Schon als Kind spürt Gabriela Wiener, dass sie anders ist, weil sie zwei Welten angehört: Väterlicherseits stammt sie von europäischen Vorfahren ab, mütterlicherseits hat Wiener indigene Wurzeln. Ihre Haut ist deshalb braun – im Lima der 1970er Jahre ein Anlass zu Spott und Diskriminierung.
Mehr als 40 Jahre vergehen, bis Wiener sich den Geistern dieser Vergangenheit stellt. Es sind vor allem die Geister des Kolonialismus, dessen grausames Erbe auf sie und ihre Familie sie endlich verstehen will.
Und nun steht sie hier, in einem Museum in Paris, und blickt auf die Gesichter sogenannter „huacos retratos“ – präkolumbianische Keramikfiguren, die individuelle Gesichter darstellen. Gesichter, die dem ihren ähneln.
In der Vitrine vermischt sich mein Spiegelbild mit den Umrissen dieser Gesichter mit brauner Haut, mit Augen wie kleinen, funkelnden Wunden, Nasen und Wangen aus so blanker Bronze wie meine, gemeinsam ergeben wir ein hieratisches, naturalistisches Werk.
Ein hybrider Roman zwischen Chronik und Essay
Es ist die Eingangsszene des Romans, in dem die Autorin in einer hybriden Form zwischen Chronik und Essay, Fiktion und Autofiktion über die eigene Identität nachdenkt. Denn: Es war ihr Ururgroßvater, der diese Objekte rund 150 Jahre zuvor von einer Forschungsreise mit nach Paris gebracht hat.
Sein Name: Charles Wiener. Geboren in Österreich, wurde er französischer Staatsbürger und reiste im 19. Jahrhundert nach Peru. Dort entdeckte er fast das sagenumwobene Machu Picchu – und schrieb darüber einen 900-Seiten-Wälzer, den seine Ururenkelin erst wieder in Händen hält, als ihr Vater stirbt und sie das Buch in seinem Nachlass findet.
Immer, wenn ich es herausnahm, um auf den ersten Seiten zu schnüstern, klappte ich es entsetzt wieder zu. Nichts von dieser deplatzierten Figur, so eurozentristisch, gewaltsam und grauenhaft rassistisch, hatte etwas mit mir zu tun, auch wenn meine Familie ihn glorifizierte.
Auf den Spuren des Ururgroßvaters
Um das unerträgliche Schweigen ihrer Familie über die Untaten dieses Vorfahren zu durchbrechen, beginnt die Autorin zum Leben und Wirken von Charles Wiener zu recherchieren.
Doch Gabriela Wiener findet mehr Fragen als Antworten: Was zum Beispiel ist mit dem Kind, das Charles in Peru mit einer Frau namens Maria Rodriguez gezeugt hat? Und was mit dem geraubten Kind, das er – im Gegensatz zu seinem eigenen Sohn – aus Peru mitnahm?
Mit nach Europa, wo dieses Kind das Zeugnis dafür sein sollte, dass das Wilde assimiliert werden kann. Assimiliert wie Wiener, der als gebürtiger Jude verzweifelt und mit allen Mitteln versuchte, den Makel seiner Herkunft zu überwinden. Das Mosaik, das die Autorin zusammenträgt, ähnelt einem Scherbenhaufen. Und wird doch zum Spiegel für die Autorin.
Da ist die Untreue des eigenen Vaters, die sie als Jugendliche quasi gedeckt hat. Da ist ihre eigene Untreue – setzt sie doch durch eine Affäre das fein austarierte Konstrukt ihrer polyamoren Beziehung aufs Spiel. Denn diese neue Geliebte ist ebenfalls indigen und braun wie sie selbst – und für Gabriela Wiener eine Erweckung.
Ich bin überwältigt. Mein Verlangen nach Lucre ist eine Zwillingsnarbe. ... Sie setzt sich auf mich, drückt ihren Venushügel an meinen, beugt sich vor, um mich zu riechen.
„Unentdeckt“ – nuancenreich von Friederike von Criegern ins Deutsche übertragen – ist deshalb in puncto Kolonialismus erfrischende Revision und kluge Rebellion zugleich.
Gabriela Wiener vereint darin nicht nur mühelos Kritik am europäischen Kulturimperialismus wie am europäischen Rassismus. Sie eignet sich mit dem Roman zugleich die eigene fluide Identität an. Fazit: ein so wichtiges wie aufregendes Stück Literatur!