„Der Schaffner wollte die Kerzen nicht anzünden“, so heißt der sechste Band der im Wallstein Verlag entstehenden Ukrainischen Bibliothek. Es handelt sich dabei um eine Anthologie mit Erzählungen aus dem späten 19. Jahrhundert bis in die 1930er.
Nur eine Ausnahme findet sich: Hryhir Tjutjunnyks „Drei Kuckucke und eine Verbeugung“ stammt aus dem Jahr 1976.
Mychajlo Kozjubynskyi nimmt uns mit auf eine Zugfahrt, bei der ein patriotischer Landjunker, drei Frauen und ein schöner Offizier aufeinandertreffen. Der hält dem phrasenhaften Chauvinismus des Landjunkers nicht nur Worte entgegen, sondern auch die zunächst noch unter einem Mantel verborgenen Stümpfe seiner im Krieg verlorenen Arme.
„Aus der Ecke erklang unterdrücktes Stöhnen, dann Schluchzen. Die Hände der Frauen schnellten in die Luft, darin ihre Schirme mit glänzenden Spitzen, und wie Hagelkörner prasselten die Hiebe auf den Melonenkopf des dicken Junkers nieder.“
Symbole der Grausamkeit
Mychajlo Kozjubynskyi, ein Klassiker der ukrainischen Literatur, erzählt von der Befremdung und dem Ekel, die ein junger Student bei der Rückkehr in sein Heimatdorf empfindet: Es ist Ostern, und ihm zu Ehren wird ein wahres Schlachtfest begangen.
Blut und Tod als Feier der Wiederkunft erscheinen dem jungen Mann unerträglich, Symbole der Grausamkeit, nicht der Freude. Die Tage sind die reinste Qual, und überall lauern Anzeichen von Dekadenz und mörderischer Gedankenlosigkeit. Selbst der Mond …
„… wurde immer voller und bräsiger, setzte immer mehr Speck an und stellte seinen aufgeblähten Bauch zur Schau, wie ein satter Bankier, auf dessen Brust eine schwere Goldkette prangte. Des Abends hing er niedrig am Himmel, böse, rot, wie ein Vampir, der sich an Blut sattgetrunken hatte, und sogar die Schatten flohen vor seinem unheilvollen Anblick, wobei sie sich erschrocken auf die Erde drückten.“
Die Mystik der Physiologie
Iwan Franko gehört ebenfalls zu den bekannteren Namen dieser Anthologie – er lässt während eines Opernbesuchs die verborgenen, tiefen Wünsche einer Frau auf die oberflächliche Konvention ihres Geliebten prallen.
Olha Kobyljanska wird mit einer längeren Novelle vorgestellt, die heute als das „erste Werk des ukrainischen Feminismus“ gilt. Warwara Tscherednytschenko wiederum konfrontiert in einem Krankenhauszimmer eine Bäuerin, die sich an einem Pogrom beteiligt hat, mit dessen jüdischen Opfern.
Und der Futurist Geo Schkurupij ist mit einem ironischen Text über die gleichmachende Maschinerie des Militärs vertreten; es finden sich darin wunderbare, entlarvende, rätselhafte Sätze.
„Angst ist die Mystik der Physiologie. Sie blendet die Augen und vernebelt das Hirn wie eine Religion.“
Irina Bondas hat die Geschichten sorgfältig, mit Anklängen an die Entstehungszeit und erläuternden Kommentaren ins Deutsche gebracht; die Schriftstellerin und Journalistin Katja Petrowskaja hat sie ausgewählt und herausgegeben.
Unterwegs in die Stadt der Frauen
Wer bislang nur oberflächlich mit ukrainischer Literatur in Berührung gekommen ist, kann hier wahre Entdeckungen machen, unterteilt in vier Abteilungen: „Unterwegs“, „Die Stadt der Frauen“, „Die Umbrüche“ und „Die Nachfolger“.
In diesen Überschriften spiegeln sich gesellschaftliche Entwicklungen und Phasen: Unterwegs war man Anfang des 20. Jahrhunderts mit Zügen, und mit ihnen ließen sich weite Distanzen zurücklegen.
Die „Stadt der Frauen“ steht für emanzipatorische Bestrebungen, die sich in der Literatur abbildeten; die revolutionären Umbrüche und ihre Folgen gingen ebenfalls nicht spurlos an den Autoren vorbei; und schließlich wurde der Staffelstab an die nächste Generation weitergereicht.
Reichtum, der in Sprache und Menschen überlebt
Was in vielen Texten aufscheint, ist ein expressiver Gestus, vor allem aber Widerständigkeit. Irina Bondas beschreibt das so:
„Die ukrainische Literatur, unterdrückt und immer wieder ausgelöscht, trotzt allein schon durch ihr Weiterbestehen seit jeher den Unterdrückern und ihren Herrschaftsansprüchen.“
Und dadurch erzählt sie auch immer von den zerstörerischen Zeitläuften – und von einem Reichtum, der in der Sprache und den Menschen überlebt.
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„Vielleicht würden wir keine Gedichte mehr brauchen, hätten wir den Weg gefunden, eine Welt ohne Gewalt zu schaffen“.
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