dem erstmals seit langem zugefrorenen (fiktiven) Ödwilersee bleibt die Kufe eines dreizehnjährigen Jungen an einem Widerstand hängen: Der Zipfel einer Jeans, in der sich ein Mensch befindet. Eine männliche Leiche.
Der Polizeiarchivar Schibig muss an den Tatort, um diesen zu bewachen. Sonst hat gerade niemand anderes Zeit. Der Fall wird ihn weiter beschäftigen, auch als die Kollegen die Ermittlungen übernommen haben. Clavadetscher weitet den Roman geschickt zu einem Schweizer Panorama aus, das rund 100 Jahre zurückreicht und in die Gegenwart ausstrahlt. Es geht um die Finanzierung rechtsradikaler Gruppierungen, um ein Nazi-Mausoleum auf dem Friedhof von Chur, um die Machenschaften einer Fabrikanten-Dynastie, um die Ausbreitung des Populismus in der Schweiz.
Martina Clavadetscher macht kein Hehl daraus, dass Friedrich Dürrenmatt zu ihren großen Vorbildern gehört. Auch er hat die Leichen aus dem Keller der saturierten Schweizer Gesellschaft geholt. Und es ist auch ein persönliches Buch, denn das Auftauchen von Neonazis in ihrer Innerschweizer Heimat vor 30 Jahren habe seitdem in ihr gegärt, erklärte sie in einem Interview. Doch die Schweizerin beharrt auf die Wirkmacht der Fiktion, um Zusammenhänge sichtbar zu machen und Kontinuitäten aufzuzeigen.