Fantasie, Kreativität und die „Wilden Hühner“

Cornelia Funke: „Wir brauchen ab und zu das Fliehen“

Cornelia Funke lädt in ihrem neuen Wimmelbuch zum Abtauchen ein. Im Gespräch erzählt sie, warum Fantasie Kraft geben kann, wie sie Künstler fördert und was aus den „Wilden Hühnern“ wird.

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Cornelia Funke hat Generationen von Kindern und Jugendlichen in fantastische Welten begleitet. „Die wilden Hühner“ inspirierten viele Mädchen zu einer eigenen Bande, „Herr der Diebe“ führte in die verwunschene Stadt Venedig und die „Tintenwelt“-Romane machten die Magie von Büchern sogar selbst zum Abenteuer.

Funke gehört zu den bekanntesten deutschen Kinder- und Jugendbuchautorinnen. Ihre Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und vielfach verfilmt. Und sie ist nicht nur Schriftstellerin: Funke hat Buchillustration studiert und das Zeichnen immer als Teil ihrer Arbeit behalten. Auch eigene Bücher hat sie selbst illustriert.

Jetzt bekommen ihre Bilder besonders viel Raum beziehungsweise könnte man auch sagen, dass die Erfolgsautorin zu ihren zeichnerischen Wurzeln zurückkehrt: Am 3. September 2026 erscheint „Wo Feen Nester bauen und Kobolde aus Büchern schlüpfen – Bilder zum Verlorengehen“ im kunstanstifter Verlag. Funke hat die fantastischen Wimmelwelten selbst gezeichnet und kurze Texte dazu geschrieben.

Autorin und Illustratorin Cornelia Funkes
Cornelia Funkes Bücher wurden bis 2020 in 50 Sprachen übersetzt und weltweit mehr als 31 Millionen Mal verkauft. Picture Alliance

„Eigentlich war das einfach nur Spaß“

Ein Buch war zunächst gar nicht geplant. Funke malte die großen Bilder abends für sich, einfach weil sie Freude daran hatte. Dann bemerkte sie, wie stark die Bilder auf andere Menschen wirkten. Besucherinnen und Besucher konnten sich, so erzählt die Autorin, kaum von den Zeichnungen lösen.

„Die verloren sich so in diesen Bildern“, erzählt sie. Stundenlang habe man ihr teilweise über die Schulter geschaut. Eine von ihnen war Lena vom kunstanstifter Verlag. Sie fragte Funke, warum daraus nicht ein Bilderbuch werden könnte. „So begann das,“ lacht Funke.

Im Buch treffen Feen, Meerleute, Kobolde und andere fantastische Wesen aufeinander. Es gibt unter anderem die Stadt der Meerleute und das Haus der Fabelwesen. Die Bilder sind so angelegt, dass man immer wieder neue Details entdecken kann.

Illustration aus Cornelia Funkes Wimmelbuch
Auszug aus der Abbildung „Die Stadt der Meerleute“ von Cornelia Funkes Wimmelbuch „Wo Feen Nester bauen und Kobolde aus Büchern schlüpfen“. Cornelia Funke / Kunstanstifter Verlag

„Bilder zum Verlorengehen“ und zum „Batterieaufladen“

Der Untertitel des Wimmelbuchs ist für Funke mehr als eine Beschreibung. Sie möchte, dass Menschen in ihren Bildern tatsächlich verschwinden können – zumindest für eine Weile. „Wir alle wissen gerade, wo die Welt gerade ist und wie erschöpft wir davon manchmal sein können“, sagt sie.

Funke glaubt durchaus, dass Menschen gerade jetzt viel tun müssen, um die Welt zu schützen. Aber dafür brauche es auch Pausen. „Ab und zu, das wissen wir alle, brauchen wir dann auch mal so etwas, wo wir uns verlieren, wo wir uns mal ganz woanders hinbegeben, um dann wieder Kraft für diese Welt zu haben.“

„Ich habe als Geschichtenerzählerin oder auch als Illustratorin auch die Aufgabe, die Batterie aufzuladen“, sagt Funke. Gerade die vergangenen Jahre hätten ihr das noch einmal deutlich gemacht: Corona, die Klimakatastrophe und die vielen anderen Dinge, mit denen Menschen umgehen müssten.

