Live mit der SWR Big Band

Helge Schneider: „Wenn man nicht mehr lacht, wird man lenkbar“

Von Moped bis Klimperclown: Helge Schneider spielt beim SWR Kultur Open Air in Speyer – in seiner bisher größten Besetzung. Im Interview spricht er über Big-Band-Jazz, Humor in Krisenzeiten und ein vergessenes Buch zur Erderwärmung.

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Wenn Helge Schneider am Sonntag in Speyer beim SWR Kultur Open Air auftritt, wird es ein besonderes Konzert: Zum ersten Mal spielt er mit der SWR Big Band. „Ich hatte ja selber mal eine Band mit elf Leuten – aber das hier ist noch größer“, sagt Schneider im Gespräch mit SWR Kultur. Wie viele Musiker es genau sind, weiß er nicht. „Das werde ich dann feststellen.“

Doch schon jetzt freut er sich auf die neue Erfahrung: „Wenn ein Arrangeur verrückte Sachen schreibt, kommt das erst im Zusammenspiel richtig heraus.“ Dass er dafür nur einen Tag probt, scheint ihn nicht zu beunruhigen. „Ich spiele so, wie ich kann“, sagt er trocken.

Die sollen uns nicht so weit kriegen, dass wir nicht mehr lachen können.

Wichtig sei nur, sich nicht treiben zu lassen. Gerade mit vielen Musikern könne das passieren: „Wenn der Schlagzeuger hitzig wird, denkt man schnell, man müsste besonders schnell spielen.“ Dabei geht es ihm um etwas anderes – um Ruhe, um Klarheit, auch um Schönheit. „Es soll ja schönes Wetter sein, da muss man die Musik auch verstehen können.“

Helge Schneider - typisch mit großere Sonnenbrille und zu großgeratenem Anzug im Karomuster
Helge Schneider ist Musiker, Komiker, Autor und Regisseur – ein Gesamtkunstwerk der Unberechenbarkeit. Sein exzentrischer Bühnenauftritt wird dabei zur zweiten Ausdrucksebene: ein Spiel mit Identität, Absurdität und dem ästhetischen Bruch. Bild in Detailansicht öffnen
Helge Schneider im blauen Anzug und roter Krawatte in komischer Pose auf Tisch
Helge Schneider, 1955 in Mülheim an der Ruhr geboren, wächst im Ruhrgebiet auf und klimpert schon mit fünf Jahren auf dem Klavier. Später studiert er Jazz – bricht aber schnell aus allen Normen aus. Und modisch? Macht ihm sowieso niemand was vor. Hier posiert er 1992 gut gelaunt in München. Bild in Detailansicht öffnen
Aufnahme aus dem Film Praxis Dr. Hasenbein (1997) Helge Schneider sitzt auf einem Motorrad.
In Praxis Dr. Hasenbein (1997) treibt Helge Schneider seine Kunstfigur zur Groteske: Als spleeniger Landarzt mit musikalischem Hang parodiert er nicht nur das deutsche Gesundheitssystem, sondern auch die Logik des Erzählkinos – absurd, anspielungsreich und tief in der Tradition des Surrealen verwurzelt. Bild in Detailansicht öffnen
Helge Schneider sitzt am Piano, umgeben ist er von schier unzähligen Instrumenten.
Seit den 1970er-Jahren erweitert Helge Schneider sein musikalisches Repertoire autodidaktisch: Zwar studierte er zunächst klassisches Klavier, doch das meiste brachte er sich selbst bei – vom Saxofon bis zur singenden Säge. Ein Multitalent zwischen Jazztradition und dadaistischem Eigensinn. Bild in Detailansicht öffnen
Stefan Raab bei seine Show TV Total mit Helge Schneider, Otto Waalkes, Olli Dittrich, Wigald Boning und Jürgen von der Lippe-
Im April 2000 vereint Stefan Raab in seiner Sendung „TV Total“ sechs Größen der deutschen Unterhaltungskultur zu einer spontanen Allstar-Session: Mit Helge Schneider, Otto Waalkes, Olli Dittrich, Wigald Boning und Jürgen von der Lippe wird die Bühne zum musikalischen Spielplatz zwischen Comedy, Pop und Persiflage. Bild in Detailansicht öffnen
Helge Schneider tritt spontan mit Saxophon 2012 bei Udo Lindenbergs Ich mach mein Ding“-Tour in Berlin auf.
Die Künstlerfreundschaft zwischen Udo Lindenberg und Helge Schneider begann Mitte der 1990er-Jahre. Ihre musikalische Zusammenarbeit nahm ihren Anfang, als Schneider dem „Panikrocker“ auf dem Dachboden eigene Kitsch-Duette vorspielte – darunter der spätere Song „Chubby Checker“, der 2008 auf Lindenbergs Erfolgsalbum „Stark wie Zwei“ erschien. Bild in Detailansicht öffnen
Helge Schneider vor der Premiere seiner Komödie „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ am 7. Oktober 2013 in Essen. Der vielseitige Künstler verbindet in seinen Filmen subtile Satire mit seinem unverwechselbaren Humor. Die deutsche Kinopremiere erfolgte am 10. Oktober.
Helge Schneider vor der Premiere seiner Komödie „00 Schneider – Im Wendekreis der Eidechse“ am 7. Oktober 2013 in Essen. Der vielseitige Künstler verbindet in seinen Filmen subtile Satire mit seinem unverwechselbaren Humor. Die deutsche Kinopremiere erfolgte am 10. Oktober. Bild in Detailansicht öffnen
Helge Schneider erhielt 2017 den Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises im Münchner Lustspielhaus. Seine außergewöhnliche Karriere verbindet dadaistischen Humor, vielfältige Musikalität und unkonventionelle Kabarettkunst, mit der er seit Jahrzehnten die deutschsprachige Kulturszene prägt.
Helge Schneider erhielt 2017 den Ehrenpreis des Bayerischen Kabarettpreises im Münchner Lustspielhaus. Seine außergewöhnliche Karriere verbindet dadaistischen Humor, vielfältige Musikalität und unkonventionelle Kabarettkunst, mit der er seit Jahrzehnten die deutschsprachige Kulturszene prägt. Bild in Detailansicht öffnen

