Eine Frau will von der Köhlbrandbrücke in Hamburg springen, seit sie unter ständigem Schluckauf leidet:
Die Frequenz der Gluckser, Hitzgi, Schnackerl, Hickeschlicks steigert sich auf quälende 30 / min. Nach einem halben Jahr ist Sonja am Ende, ist ihr Zerreißpunkt erreicht.
Sie hing noch nie besonders am Leben. Aus vielen Gründen erscheint es ihr besser, tot als lebendig zu sein. Die Liste ist lang und wird länger, je länger sie darüber nachdenkt: Kein Geld, kein Glück, kein Sprit.
Vergänglichkeit und Tod
„Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ – so heißt auch Heinz Strunks neuer tragikomischer Erzählband. Tragikomisch, denn meist, sogar in der Geschichte der selbstmordgefährdeten Frau mit dem Titel „Bäuerchen“, gelingt Strunk noch ein Schluss mit überraschend humorvollem Dreh.
Doch die Grundierung bleibt ernst und steht oft in Verbindung mit Vergänglichkeit und Tod: vom Hängepo und der Blasenschwäche über die Frage, was der letzte Gedanke vor dem Tod ist, bis zu einem Mann, der gerade noch rechtzeitig stirbt, bevor er unter dem Druck seiner Partnerin mit dem Fitness-Training beginnen muss.
„Der Gedanke an den Tod, der ist wie bei allen eher schwermütig veranlagten Menschen dauerpräsent und auch, wie ich finde, etwas zu viel. Schon länger. Aber jetzt speziell, seit ich sechzig geworden bin, läuft der Countdown rückwärts. Es ist ja vollkommen sinnlos, darüber nachzudenken. Das ist mir schon bewusst. Aber da es mich beschäftigt und sich diese Gedanken auch nicht abstellen lassen, kann ich sie ja immerhin literarisch benutzen. Dann haben sie eine gewisse Sinnhaftigkeit.“
Die durchweg originellen Erzählungen, die nur so sprühen vor Sprachwitz, vor innovativen Metaphern, sind manchmal nur wenige Sätze lang:
Die einzige Fähigkeit, über die er verfügt, ist, dem Briefkasten anzusehen, ob Post drin ist. Neun von zehn Treffern, er weiß auch nicht, wie er das macht. Aber was soll er damit anfangen?
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Heinz Strunk hat sozial schwache Verlierer genauso im Blick wie eine selbstgefällige Neureiche. Das Fundament seiner Erzählkunst ist seine feine Beobachtungsgabe. In der Geschichte „Scampipfanne“ entlarvt er die spießbürgerliche Wurstigkeit von Pauschalreisenden, die im Hotel ums beste Essen kämpfen, und porträtiert zugleich glaubwürdig ein tristes Ehepaar im Ruhestand:
Er liebt sie nicht mehr und leidet darunter, dass die jungen Frauen in der Hotelanlage für ihn mittlerweile unerreichbar sind. Sie versteht nicht, warum sie überhaupt noch solche Reisen machen:
„Nur äußerster Mangel an Fantasie und Vorstellungskraft rechtfertigt das Reisen.´ (lacht) Finde ich grandios, den Satz. Ich hatte oft das Gefühl, dass die Leute, die sehr viel reisen – das piefkemäßige Dagewesen und das auch fotografiert zu haben –, aber dass das, was möglicherweise an Reisen einen weiterbringen könnte, dass das so wie so unverdaute Nahrung durch die durch geht.“
Oft muss man laut auflachen bei diesen kuriosen Geschichten. Etwa bei der Erzählung „Vorhang auf!“, in der ein Rentner seine Leidenschaft fürs Puppentheater entdeckt und zuhause Aufführungen macht. Sein Publikum sind seine Roboter.
Vom Saugroboter über den Fensterputzroboter bis zum Roboterhund. Man sieht es allzu bildlich vor sich. Genauso wie das Setting der Miniaturerzählung „Anruf aus dem Jenseits“:
Seit zwei Jahren ist seine große Liebe Melanie tot, und er kann sie einfach nicht vergessen. Er will es auch nicht. Deshalb hat er im Handy-Adressbuch Mama durch Melanie Törning ersetzt. Immer wenn es klingelt, freut er sich. Und hofft natürlich auch.
Melancholisch und berührend
In der autobiographischen Geschichte „Storchenhaltung“ berichtet der Ich-Erzähler, er habe nur an rund hundert Tagen „mit beiden Beinen im Leben gestanden“, ansonsten einbeinig wie ein Storch. Und was, wenn Heinz Strunk im Alter nicht nur zu Weisheit gelangte, sondern auch zu einer beidbeinigen Bodenhaftung und zu mehr Lebensfreude?
„Das wäre sehr schön und wünschenswert. Deshalb halte ich auch noch durch.“
Melancholisch, berührend, von wunderbar skurriler Komik: Heinz Strunk ist mit „Kein Geld Kein Glück Kein Sprit“ ein grandioser Erzählband gelungen.