Thementag über die Kraft und Wirkung der Psalmen

Die Psalmen: Zeitlose Poesie zwischen Sehnsucht und Hoffnung

Sehnsucht, Hoffnung, Verzweiflung: Die Psalmen fassen das Menschsein in Worte. SWR Kultur zeigt, warum diese Texte bis heute berühren und inspirieren.

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Von Autor/in Janine Putzek

Zeitlose Texte voller Kraft

Die Psalmen gehören zu den ältesten Gedichten der Menschheit: Sehnsucht und Erfüllung, Hunger und Hoffnung, Lob, Verzweiflung, Sinnsuche und Wut, Zerknirschung und Kraft – das Buch der Psalmen speist sich aus den existenziellen Fragen des Menschseins. Sie sind Gebete, Lieder und Poesie zugleich.

Ihre zeitlose Kraft zeigt sich nicht nur in ihrer religiösen Bedeutung, sondern auch in Kunst, Musik und Literatur. Über Jahrhunderte hinweg haben sie Menschen inspiriert, unabhängig von Konfessionen oder kulturellen Grenzen.

Was können uns die Psalmen heute noch sagen?

Die Texte der Psalmen sind überraschend aktuell. Sie sprechen von Themen, die auch heute noch relevant sind: von Klimakrise und Konflikten, von Einsamkeit und Gemeinschaft.

Vielleicht ist das ihr Geheimnis: Sie sind so universell, dass jeder in ihnen etwas finden kann, das ihn anspricht. Marvin SuckutLaura Gommel und Marius Loy haben sich von den Psalmen beispielsweise zu Poetry Slams inspirieren lassen. 

Die Psalmen sind zeitlose Begleiter, die uns in der Klimakrise den Wert der Schöpfung vor Augen führen. Sie sprechen von der Schönheit der Erde und der Sehnsucht nach Heilung. Rabbiner Walter Rothschild beschreibt sie als „therapeutisch“, da sie in ihrer Poesie Raum für Reflexion und Verantwortung schaffen.

Auch in Zeiten von Konflikten sind die Psalmen hochaktuell. Sie verbinden Verzweiflung mit Hoffnung und fordern zu Mitgefühl und Versöhnung auf. Nora Gomringer nennt sie „Ertappenspsalmen“, die uns in unserer Menschlichkeit berühren und inspirieren, aktiv für eine bessere Welt einzutreten: „Herr, du hast mich erforscht und du kennst mich.“

Persönliche Einblicke in starke Texte

Die Psalmen sind zeitlose Texte, die Menschen durch alle Lebenslagen begleiten können. Sie spenden Trost, wecken Zuversicht oder inspirieren zu Wachstum und Mitgefühl. Persönlichkeiten aus verschiedenen spirituellen und künstlerischen Traditionen teilen bei SWR Kultur, welche Psalmen oder Texte sie bewegen und wie diese ihr Leben prägen.

Für den Tenor Julian Prégardien ist Psalm 121, „Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen“, ein lebenslanger Begleiter. Zwei prägende Erlebnisse verknüpft er mit Mendelssohns Vertonung: als Kind weckte sie seinen Wunsch, Sänger zu werden, und Jahre später motivierte sie ihn, nach einer Pause wieder in den Chor zurückzukehren.

Julian Prégardien
Julian Prégardien: „Dieser Psalm im Besonderen, dieser Blick nach oben, einmal ins Unendliche oder zu den Bergen oder zu dem vermeintlichen Schöpfer von uns allen und dass man sich in Zuversicht nach oben wenden kann, das hat nicht nur mein Leben geprägt, sondern das ist ein wahnsinnig starkes Bild.“

Für die Schriftstellerin Mithu Sanyal ist das Kirchenlied „Macht hoch die Tür“ eine Brücke zwischen ihrer katholischen Kindheit und dem Psalm 24, auf dem es basiert. Sie schätzt die Psalmen für ihre Verbindung von Lob und Klage und erkennt im Mitgefühl, das Gott und Menschen verbindet, die Essenz des Göttlichen.

Mithu Sanyal
Mithu Sanyal: „Wir sind aufeinander angewiesen, wir alle brauchen Trost und wir alle haben die Fähigkeit Trost zu spenden. Wir alle haben die Fähigkeit zum Mitgefühl und deshalb ist Mitgefühl für mich auch die Verbindung zu dem Göttlichen.“

Der Islamwissenschaftler Muhammad Sameer Murtaza sieht in den Psalmen und den Texten des Philosophen Mohammed Iqbal einen Aufruf, über sich hinauszuwachsen. Für ihn liegt die wahre Stärke des Menschen in der Nächstenliebe, die sich in konkreten Handlungen zeigt: in der Verantwortung füreinander und der Achtung der Menschenwürde.

