200. Todestag Der Mann im Schatten Mozarts – Antonio Salieri
Gerüchte erklärten Antonio Salieri zum Mörder Mozarts. Dabei war der Wiener Hofkapellmeister einer der erfolgreichsten Opernkomponisten seiner Zeit.
Der Hollywood-Film „Amadeus“ ist Fluch und Segen zugleich für das Andenken des Komponisten Antonio Salieri.
Ein Fluch, denn der Film nach dem gleichnamigen Bühnenstück von Peter Shaffer zementiert die alte Mär vom emsigen, doch uninspirierten Hofbürokraten, der mit neidischem Blick das Genie seines Widersachers Wolfgang Amadeus Mozarts beäugt – und schließlich seinen Teil zu dessen frühem Tod beiträgt.
Salieri und Mozart: Der größte Rufmord der Musikgeschichte?
Ein Segen ist der Film insofern, als dass sein Erfolg in den 1980er-Jahren das Interesse am Leben und Schaffen des am 18. August 1750 in Norditalien geborenen Musikers wieder aufkeimen ließ.
Was „Amadeus“ uns über Mozart, Salieri und Nationalismus verrät
Wir stellen drei Werke vor, die einen zweiten Blick lohnen:
- Opernerfolg in Mailand: L’Europa riconosciuta
- Wegweisende Kompositionsübung: 26 Variationen über „La Folia di Spagna“
- Salieris frommer Abschied: Das Requiem in c-Moll
Opernerfolg in Mailand: L’Europa riconosciuta
Frenetisch gefeiert wird am 3. August 1778 die Uraufführung von Salieris Oper „L’Europa riconosciuta“ (Deutsch: „Die wiedererkannte Europa“). Der Komponist, gerade einmal 28 Jahre alt und bereits seit vier Jahren Kapellmeister der italienischen Hofoper zu Wien, hat das Dramma per musica für die Eröffnung des neuen lombardischen Opernhauses geschrieben: die Mailänder Scala.
Eigentlich hätte sein Freund und Mentor Christoph Willibald Gluck die Oper für die Eröffnung komponieren sollen. Als dieser aus Termingründen absagen muss, empfiehlt er Salieri für den Kompositionsauftrag.
Insgesamt 33 Opern schrieb Salieri. „L’Europa riconosciuta“ ist in vielerlei Hinsicht für ihre Zeit modern und wegweisend.
Salieri ist Anhänger der Gluck’schen Reformoper und bricht in einigen Elementen mit der Tradition der klassischen italienischen Oper: etwa eine als kompositorische Einheit mit der Oper konzipierte Ouvertüre und kurze Ariosi und Accompagnati, die den Abschied von der Nummernoper und den Weg hin zur durchkomponierten Form ankündigen.
Salieri stürzt die Hörer gleich zu Beginn seiner Oper in einen tosenden Sturm auf offener See, der Königin Europa und König Asterio von Kreta an den Strand von Tyros spült. Die Ouvertüre inspiriert über Umwege schließlich auch Salieris Schüler Beethoven zur Sturmszene im 5. Satz seiner 6. Sinfonie, der „Pastorale“.
Wegweisende Kompositionsübung: 26 Variationen über „La Folia di Spagna“
Als Kapellmeister am Habsburgerhof in Wien schreibt Salieri hauptsächlich für die menschliche Stimme. Nur wenige reine Instrumentalwerke sind überliefert, darunter zwei Klavierkonzerte, zwei Sinfonien und mehrere Serenaden.
Bemerkenswert ist daher die Auseinandersetzung Salieris mit der Folia, einem Folkloretanz, der um 1600 am portugiesischen Königshof populär wurde und von dort seinen Siegeszug bis an den Hof Ludwigs XIV. antritt.
Komponisten wie Bach, Lully, Corelli und Scarlatti setzen sich mit der Folia auseinander, später auch Liszt in seiner „Rhapsodie espagnole“ und Rachmaninow in seinen „Corelli-Variationen“.
Die 26 Folia-Variationen von Salieri sind auch musikhistorisch bemerkenswert. Der Komponist versucht, in ihnen eine Bestandsaufnahme der orchestralen Ausdrucksmöglichkeiten seiner Zeit zu leisten – und kreiert damit einen der ersten orchestralen Variationen-Zyklen überhaupt.
Salieris frommer Abschied: Das Requiem c-Moll
Wer Miloš Formans „Amadeus” gesehen hat, wird sich eindrücklich an die Szene erinnern, als der bettlägerige Mozart Salieri aus dem Kopf das „Confutatis“ aus seinem Requiem d-Moll diktiert. Spätestens nun erkennt Salieri im Film die künstlerische Überlegenheit des sterbenden Salzburgers.
Auch wenn diese Szene (natürlich) so nie stattgefunden hat, erscheint es doch angemessen, an dieser Stelle auch auf Salieris eigenes Requiem zu verweisen. 1804 zieht sich der Komponist von seiner Stelle als Hofkapellmeister zurück und widmet sich fortan vermehrt der Kirchenmusik.
Als ein „kleines Requiem, komponiert von mir, der kleinsten Kreatur“ überschreibt Salieri seine 1804 komponierte Totenmesse, die gemäß seiner testamentarischen Verfügung erst 21 Jahre später zu Ehren seiner eigenen Trauerfeierlichkeiten uraufgeführt werden wird.
Der Vergleich mit Mozarts vielgespieltem, von seinen Schülern komplettiertem Requiem drängt sich natürlich auf. Musikalisch zeigt sich Salieri auch im Tod erneut stilprägend. Er antizipiert den Tonfall des Biedermeier, den sein Schüler Franz Schubert in seiner geistlichen Musik populär machen wird.