Im September 1848 richten sich alle Augen auf das beschauliche südbadische Lörrach. Der Ort, ganz am Rande des Deutschen Bundes, steht kurz davor, Schauplatz erbitterter Kämpfe und großer Hoffnungen zu werden.
„Zum einen war Baden im 19. Jahrhundert ein liberales Musterland, in dem die Bürger recht selbstbewusst ihre Rechte eingefordert haben“, beschreibt Historiker Jan Merk die Situation. „Zum anderen liegt Baden an der Grenze. Die Revolutionäre konnten mal in der Schweiz, mal nach Frankreich ins Exil gehen, wenn sie verfolgt wurden und von dort neu einen Aufstand vorbereiten.“
Gustav Struve ist der Kopf der damaligen Revolutionäre. Er ist Rechtsanwalt, Schriftsteller und überzeugter Demokrat. Aus der Schweiz heraus plant er, Lörrach zur Hauptstadt der Deutschen Republik zu machen. Doch nicht alle Lörracher wollen mitziehen:
„Die Situation war total gespalten: Es gab die einen, die auf Sicherheit setzten und dem nicht trauten. Und es gab diejenigen, die wagemutig waren, die selbst Freiheitsdrang hatten“, erklärt der Historiker.
Die Revolution führt zu Streit in der Familie
Diese Geschichte ist jetzt zum Jahrestag der Revolution als Graphic Novel erschienen – als historischer Comic mit dem Titel „Mit aller Macht“. Autor Niklas Ehrentreich hat sich für ein Geschwisterpaar als Haupt-Protagonisten entschieden. Zwei Jugendliche, die die Revolution in ihrer eigenen Stadt erleben und gezwungen sind, dazu Stellung zu beziehen. Das führt in der Familie zu Streit.
Den Comic illustriert hat Beate Fahrnländer. Sie hat sich für eine Graphic Novel entschieden, weil sie vor allem Jugendliche für Geschichte begeistern will: „Wir haben uns nach einem Medium umgeschaut, das für Jugendliche interessanter ist als ein Geschichtsbuch.“
Die skizzenhaften Bleistift-Zeichnungen wurden anschließend digital coloriert. Statt greller Farben hat sich Beate Fahrnländer für eine dezente Farbgebung entschieden. Mitunter wirkt es, als liege Staub über den Bildern. Dadurch kann sich der Betrachter leichter in die Vergangenheit zurückversetzen.
Wichtig war der Illustratorin auch, dass die Grafiken möglichst authentisch sind und nicht nur das zeigen, was damals geschah: „Man muss viel Onlinerecherche betreiben, in Museen gehen, Bücher lesen. Und in dem Fall von Lörrach kam hinzu, dass es natürlich keine Fotos gibt.“ Wie beispielsweise die Häuser damals aussahen, musste Fahrnländer akribisch recherchieren.
Den Geist der Demokratie weitergeben
Unterstützung gab es bei diesen Fragen vom Historiker Jan Merk, der auch das Dreiländermuseum in Lörrach leitet. Er hat die Ereignisse von damals im Anhang des Buches historisch eingeordnet. Insbesondere auch, was aus der Lörracher Revolution um ihrem Anführer Gustav Struve geworden ist.
„Er hat gehofft, dass er den richtigen revolutionären Moment erwischt und dass auch an anderen Orten Deutschlands die Revolution losgeht. Da hat er sich geirrt. Das fürstliche Militär konnte den Aufstand relativ schnell niederschlagen.“ Von heute aus betrachtet, so der Historiker, sei diese Episode in der Geschichte ein wichtiger Schritt in Richtung Demokratie gewesen.
Den Geist der Demokratie wollen die Macher des Buches weitergeben: in Lesungen und Workhops an Schulen und demnächst auch auf der Frankfurter Buchmesse.
Die Graphic Novel aus Lörrach ist ein lesens- und sehenswertes Buch, das auf unterhaltsame Weise von einem bedeutsamen Kapitel deutscher Geschichte erzählt. Außerdem sei das Thema auch heute noch erstaunlich aktuell, findet Historiker Jan Merk:
„Struve und seine Mitstreiter waren schon relativ moderne Demokraten: Wohlstand, Bildung, Freiheit für alle. Wenn man ein ausgeglichenes soziales System hat und Rechte gewährt, dann ist schon relativ viel für das Zusammenleben gewonnen“, sagt Merk. „Ich glaube, das ist heute so aktuell wie damals.“
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