Erwachsene beim Ostereiersuchen – das hat immer auch etwas Komisches: Die Großen, plötzlich wieder ganz klein. Und genau dieses Verhältnis– stark und schwach – beschäftigt Robert Musil in seiner kurzen Prosa: „Hasenkatastrophe“ von 1936 – und es wird politisch:
Die Ausgangssituation scheint gewöhnlich: ein Ausflug auf eine Insel, Badegäste, idyllische Natur. Bis ein Hund und ein Hase dazu kommen: eine mörderische Jagd beginnt. Am Ende ist der kleine Hase tot und der Hund der Held, der ihn getötet hat.
Und die Menschen? Stehen daneben, ohnmächtig und gaffend. Sie schauen zu, greifen nicht ein. Musil beschreibt das so:
„Kleine Hasen leben ahnungslos neben den weißen Bügelfalten und den teetassendünnen Röcken. Schwarzgrün wie Lorbeer dehnt sich der Heroismus der Insel um sie. […] weit und breit ist auf dieser Insel kein anderer Hund zu wittern, nichts ist da als die ungeheure Romantik vieler kleiner, unbekannter, die Insel durchkreuzender Fährten.“
Riesengroß wird der Hund in dieser Einsamkeit, ein Held.
Die fragile Zivilisation
Die Hasenjagd ist mehr als eine Tiergeschichte. Musil zeigt, wie fragil unsere sogenannte Zivilisation ist.
Er prangert die vermeintliche Reinheit der Großstadtmenschen an, und die Abgehobenheit ihres gekünstelten Lebensstils. Die tierischen Bewohner der Insel zerstören das sommerliche Idyll und spiegeln den Menschen ihre abgründigen Seiten.
Musil stellt tradierte Kräfteverhältnisse in Frage: Der Hund wird zum Helden, weil niemand eingreift, und der Hase steht für das Verletztliche, das, was man leicht übersieht.
Das passt gut zu Ostern, einem Fest, bei dem es ja auch um einen Neubeginn geht und darum, das Kleine nicht zu übersehen:
„Man ist jedesmal erstaunt, daß Tiere diese Einsamkeit bewohnen. Sie gewinnen etwas Geheimnisvolles; ihre kleinen weichwolligen und -fedrigen Brüste bergen den Funken des Lebens."
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Hörspiel Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß
Um das Jahr 1900. Irgendwo in der Provinz der österreichisch-ungarischen k. u. k. Monarchie. Im "Konvikt zu W.", einem Militärinternat zur Aufzucht künftiger Eliten, gerät der Zögling Törleß in einen Zustand der Verwirrung, die seinen künstlerischen wie analytisch-intellektuellen Charakter zum Erwachen bringt. Der Mitzögling Basini bestiehlt seine Mitschüler, um seine Schulden zu begleichen. Er wird von Törleß' Freunden Reiting und Beineberg entlarvt. An ihm erproben sie ihre Vorstellungen von sexueller Hörigkeit und Demütigung.
Nach dem gleichnamigen Roman von Robert Musil
Mit: Michael Rotschopf, Stefan Konarske, Manuel Rubey, Stefano Bernardin, Florian Teichtmeister u. a.
Komposition: Michael Riessler
Hörspielbearbeitung: Manfred Hess
Regie: Iris Drögekamp
Produktion. SWR/ORF 2014
Hörspiel Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Teil 1/2)
Um das Jahr 1900. Irgendwo in der Provinz der österreichisch-ungarischen k. u. k. Monarchie. Im "Konvikt zu W.", einem Militärinternat zur Aufzucht künftiger Eliten, gerät der Zögling Törleß in einen Zustand der Verwirrung, die seinen künstlerischen wie analytisch-intellektuellen Charakter zum Erwachen bringt. Der Mitzögling Basini bestiehlt seine Mitschüler, um seine Schulden zu begleichen. Er wird von Törleß' Freunden Reiting und Beineberg entlarvt. An ihm erproben sie ihre Vorstellungen von sexueller Hörigkeit und Demütigung.
Nach dem gleichnamigen Roman von Robert Musil
Mit: Michael Rotschopf, Stefan Konarske, Manuel Rubey, Stefano Bernardin, Florian Teichtmeister u. a.
Komposition: Michael Riessler
Hörspielbearbeitung: Manfred Hess
Regie: Iris Drögekamp
SWR/ORF 2014
Hörspiel Robert Musil: Die Verwirrungen des Zöglings Törleß (Teil 2/2)
Musils Romandebüt von 1906 erzählt vordergründig eine jugendliche Entwicklungsgeschichte im Kontext autoritär-militärischer Erziehung in der Donau-Monarchie. Im Kern jedoch geht es um die moralfreie und funktionale Darstellung der Mechanismen von sexuellen Grenzerfahrungen. Junge Männer suchen sie auf, um ihre eigene Individualität zu begründen oder darin zu begraben. Die Sehnsucht nach dem persönlichen wie gesellschaftlichen Ausnahmezustand, der eine neue Persönlichkeit erstehen lassen soll, überführt dann der Erste Weltkrieg in die Wahrheit der anonymisierenden Materialschlachten.
Nach dem gleichnamigen Roman von Robert Musil
Mit: Michael Rotschopf, Stefan Konarske, Manuel Rubey, Stefano Bernardin, Florian Teichtmeister u. a.
Komposition: Michael Riessler
Hörspielbearbeitung: Manfred Hess
Regie: Iris Drögekamp
SWR/ORF 2014