Zum 100. Geburtstag des Jahrhundertsängers

Dietrich Fischer-Dieskau: Eine mühelos strömende Stimme

Mehr als 40 Jahre währte seine künstlerische Laufbahn, bis heute ist er maßgebend in der musikalischen Welt: Über Dietrich Fischer-Dieskau, den Jahrhundertsänger, der sein Leben der Kunst widmete.

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Von Autor/in Janine Putzek

Als Liedsänger ist er bis heute unübertroffen: Über eintausend Lieder hatte Dietrich Fischer-Dieskau in seinem Repertoire – und das in einer vollendeten Einheit von Text und Musik. Hinzu kamen nahezu alle bedeutenden Opernpartien für sein Fach. Mehr als 40 Jahre währte die künstlerische Laufbahn des Jahrhundertsängers.

Musik in jungen Jahren

Dietrich Fischer-Dieskau wird am 28. Mai 1925 in Berlin geboren. Er wächst in einem Haus voller Musik, Bücher und Leidenschaft für das Theater auf: Der Vater ist Altphilologe und Schuldirektor und wollte eigentlich Komponist werden. Die Mutter ist ebenfalls Lehrerin und singt. Das Talent des Sohnes wird früh erkannt und gefördert.

Mit 16 Jahren singt er zum ersten Mal Schuberts „Winterreise“ öffentlich – den ganzen Zyklus mit seinen 24 Liedern. Zwei Jahre später beginnt er nach dem Not-Abitur sein Gesangsstudium bei dem gefragten Musikpädagogen Hermann Weißenborn. Dort lernt er auch seine spätere Ehefrau, die Cellostudentin Irmgard Poppen, kennen.

Dietrich Fischer-Dieskau mit seinen Gemälden im Hintergrund 2001
Dietrich Fischer-Dieskau war nicht nur Musiker, sondern auch Künstler: Hier im Hintergrund eines seiner Gemäde.

Bach-Kantaten in der Kriegsgefangenschaft

Das Gesangs-Studium wird wegen des Ausbruchs des Zweiten Weltkriegs unterbrochen. Nach nur einem Semester wird Fischer-Dieskau 1943 als Soldat einberufen, bis 1947 wird er in Italien in amerikanischer Kriegsgefangenschaft bleiben.

Durch die schwere Zeit hilft ihm hilft das, was er im Kopf hat: Gedichte, Bach-Kantaten, Lieder und auch Brahms Dritte Symphonie. „Über die ließen sich ganze Romane schreiben“, notiert er, „Gott sei Dank weiß ich sie auswendig.“

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland kommt er zunächst bei der Familie seiner Verlobten Irmgard Poppen in Freiburg unter. Er entscheidet sich jedoch bald, nach Berlin zurückzukehren und sein Studium bei Weißenborn fortzusetzen – auch wenn ihn die Distanz zu seiner Verlobten schmerzt.

Bariton Dietrich Fischer-Dieskau Februar 1969
Bariton Dietrich Fischer-Dieskau im Februar 1969.

Eine steile Sänger-Karriere

Als 22-Jähriger wird er von dem amerikanischen Rundfunksender RIAS Berlin unter Vertrag genommen: Er soll nun den ganzen Zyklus von Schuberts „Winterreise“ aufnehmen – im Laufe seiner Karriere wird er diesen Zyklus noch zehn weitere Male einsingen.

Schon die erste Aufnahme ist ein voller Erfolg. Die Berliner Musikszene wird neugierig auf diese junge Stimme, Kritiker schwärmen von seiner „mühelos strömenden Stimme“ und ein gutes Jahr später füllt Fischer-Dieskau bereits den Titania-Palast mit seinen 2000 Plätzen.

In den Fünfzigerjahren nimmt Fischer-Dieskaus Karriere rasant Fahrt auf. In Salzburg begegnet er dem schon gebrechlichen Wilhelm Furtwängler. Der fast vierzig Jahre ältere Dirigent wird ihm väterlicher Freund.

Musik als Versöhnung nach dem Zweiten Weltkrieg

Als etablierte Gesangsgröße ist Fischer-Dieskau sich seiner Verantwortung als Deutscher nach den Schrecken des Zweiten Weltkrieges und dem Holocaust bewusst. Bei seinen Reisen ins Ausland erlebt er zunächst viel Ablehnung und Misstrauen, denen er entgegenwirken möchte.

Ein großes Zeichen der Versöhnung erlebt er 1962 als der britische Komponist Benjamin Britten ihn fragt, ob er in seinem „War Requiem“ den Bariton-Part übernehmen wolle. Tatsächlich hat Britten diese Stimme für Fischer-Dieskau angelegt, noch vor dessen Zusage, die dann auch postwendend erfolgte.

Dietrich Fischer-Dieskau 2004 während eines Podiumsgespräches im Deutschen Theater Berlin
Dietrich Fischer-Dieskau 2004 während eines Podiumsgespräches im Deutschen Theater Berlin.

Ein großer Name, eine große Bürde

Dietrich Fischer-Dieskau war nicht nur Sänger, Dirigent, Lehrer, Künstler und Autor, sondern auch Vater von drei Söhnen aus seiner ersten Ehe mit Irmgard Poppen. Der Jüngste, Manuel Fischer-Dieskau, unterrichtet als Professor für Cello und Kammermusik an der Musikhochschule in Mainz.

Der Sohn dieses großen Sängers zu sein, sei zwar eine Bürde gewesen, sagt der Cellist und Komponist gegenüber SWR Kultur. Vor allem sei er aber dankbar, wie ihn sein Vater musikalisch geprägt habe.

Für Dietrich Fischer-Dieskau war die intellektuelle Auseinandersetzung mit Musik zentral gewesen: Den Gesang habe er stets mit minutiösem Wissen für die verwandten Künste untermauert – und trug diesen Anspruch an Bildung auch an seine Schüler.

Ein Leben für die Musik

„Sein ganzes Leben hat er der Kunst gewidmet“, betont sein Sohn, wie auch Fischer-Dieskaus letzter Schüler Benjamin Appl.

Sein Mentor sei für das Umfeld dabei nicht immer leicht im Umgang gewesen: Denn Fischer-Dieskaus Perfektionismus setzte viele unter hohen Druck. Bis heute sind sich Sängerinnen und Sänger jedoch einig darüber, wie sehr er das Liedfach geprägt hat.

„Es wird sich irgendwann in der Zukunft zeigen, ob diese Dinge noch einen Wert haben oder nicht“, so Dietrich Fischer-Dieskau in einem Interview, als er schon über 80 Jahre alt ist: „Wenn ja, umso besser. Wenn nicht, habe ich mit Kartoffeln gehandelt.“

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Autor/in
Janine Putzek
SWR-Reporterin Janine Putzek.