Zum Tag der Befreiung

Zeugnis von der Vernichtung ablegen: Jüdische Dichter im Kampf gegen das Vergessen

Sie schrieben vom Überleben und vom Widerstand. Zum 80. Jahrestag der Befreiung erinnern wir an jiddische Dichtung, die sich in Worten dem Grauen entgegensetzten. Ihre Dichtung wurde zum letzten Mittel gegen das Vergessen.

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Stand

1949 notierte der Philosoph Theodor W. Adorno ein berühmtes Verbot: Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, sei barbarisch. Meist wird es so verstanden, als habe es der Dichtung angesichts der Monstrosität des Verbrechens der Judenvernichtung die Sprache verschlagen, als wäre schon die Idee, dieses Ereignis künstlerisch verarbeiten zu wollen, absurd.

Der Philosoph Theodor W. Adorno
Der Philosoph Theodor W. Adorno prägte das berühmte Verdikt gegen Gedichte nach Auschwitz. akg-images

Aber abgesehen davon, dass dieses Verdikt seltsam unverbunden in seinem Essay „Kulturkritik und Gesellschaft“ auftaucht, der sich schwerpunktmäßig mit der Kulturentwicklung in der kommunistischen Sowjetunion und der spätkapitalistischen USA beschäftigt und nur am Rande mit dem Nationalsozialismus, geht es ihm gerade nicht darum, Defizite der Sprache an sich zu benennen.

Die Sprache der Täter

Und es geht ihm auch nicht darum, was einen jungen Lyriker wie Paul Celan beschäftigte, nämlich die Frage: Kann ich im Deutschen, in der Sprache der Täter noch Gedichte schreiben? Adorno verweist auf etwas anderes. Darauf, dass in der „finsteren Einheitsgesellschaft“ die Sprache der Reklame, der Kulturindustrie, der Lüge jegliche künstlerische Äußerung korrumpieren würde.

Aber zu dieser Zeit waren schon große Werke entstanden: Texte von Autoren, die dem Schrecken in die Augen geschaut haben. Texte, die einem ehernen ästhetischen Gesetz zuwiderlaufen scheinen, nämlich dem, dass Literatur den Abstand zum Geschehen brauche. Dafür war keine Zeit. Diesen Autoren ging es um ein Zeugnis. Denn die Autoren wussten, jeder Tag könnte der letzte sein. Wer trotzdem überlebte, hatte unfassbares Glück.

Gedenkstätte Konzentrationslager Sachsenhausen
Ehemaliges Konzentrationslager Sachsenhausen in Oranienburg, heute Gedenkstätte und Museum. IMAGO / Jürgen Ritter

Geschichte der Opferung Isaaks neu erzählt

Der Dichter Abraham Sutzkever gehört zu diesen Überlebenden, der im Ghetto Vilnius mit seinem Langgedicht „Kol Nidre“ die biblische Geschichte der Opferung um Abraham und seinen Sohn Isaak neu erzählt, ohne Hoffnung, ohne Zukunft. Oder Zvi Kolitz, der in „Jossel Rakovers Wendung zu Gott“ den vielfach geplagten Hiob in seine düstere Gegenwart versetzt.

Jizchak Katzenelson: Dichter des Ghetto-Widerstands

Jizchak Katzenelson hatte dieses Glück nicht. Er wurde 1886 in Weißrussland in der Nähe der Stadt Minsk geboren. Später lebte er als Hebräisch-Lehrer und Dichter mit seiner Familie in Łódź, denn das Hebräische, das sollte wiederbelebt werden, gegen das Jiddische, das man verachtete wie die traditionelle Schtetl-Kultur. Die Zukunft, die sollte in Erez Israel liegen, im gelobten Land. Aber dann überfiel die deutsche Wehrmacht Polen.

Katzenelson floh nach Osten, nach Warschau. Aber auch hier herrschten bald die Deutschen. Die jüdische Bevölkerung, die Deportierten, die Einheimischen wurden in einem Ghetto unter schlimmsten Bedingungen eingepfercht, bis klar wurde, was mit ihnen geschehen sollte. 1942 wurden sie im Vernichtungslager in Treblinka ermordet  – mit Gas. Es sei „eine gegenüber dem Verhungernlassen angenehmere, darum humanste Lösung“, schrieb der SS-Offizier Rolf-Heinz Höppner in einer Aktennotiz.