Dr. Muhammad Sameer Murtaza
Muhammad Sameer Murtaza: „Die Entscheidung liegt bei uns: Wir können in alte Feindschaften verharren, unsere Welt mit politischen Ideologien vergiften oder wir machen uns auf den Weg, jene Zukunft zu errichten, die unserer Würde entspricht.“

Margot Käßmanns Lieblingspsalm ist Psalm 126 „Wenn der Herr die gefangenen Zions erlösen wird, werden wir sein wie die Träumenden“. Er inspiriert sie durch seine Botschaft der Hoffnung, dass aus Leid und Trauer neues Glück und Zuversicht erwachsen können. Besonders berührt sie die Aussage, dass Träume und Visionen eine bessere Zukunft möglich machen.

Margot Käßmann
Margot Käßmann: „Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten, das ist für mich Ausdruck von Hoffnung, auch in Zeiten von Krieg. Der Psalm gefällt mir so gut, dass ich ihn für meine Trauerfeier eines Tages aufgeschrieben habe.“

Die Verbindung von Musik und Psalmen

Die Psalmen sind nicht nur poetische Texte, sondern auch eine Quelle musikalischer Inspiration. Besonders eindrucksvoll zeigt das der niederländische Komponist Jan Pieterszoon Sweelinck (1561–1621). Er schuf mit seinen mehrstimmigen Psalmvertonungen wahre Meisterwerke.

Im Zuge der Reformation wurde die Musik in den reformierten Gemeinden auf den einstimmigen Psalmengesang nach Vorbild des Genfer Psalters reduziert. Doch Sweelinck, der oft als „Orpheus von Amsterdam“ bezeichnet wird, umging diese Beschränkungen. Zwischen 1604 und 1621 vertonte er alle 150 Psalmen aus dem Genfer Psalter für vier bis acht Stimmen.

Sweelincks Kompositionen zeichnen sich durch ihre emotionale Tiefe und Vielfalt aus. Sie spiegeln die Stimmungen der Psalmen wider. Besonders bemerkenswert ist sein Einsatz von Kontrapunkt, Harmonie und ausdrucksstarker Textdeutung. Er kombinierte klassische motettische Elemente mit freier Imitationstechnik und madrigalistischen Stilmitteln.

Sweelincks Vermächtnis reicht weit über seine Zeit hinaus. Seine Psalmvertonungen schlagen eine Brücke zwischen Renaissance und Frühbarock und zeigen, wie zeitlos die Themen und Melodien der Psalmen sind.

Psalmen im klösterlichen Alltag

Psalmen prägen den klösterlichen Alltag tief. „Mein Leben ist umfangen vom Psalmengebet“, beschreibt Abt Nikodemus Schnabel. Jede Woche betet der Abt von der Dormitio-Abtei in Jerusalem alle 150 Psalmen. Dabei seien sie mehr als Gebetstexte, sondern mehr lyrische Meisterwerke. Abt Nikodemus betont, dass ihre Schönheit oft erst im Gesang spürbar wird.

Die Psalmen überbrücken Kulturen und Zeiten. In Jerusalem werden sie von Christen, Juden und Muslimen geschätzt. „Die Psalmen verschweigen nichts“, sagt Abt Nikodemus. „Sie geben Raum für menschliche Abgründe, aber auch für kosmischen Jubel, wie im Finale des Psalters, Psalm 150.“

In Krisenzeiten spenden Psalmen den Mönchen Halt. Nach dem Terrorangriff vom 7. Oktober 2023 beteten die Mönche alle 150 Psalmen in einer 24-stündigen Andacht. „Die Psalmen gaben uns Worte, wo wir selbst keine mehr hatten“, so Abt Nikodemus. Sie verbinden Menschen in Klage, Gebet und Hoffnung.

Soll man es Psalmen nennen?

Wenn es extrem wird, beten irgendwann fast alle: aus Wut, Schmerz oder unbändiger Freude. Welche höhere Macht oder welcher Gott angerufen wird, spielt dabei keine Rolle.

In einem Workshop zu einem Konzert des SWR Vokalensembles haben Schülerinnen und Schüler aus allen Jahrgängen des Evangelischen Mörike-Gymnasiums in Stuttgart Psalmen geschrieben und Klangkollagen komponiert, in denen sie eine Form und einen Ausdruck dafür gesucht haben, was sie bewegt.

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Das SWR Vokalensemble singt unter der Leitung von Yuval Weinberg Psalmen von Felix Mendelssohn Bartholdy, Cyrillus Kreek, Zad Moultaka und Saed Haddad. Livemitschnitt vom 25. Juli 2025 in der Evangelischen Kirche Stuttgart-Gaisburg.

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Autor/in
Janine Putzek
SWR-Reporterin Janine Putzek.