Deshalb hat sie zu ihren Bildern auch nur wenige Worte geschrieben. Sie möchte eine „wortlose Erfahrung“ ermöglichen. Man schlägt das Buch auf und entscheidet selbst: „Heute gehe ich mal in das Bild.“

Illustration aus Cornelia Funkes Wimmelbuch
Auszug aus Cornelia Funkes Wimmelbuch: „Die Kalenderwelt im Sommer“ Cornelia Funke / Kunstanstifter Verlag

Flucht in eine andere Welt

Das Wort „Flucht“ verwendet Funke dabei bewusst. Sie erinnert an einen Satz von J.R.R. Tolkien: „Der Einzige, der was gegen die Flucht hat, ist der Kerkerwächter.“ Für sie bedeutet die Flucht in eine Geschichte nicht, sich dauerhaft von der Wirklichkeit abzuwenden. Im Gegenteil: Wer für eine Weile Abstand gewinnt, kann danach wieder anders auf die eigene Welt schauen.

„Wir brauchen ab und zu das Fliehen, damit wir dann frei sind und zurückgucken können auf die Welt“, meint Funke, nur so hätten wir auch die Kraft sie zu ändern oder uns in der Welt neu einzurichten. Als Kind und Jugendliche hat Funke selbst viel gelesen. Heute finde sie aber auch viel Kraft in realen Begegnungen.

Für Funke sind das vor allem der Wald und ihre Hunde. Die Natur ist gleichzeitig eine wichtige Inspirationsquelle für ihre Geschichten. Schon in ihren ersten Büchern habe sie gemerkt, „wie sehr mich einfach immer die mehr als menschliche Welt inspiriert hat“.

Wenn Funkes eigene Geschichten in die Bilder wandern

Das neue Wimmelbuch führt Funke zurück in ihre eigenen Geschichten. Angefangen hat es mit dem Adventshaus aus „Hinter verzauberten Fenstern“. Funke wollte wissen, was ganz genau eigentlich hinter den einzelnen Fenstern los ist. „Ich wollte sehen, wer hinter jedem Fenster wohnt, mir das nochmal genauer vorstellen,“ berichtet sie schmunzelnd.

Also malte sie weiter. Das Bild wurde immer größer. Danach kamen weitere Welten dazu, unter anderem die Welt der „Drachenreiter“.

Kreativität braucht Raum

Auch in ihrem Leben in der Toskana schafft Funke Räume für kreative Arbeit. Seit 2021 lebt sie nahe Volterra. Dort hat sie ein Artist-in-Residence-Projekt aufgebaut, zu dem sie Autorinnen und Autoren, Illustratorinnen und Illustratoren, Musikerinnen und Musiker sowie Menschen aus dem Umwelt- und Naturschutz einlädt.

Inzwischen gibt es zwei Höfe mit insgesamt vier Werkstätten. Auch ein Waldgarten gehört dazu. Für Funke ist das Projekt nicht nur eine Möglichkeit, Wissen weiterzugeben. Sie schätzt vor allem den Austausch.

„Einmal ist das ganz selbstsüchtig, weil ich es einfach so genieße, all die wunderbare Gesellschaft zu haben.“ Das Schreiben und Zeichnen könne nämlich mitunter ein recht einsames Unterfangen sein.

So erzählt sie von südamerikanischen Illustratoren, deren Bildwelten sie inspirieren, und von einer ukrainischen Illustratorin, mit der sie darüber gesprochen habe, welche Pflanzen und Waldwesen sie aus ihrer Heimat kennt. „Das hat schon sehr, sehr viel Abenteuer und Inspiration in mein Leben gebracht.“

Illustration aus Cornelia Funkes Wimmelbuch
Auszug aus Cornelia Funkes Wimmelbuch: „Eine Reise zu den Sternen“ Cornelia Funke / Kunstanstifter Verlag

Frühstück allein, abends alle an einem Tisch

Dass ständig andere Künstlerinnen und Künstler um sie herum sind, bedeutet für Funke nicht, dass sie selbst weniger arbeitet. Ihre Gäste kommen nicht als Urlauber, sondern um ihren eigenen Projekten Zeit zu geben. Deshalb hat auch Funke ihre festen Abläufe.

