Katrin Eigendorf hat eine klassische Journalismus-Karriere hinter sich: Nach dem Abi Praktikum bei einer Lokalredaktion, danach Journalismus-Studium.
Mit einem Stipendium dann der erste Auslandsaufenthalt: Sie geht 1986 nach Paris, und der damalige ARD-Korrespondent Ulrich Wickert schickt sie gleich als Producerin für einen Film über Migration nach Südfrankreich und lässt sie erste Berichte drehen.
Danach schreibt sie ihre Diplomarbeit, in der sie sich mit der Arbeit von Auslandskorrespondenten auseinandersetzt, und ihr damaliges Fazit gilt für sie immer noch:
Es hängt entscheidend von der Sichtweise und den Einstellungen, von Sensibilität und Einfühlungsvermögen des Korrespondenten ab, welches Bild der Welt der Zuschauer vermittelt bekommt. Er prägt immer noch das Weltbild von Millionen, deren Einschätzungsvermögen und Vorurteile. Denn der Zuschauer erkennt nur selten, dass Berichte aus dem Ausland das individuelle Produkt eines Menschen und nicht das objektive Abbild der Realität sind. Hier wird die Macht des Korrespondenten deutlich.
Der Journalist als professioneller Augenzeuge
Zunächst arbeitet sie in Russland für verschiedene Printmedien, bis sie später zum ZDF wechselt und als Krisen- und Kriegsberichterstatterin unterwegs ist.
Ihr geht es dabei um Politik, aber immer auch um deren Auswirkungen auf die Menschen. Sie will – wie der Buchtitel ankündigt – „erzählen, was ist“:
Ein guter Journalist ist jemand, der seine Perspektive reflektiert, Empathie zeigt und Verantwortung übernimmt. Ein guter Journalist ist ein professioneller Augenzeuge. Einer, der zeigt, was ist – und es überprüft, einordnet. Journalismus ist der Wahrheit verpflichtet, nicht der Objektivität, denn die gibt es nicht.
Erzählen von Menschen im Kampf um Freiheit
In diesem Sinne berichtet sie aus dem Ukrainekrieg, aus Gaza oder aus Afghanistan, obwohl ihr das gelegentlich die Kritik einträgt, nicht genügend Distanz zu wahren. Ihr Anliegen ist es, von Menschen zu erzählen, die unter hohem Risiko für ihre Freiheit eintreten.
Ihre Schilderungen etwa, wie sich die Situation der Frauen im Afghanistan der Taliban immer weiter verschlechterte, gehen unter die Haut – wie alle ihre scheinbar kleinen, lebendig erzählten Geschichten, die aber so gut ausgewählt sind, dass sie für das große Ganze stehen.
Wenn sie sich etwa im Untergrund mit einer Gruppe afghanischer Frauen trifft, die versuchen, Widerstand zu leisten, sagt das viel über die Zustände im Land:
Öffentliche Demonstrationen sind zu gefährlich geworden. Wenn sie geplant sind, riskieren die Frauen, verhaftet oder von den Taliban brutal zusammengeschlagen zu werden. Manche der Anwesenden plädieren für spontane Aktionen – kleine Gruppen, die plötzlich auf der Straße auftauchen, Forderungen rufen, bevor sie ebenso schnell wieder verschwinden. Andere fürchten, selbst das sei zu riskant. Und dann wird im Gespräch klar, sie haben nicht nur Angst vor den Schlägertrupps der Taliban, sondern auch vor ihren Familien.
Ein lesenswertes Plädoyer für mutigen Journalismus
Inzwischen kann Katrin Eigendorf nicht mehr aus Afghanistan berichten, da die Taliban keine kritischen Journalisten mehr ins Land lassen, und Frauen erst recht nicht.
Eigendorf liefert in ihrem Buch immer auch Hintergründe. So schildert sie kurz, aber prägnant die geschichtlichen Wurzeln der Auseinandersetzung zwischen Israel und den Palästinensern oder sie stellt dar, wie der Westen, auch Deutschland, den Expansionswillen Russlands viel zu lange ausgeblendet hat.
Und sie liefert Beispiele, wie Russlands Propaganda in Deutschland immer wieder versucht, das Vertrauen in journalistische Berichterstattung zu untergraben.
Ihr spannungsreiches Buch ist ein lesenswertes Plädoyer – für mutigen Journalismus, der Demokratie, Menschenrechten und Rechtsstaatlichkeit verpflichtet ist.
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