Buchkritik

Diarmaid MacCullochs brisante Sexualgeschichte des Christentums „Niedriger als die Engel“

Der Kirchenrechtler Diarmaid MacCulloch ist ein streitbarer Theologe, der das Wirken der christlichen Kirchen genau unter die Lupe nimmt.

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Von Autor/in Andreas Puff-Trojan

In seinem umfangreichen Werk geht Diarmaid MacCulloch aufs Ganze. Will heißen, er beginnt seine Sexualgeschichte des Christentums mit dem Wirken Jesu und führt durch die Jahrhunderte bis in die Gegenwart. 

Ziemlich schnell kommt er auf den Brief an die Hebräer zu sprechen, dessen Verfasser stark vom Denken des Apostel Paulus beeinflusst war.  

Engel und Menschen haben mehr als zwei Geschlechter

„Der Schreiber des Briefes an die Hebräer beschreibt die Menschen als ‚ein wenig unter die Engel erniedrigt‘. Wie könnte man den Unterschied zwischen Engeln und Menschen beschreiben? Der Unterschied könnte mit dem Geschlecht und sexuellen Eigenschaften zu tun haben, aber Engel nehmen viele Merkmale an, die sie fast wie Menschen erscheinen lassen.“

Ob man nun an Engel glaubt oder nicht – Faktum ist, dass sie in den Darstellungen menschliche Züge tragen. Doch eines ist nicht so klar: Sind Engel männlich oder weiblich oder gar ein Drittes? 

MacCulloch möchte damit zeigen, dass die geschlechtliche Einteilung in entweder Frau oder Mann kein unumstößlicher Gedanke in der christlichen Religion ist.  

Diarmaid MacCulloch
Diarmaid MacCulloch Pressestelle (c) Chris Gibbions, Penguin Randomhouse Kananda

Das heikle Thema des Zölibats

Ganz ähnlich geht der Autor mit dem Thema „Zölibat“ um. Die eingeforderte Ehelosigkeit der Priester ist seit den Anfängen der katholischen Kirche keineswegs in Stein gemeißelt – und sei es auch heute nicht, wie Papst Franziskus betonte.

Der Historiker Hartmut Leppin hat allerdings darauf hingewiesen, dass in der Frühzeit des Christentums Gemeindevorsteher, Diakone oder Bischöfe oftmals verheiratet waren, aber der Inbegriff eines christlichen, ganz auf Jesus ausgerichteten Lebens war in der öffentlichen Wahrnehmung mit Keuschheit verbunden. Diese feinen Nuancierungen gehen bei MacCulloch etwas unter.

In der gesamten katholischen Welt war die nach außen hin zölibatäre, klaustrophobisch gleichgeschlechtliche Welt des Klerus zu einem Zufluchtsort für schwule Männer geworden, die sich vor ihrer Sexualität fürchteten.

Das Thema der sexuellen Furcht hat sicher argumentatives Gewicht. Doch wenn der Autor Kindesmissbrauch mit dem Zölibat direkt in Verbindung bringt, sollte man genauer hinschauen.

Ganz ohne Zweifel: Die Verantwortlichen in der katholischen Amtskirche haben über Jahrzehnte schwere Versäumnisse in der Aufklärung der Fälle begangen.

Es sind bewusste Vertuschungen, die viele Gläubige vom Glauben abgebracht haben. Doch wie man weiß, hat es Kindesmissbrauch auch in der Evangelischen Kirche gegeben – und hier dürfen Priesterinnen wie Priester heiraten. Auf diesen Aspekt geht MacCulloch nicht ein.

Nächstenliebe ist gut, genügt aber nicht

Diarmad MacCulloch zeigt in seinem neuen Buch „Niedriger als die Engel“ seine profunden Kenntnisse der Materie – das reicht vom Dogma der „Unbefleckten Empfängnis“ Marias bis zur Empfängnisverhütung. Auf der einen Seite ist es erfrischend, dass er sich kein Blatt vor den Mund nimmt und Probleme der Sexualität in der Kirche klar ausspricht.

Auf der anderen Seite hätte man sich ein paar feinere Nuancierungen in der Argumentation gewünscht, die eben auf die Vielschichtigkeit der Thematik Rücksicht nimmt.

Eine Botschaft des Autors ist sicherlich von gegenwärtiger Bedeutung: Wenn Menschen etwas mit Engeln gemeinsam haben, dann betrifft das ihre geschlechtliche Zuordnung, die keineswegs stets eindeutig in Frau oder Mann aufgeteilt werden kann.

Die Facetten sind vielfältig. Das zeigt sich etwa in der Bildenden Kunst christlicher Motive durch die Jahrhunderte. Für Homosexuelle und LGBTQ-Katholiken berief sich Papst Franziskus auf das Gebot der Nächstenliebe.

Dabei kann es nicht allein bleiben – doch der Weg ist steinig. Auf diesem Weg darf man sich eine Erkenntnis Diarmad MacCullochs zu eigen machen.

Liebe und Ehe gehörten nicht immer notwendig zusammen wie ein Pferd und eine Kutsche.

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Andreas Puff-Trojan