Zum Frühstück ist sie allein und liest. Danach trifft man sich vielleicht noch auf einen zweiten Kaffee. Funke schaut in den Werkstätten vorbei und beginnt dann selbst zu schreiben. Abends essen alle gemeinsam. Für sie ist genau diese Mischung wichtig: konzentriert arbeiten, ohne isoliert zu sein.

Die „Wilden Hühner“ feiern vermutlich ein Come Back

Eine ihrer bekanntesten Welten hat Funke vor mehr als 30 Jahren geschaffen: die „Wilden Hühner“. Sprotte, Frieda, Melanie und Trude waren für viele Mädchen nicht einfach Figuren aus einem Buch. Die Mädchenbande wurde zum Vorbild für eigene Freundschaften und Banden. Bis heute erzählen erwachsene Leserinnen Funke davon. „Ich bin so erstaunt, wie oft“, sagt sie.

Fast jeder, der zu ihr komme, erzähle davon, dass er oder sie als Kind bei den „Wilden Hühnern“ gewesen sei. Funke fragt dann gern: Welches Huhn warst du? Dass die Bücher so lange gelesen und geliebt werden würden, hätte sie selbst nicht erwartet.

Als ich die „Wilden Hühner“ damals geschrieben habe, hätte ich nicht erwartet, dass sie so langes Leben haben, geliebt und gelesen werden.

Jetzt hat Funke ihre Figuren wieder aufgegriffen. Sie hat sechs Drehbücher geschrieben, in denen die „Wilden Hühner“ Anfang 30 sind. Der erste Impuls dazu kam während der Corona-Pandemie. Funke hatte ihre Leserinnen und Leser gefragt, was sie in dieser Zeit von ihr brauchen könnten. Immer wieder kam die Frage: Was ist aus den „Wilden Hühnern“ geworden?

Die Idee für eine Serie entstand schließlich durch einen Zufall. Die Schriftstellerin und Moderatorin Mona Ameziane war bei Funke zu Besuch und sah ihre Vertriebsbroschüre zu den „Wilden Hühnern“. Daraus entwickelte sich das Gespräch über eine Fortsetzung. Ob daraus tatsächlich eine Serie wird, ist noch etwas offen. Nur soviel darf verraten werden: Im September sollen Gespräche mit Sendern und Streamingdiensten stattfinden.

Dass das Projekt überhaupt weiterverfolgt wird, hat für Funke viel mit den Fans zu tun. Als bekannt wurde, dass zunächst keine Finanzierung gefunden worden war, gab es im Internet einen Aufschrei. Damit hatte Funke nicht gerechnet. „Das habe ich nur den wilden Hühnern da draußen zu verdanken, die gepostet und die geschrieben haben und die gezeigt haben, dass sie da sind.“

Zuvor habe sie bei Gesprächen über eine Fortsetzung immer wieder gehört, die Bücher seien alte Kinderbücher und es gebe kein Publikum mehr. Vermutlich ist genau das eine der schönsten Nachricht für eine Autorin, deren Geschichten so viele Menschen durch ihre Kindheit begleitet haben: Manche Fantasiewelten verschwinden nicht. Man wächst zwar aus ihnen heraus und findet irgendwann aber doch wieder zu ihnen zurück.

Bewegendes Gespräch „Ich bin dem Tod durch meinen Mann begegnet“ – Autorin Cornelia Funke im Interview

Im Interview spricht Autorin Cornelia Funke über Begegnungen mit dem Tod und wieso ein Neuanfang für die Welt besser wäre als ein Happy End.

Erstmals publiziert am
Stand
Das Interview führte
Theresa Gunkel
Interview mit
Cornelia Funke
Onlinefassung
Helen Roth