Es gibt nicht wenige, die Anna Seghers, geboren 1900 in Mainz, gestorben 1983 in Ost-Berlin, für eine der bedeutendsten Schriftstellerinnen des 20. Jahrhunderts halten.
„Ein vollkommenes Kunstwerk“ nannte beispielsweise Marcel Reich-Ranicki Seghers 1942 erschienenen Roman „Das siebte Kreuz“, weil es kein Buch gebe, so der Kritiker, das die Atmosphäre des Dritten Reichs genauer spiegele.
Anna Seghers wanderte 1941 nach Mexiko aus, kehrte 1947 nach Deutschland zurück, wurde Mitglied der SED und war bis zum Jahr 1978 Präsidentin des Schriftstellerverbandes der DDR. Ein deutsches Leben also, geprägt von der ideologischen Gewalt des Jahrhunderts.
Der nun vorliegende Band mit Briefen gilt als eine wirkliche Sensation: Als Anna Seghers Enkel, Jean Radványi, Familienunterlagen sortierte, stieß er auf eine Schachtel – und darin auf etwas völlig Unerwartetes: Mehr als 400 Briefe, die seine Großmutter an ihren späteren Mann László Radványi, genannt „Rodi“, in den Jahren zwischen 1921 und 1925 geschrieben hat, vom Beginn ihrer Bekanntschaft bis zur Hochzeit.
Der Großvater hatte die Briefe, nachdem er sie gelesen hatte, sorgfältig zurück in die Umschläge gesteckt und zu in Zeitungen eingeschlagenen Päckchen sortiert.
Die Antwortbriefe, wenn es denn welche gab, sind nicht erhalten geblieben, doch erweitere diese einseitige Perspektive, so schreibt Jean Radványi in seinem Vorwort, das Wissen der Leserschaft in einer entscheidenden Periode im Leben der Schriftstellerin, die seinerzeit noch den Namen Netty Reiling führte und als Tochter einer angesehenen jüdischen Familie ihr Studium aufnahm und an der Universität Heidelberg jenen Mann kennenlernte, mit dem sie bis zu dessen Tod im Jahr 1978 verheiratet bleiben sollte. „So in etwa beginnt die Geschichte meiner Familie“, schreibt der Enkel. Wir lesen mit.