Symbolischer Friedhof Treblinka
Gedenkstätte und symbolischer Friedhof für die Opfer, die im Vernichtungslager im polnischen Treblinka getötet wurden. IMAGO / ZUMA Press

Warschauer Ghetto – Ort perfidester Menschenversuche

Das Warschauer Ghetto war ein Ort perfidester Menschenversuche. Man überließ den Juden selbst die Organisation der Entscheidungen, wer nach Treblinka verbracht wurde. Dem Judenrat wurden nur die Zahlen übermittelt, täglich gesteigert. Die Durchführung oblag der „Judenpolizei“. Adam Czerniaków, der Vorsitzende des Judenrats, nahm sich am 23. Juli 1942 das Leben, als die Nazis ihn aufgefordert hatten, 7.000 neue Opfer zum Umschlagsplatz bringen zu lassen.

Katzenelson hat den Judenrat und diese jüdische Polizei verachtet. Er kämpfte mit im großen Ghettoaufstand von April 1943, der damit endete, dass die Deutschen das Ghetto dem Erdboden gleichmachten. Katzenelson gelang die Flucht in den sogenannten arischen Teil Warschaus und von dort mit gefälschten Pässen in ein KZ im französischen Vittel, wo die Deutschen sogenannte Austauschjuden interniert hatten.

Jüdische Polizei im Warschauer Ghetto
Das Warschauer Ghetto galt als Ort schlimmer Menschenversuche, wo die Juden selbst entscheiden mussten, wer ins Vernichtungslager gebracht werden musste. IMAGO / Reinhard Schultz

Klagelied eines ausgerotteten Volkes

In diesen Monaten schrieb Jizcchak Katzenelson sein Poem „Großer Gesang vom ausgerotteten jüdischen Volk“ – auf Jiddisch. Ein Klagelied, ein Zeugnis der Verzweiflung, eine Anklage gegen die Deutschen, aber auch gegen die jüdischen Amtsträger, die den Nazis bei der Organisation der Vernichtung behilflich waren:

Ihr schlachtet hin ein Volk / Das wehrlos seine Blicke hoch zum Himmel schickt. Ach ihr / Das könnt ihr eben nicht: NICHT morden.

Doch es mündet in einer stolzen Hymne auf den jüdischen Widerstand im Ghetto, die mit der Frage nach dem Warum schließt und sie lapidar beantwortet: Wir sind nun einmal vogelfrei. Man darf uns umbringen. So einfach ist das.

In der Übersetzung von Wolf Biermann ist dieser radikale, schonungslose, entfesselte Text nicht nur ein bedrückendes Dokument, sondern auch literarisch ein Ereignis.

Und Katzenelson tat alles, damit er nicht verloren ging. Eine Fassung grub er in Vittel in die Erde, wo sie dank einer Zeugin nach dem Krieg wieder aufgefunden werden konnte, eine andere konnte in einem Koffergriff eingenäht gerettet werden. Sein Autor wurde 1944 von Drancy nach Auschwitz gebracht. Am 1. Mai starb er in den Gaskammern.

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Sein „Großer Gesang“ ist nicht nur ein Dokument ist, das klar eine historische Karte der Verfolgung und Ermordung bis hin zu den Namen der Vernichtungslager liefert. Es ist zugleich eine aufrüttelnde, beklemmende Dichtung, erschrieben im Wettlauf gegen das sichere Schicksal Tod. Das hat einen traurigen Grund, und das ist der Jahrtausende alte Antisemitismus. 

Wer die Propheten der Hebräischen Bibel studiert hat – Jesaja, Jeremias, Hesekiel – oder in Katzenelsons eigener Gegenwart das berühmte hebräische Langgedicht „In der Stadt des Tötens“ von Chaim Nachman Bialik über das Pogrom von Kischinew am Ostersonntag 1903, der wusste Bescheid.

Der Holocaust ist einzigartig und ohne Beispiel, aber die literarische Sprache, mit der die einzelnen Schicksale beschrieben werden konnten und mussten, lag schon bereit. 

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Erstmals publiziert am
Stand
Redakteur/in
Frank Hertweck
Onlinefassung
Elisabeth Bold