Kein Studio, sondern Klimperclown

Statt neuer Platte – das letzte Album „Torero“ erschien 2023 – hat Schneider gerade einen Film gemacht: „The Klimperclown“, ein autobiografisches Werk, das beim Filmfest München Premiere feiert. Musik, Filmmusik, Schnitt – „das war ganz schön viel“, sagt Schneider.

Trotzdem seien schon neue Songs aufgenommen, „vielleicht ist die Platte auch schnell fertig“. Aber erst mal geht’s auf Tour: 35 Konzerte bis Jahresende, „wir sind irre gerne unterwegs, essen Eis, kaufen Hemden – und dann geht’s weiter“.

Trailer zum neuen Helge-Schneider-Film:

THE KLIMPERCLOWN | Trailer | FILMFEST MÜNCHEN 2025

Humor in Zeiten von Kriegen, Klimawandel und KI

Und wie ist das eigentlich: Kommt der Komiker bei all der Musik nicht zu kurz? Schneider kennt den Erwartungsdruck, aber er lässt sich nicht verdrücken. „Ich bin von Haus aus lustig“, sagt er. Der Spaß an der Musik gehe dadurch nie verloren. Und auch wenn die Welt sich immer absurder anfühlt – mit Kriegen, Klimawandel, KI – bleibt für ihn klar: Lachen ist wichtig.

„Man muss cool bleiben“, sagt er. Und: „Die sollen uns nicht so weit kriegen, dass wir nicht mehr lachen können.“ Es sei gefährlich, sich an die tägliche Gewalt zu gewöhnen. „Wenn irgendwo eine Bombe herunterfällt, findet man das plötzlich normal. Das ist Quatsch.“

Humor sei keine Lösung, aber ein Aufbäumen: „Leben unter dem Joch der Zeiten ist schwer. Wenn man nicht mehr lacht, wird man lenkbar.“

Keine Zielgruppe, sondern eine große Familie

Wenn Schneider auf der Bühne steht, blickt er ins Publikum und sieht dort keine Zielgruppe, sondern „eine riesige Familie – Junge, Alte, Linke, Rechte, Mittlere“.

Und manchmal erreicht seine Musik Menschen auf ganz besondere Weise: Ein Käsespezialist aus Erlangen nutzt Schneiders Song „Käsebrot“ als Telefonwarteschleife – und Kund*innen bitten darum, nicht sofort den Hörer abzunehmen, um mitsingen zu können. Für Schneider ein Ritterschlag. „Besser als eine goldene Schallplatte.“

Ein Klima-Roman aus den 1920er-Jahren

Selbst sein Buchtipp ist ein stiller Kommentar zur Gegenwart: „Sturz in die Sonne, ein fast vergessener Klima-Roman aus den 1920er-Jahren vom französischsprachigen Schweizer Charles Ferdinand Ramuz. „Der beschreibt, was passiert, wenn es immer heißer wird – erst denken alle, Sommer, schön – und dann wird’s schlimm.“

Warum ihn das Buch beeindruckt? „Weil er Sätze mehrfach wiederholt – drei-, viermal. Das zwingt einen, langsam zu lesen. Und dann sieht man es richtig vor sich.“

Am 30. August wird Helge Schneider 70 Jahre alt. Und steht an diesem Abend auf der Bühne. „Dann kümmern sich die anderen um die Party. Ich spiel' lieber.“

Erstmals publiziert am
Stand
Onlinefassung
Helen Roth
Interview mit
Helge Schneider
Das Interview führte
Bernd Lechler