Faszinierend erzählt der Biologe Josef H. Reichholf von der Menschwerdung, die mit dem aufrechten Gang Schub bekam. Dank der gewonnenen Übersicht ließ sich in der Savanne besser orten, wo frisches, proteinreiches Aas zu finden war, nämlich dort, wo die Geier hinflogen.
Weil sich zudem bei der Haut ohne Fell das Kühlsystem des Schwitzens entwickelte, konnte der Zweibeiner zum Dauerläufer werden, der alle Vierbeiner bei der Jagd zu Tode rennen konnte.
Die Nachteile des aufrechten Gangs sind jedoch erheblich. Die von der Schwerkraft zusammengestauchte Wirbelsäule bereitet viele Probleme, und die Engstellung der Beine erfordert ein schmaleres Becken, so dass bei der Geburt die Passage des großen Menschenkopfes ungemein schmerzhaft wurde.
Die Lösung der Evolution bestand in einem Kompromiss: Der Mensch kommt als habituelle Frühgeburt zur Welt, weshalb die Mütter in der archaischen Welt ohne Supermarkt und Sozialstaat stark abhängig blieben von ihren Männern und der versorgenden Gruppe.
Für Reichholf erklären sich daraus bis heute gültige geschlechtsspezifische Eigentümlichkeiten beim Bindungs- und Sexualverhalten.
Der Mensch als biologisch-organisches Wesen
Wenn es um menschliche Dinge geht, halten manche die Biologie für unzuständig; vor allem in kulturwissenschaflichen Milieus steht sie prinzipiell unter Biologismusverdacht. Reichholf widerspricht entschieden:
Daher sollten vermeintlich rein geistige Vorgänge in den Gesellschaften zuvörderst auf ihre natürlich-biologische Bedingtheit überprüft werden, bevor man grandiose Theorien über „den Menschen“ in die Welt setzt.
Für Reichholf gibt es nichts Menschliches, das nicht auch eine biologische Grundierung hätte und geprägt wäre durch die lange Geschichte der Evolution, die im Fall des Menschen in Afrika begann. Entlang des großen afrikanischen Grabenbruchs gab es gutes, warmes Klima und reichhaltige Großwildbestände.
Out of Africa
Aber wieso drängte es die Menschen dann weiter in den kühlen Norden? Reichholf argumentiert, dass mit Beginn des feuchteren Eiszeitalters die Tsetsefliege auf den Feuchtsavannen zur Plage wurde und die Menschen forttrieb.
Sie wurden dann zu erfolgreichen Jägern in der eiszeitlichen Megafauna Eurasiens, bis die irgendwann ausgerottet war. Dasselbe Aussterbe-Schicksal ereilte auch alle konkurrierenden Spezies der Gattung Homo, zuletzt die Neandertaler.
Reichholf geht es nicht nur um die Evolution des Menschen, sondern auch um die Bestimmung seines Wesens. Dazu gehört, dass Menschen grausamer sein können als alle Tiere. Es ist die dunkle Seite unserer Fähigkeit zur Gemeinschaftsbildung.
Die Menschen sind familien- und gruppenbezogen, unterscheiden sich und ihre Angehörigen von den Anderen. (…) Je sozialer eine Art, desto stärker bekämpfen einander ihre Gruppen.
Pessimistische Ausblicke
So ist und bleibt die Geschichte der Menschheit eine der Kriege. Auch soziale Gleichheit sei von der Evolution nicht vorgesehen. Dieses ewige Wettrennen, das heute im Wachstumsimperativ des Kapitalismus wirksam ist, sieht Reichholf mit einer gewissen Altersbitterkeit, weil es ausweglos ist:
Nicht zu wachsen, wenn die Konkurrenz dies tut, bedeutet, zurückzufallen und zugrunde zu gehen.
Die Fixierung auf ökonomisches Wachstum laufe bei einer bald auf zehn Milliarden angewachsenen Menschheit aber unweigerlich auf die Auspressung des Planeten und die Vernichtung von Biodiversität hinaus. Ökonomische und ökologische Vernunft bleiben für Reichholf angesichts der Bevölkerungsexplosion unvereinbar.
Reichholfs Stil wirkt gedrängt, aber auch etwas manieriert. Es hat schon immer zum Reiz seiner Bücher beigetragen, dass er über die Fachgrenzen hinausblickte. Hier aber droht die Argumentation am Ende in eine Folge kantig-grantiger Aphorismen zu zerfallen.
Die Diagnose des Buches ist zutiefst pessimistisch. Auch wenn die Menschheit, so Reichholf, schon irgendwie überleben werde.
Mehr über unsere Evolution und den Kapitalismus
Buchkritik Harald Meller, Kai Michel, Carel van Schaik – Die Evolution der Gewalt
Während 99 Prozent ihres Erdenwandels haben die Menschen sich zwar gelegentlich die Köpfe eingeschlagen, aber keine Kriege geführt. Vor ca. 5000 Jahren ging es los mit den Schlachten, Feldzügen und Eroberungen. Wie es dazu kam, erklären Harald Meller, Kai Michel und Carel van Schaik in „Die Evolution der Gewalt“.
Rezension von Eberhard Falcke
Buchkritik Michael Schmidt-Salomon – Die Evolution des Denkens. Das moderne Weltbild und wem wir es verdanken
Was verbindet Charles Darwin, Albert Einstein und der griechische Philosoph Epikur miteinander?
Eine Rezension von Thomas Moser
Buchkritik Simon Sahner, Daniel Stähr – Die Sprache des Kapitalismus
Was ist dran an den Heldenreisen ins Reich der Milliardäre? Warum hat Steve Jobs das iPhone gar nicht erfunden? Und ist „grünes Wachstum“ eine Mogelpackung? Simon Sahner und Daniel Stähr geben aus linker Perspektive Antworten auf solche Fragen in ihrem Buch „Die Sprache des Kapitalismus“.
Rezension von Wolfgang Schneider