Kaleb Erdmann, Jahrgang 1991, lebte in den Jahren 2000 bis 2003 in Erfurt, weil seine Mutter dort eine Stelle an der Universität hatte. Erdmann war Schüler des Gutenberg-Gymnasiums, an dem Robert Steinhäuser bei einem Amoklauf im April 2002 zunächst 16 Menschen und dann sich selbst erschoss.
Der Ich-Erzähler in Erdmanns Roman ist nicht identisch mit dem Autor, weist aber viele Übereinstimmungen auf. Er war während des Amoklaufs im Schulgebäude, hat aber von der Tat an sich nur sehr wenig mitbekommen. Rund 20 Jahre später gerät er, der mittlerweile Schriftsteller geworden ist, in einer Gastwirtschaft mit einem Mann in Streit, der behauptet, den Amokläufer gekannt zu haben und diesen verteidigt. Der Abend endet mit einer gebrochenen Nase und dem Entschluss, ein Buch über Erfurt zu schreiben.
Das Prinzip, nach dem der Erzähler vorgeht, ist das eines langsamen Vorantastens, einer ständigen Befragung und Selbstbefragung: Wie schreibe ich über dieses Thema, ohne in einen billigen True-Crime-Voyeurismus zu verfallen? Habe ich das Recht, über dieses traumatische Erlebnis zu schreiben? Bin ich selbst genug betroffen davon? Und taugt Erfurt als eine große Metapher für die Gesellschaft?
Erdmanns Buch ist Doku-Roman und Aufarbeitung zugleich. Ein ernsthafter Versuch, der an den passenden Stellen mit erstaunlich viel Humor ausgestattet ist.