Wer an Inseln denkt, dem können viele unterschiedlichste Bilder in den Kopf kommen: Manche denken an Sandstrand, Palmen und blaues Wasser wie auf den Fidschi-Inseln. Andere sehen Wasserfälle und Vulkanen wie auf Island. Manchen werden die rauen Küsten der schottische Insel Islay in den Sinn kommen. So vielfältig wie die Landschaft ist auch die Kultur der Inseln.
Die Insel: Sehnsuchtsort seit der Antike
Die Sehnsucht nach entfernten Inseln ist nichts Neues: Schon die alten Griechen träumten von Inseln der Glückseligkeit und vermuteten diese im südlichen Atlantik. Ein Blick auf heutige Landkarten und Klimatabellen verrät: die Inseln des Südatlantiks – zum Beispiel Tristan da Cunha – wären für die Griechen vermutlich etwas zu kalt gewesen.
Glücklich wären sie viel eher auf der Inselgruppe geworden, die im späten Mittelalter auf den Landkarten auftauchen: die Kanaren. Dort herrscht über das ganze Jahr mildes Klima, weswegen sie auch „Inseln des ewigen Frühlings“ genannt werden.
Man könnte sich dort förmlich im Glück wiegen, und so scheint es kein Zufall zu sein, dass die offizielle Hymne der Kanaraen „Himno Canario“ auf einer Melodie aus dem 19. Jahrhundert basiert: sie ist eine Bearbeitung des Wiegenliedes „Arrorró“ von Teobaldo Power. Die Melodie heute feierlich orchestriert und zum Symbol des Inselklimas.
Curaçao und eine Oper auf Papiamento
Fast 6000 Kilometer südwestlich der Kanaren, vor der Küste Venezuelas, liegt Curaçao. Eine vergleichsweise kleine Insel, deren Musiklandschaft dafür jedoch umso größer ist – denn hier prallen Kulturen aufeinander.
Zuerst von Spaniern, dann von Niederländern eingenommen, wird Curaçao von Sepharden besiedelt, jüdischen Gemeinden aus Spanien und Portugal, die in den Niederlanden Zuflucht fanden. Sie lassen die Insel wirtschaftlich und kulturell erblühen. Diese „Blüte“ ist dabei euphemistisch zu verstehen: Curaçao wird zum zentralen Umschlagsplatz des transatlantischen Sklavenhandels.
Die Opernsängerin Tania Kross bringt diese Geschichte in ihrer Musik zum Ausdruck. Sie ist in Curaçao geboren, wurde in den Niederlanden ausgebildet. 2013, also 150 Jahre nach Abschaffung der Sklaverei auf der Insel, schuf sie eine Oper auf Papiamento, der Sprache Curaçaos und weiterer Inseln vor Venezuela.
Papiamento vermischt Niederländisch, Spanisch, Portugiesisch, Englisch und mehrere westafrikanische Sprachen. Ebenfalls auf Papiamento ist Tania Kross’ Interpretation von „Nonze su kantika di tambu“, ein traditionelles Tambú-Lied. Tambú ist ein musikalisches Genre der afro-curaçaonischen Kultur: Ursprünglich als Ausdruck von Widerstand und Gemeinschaft unter Versklavten entstanden, verbindet es Gesang und Tanz.
In Kross’ Version wird hörbar, wie sich diese Tradition vom geheimen Protestlied zur selbstbewussten Stimme einer Inselgesellschaft gewandelt hat – und wie Papiamento als Sprache all diese historischen Schichten trägt.
Madagaskar und die Valiha
Die Geschichte einer Insel lässt sich aber nicht nur anhand von Sprache erzählen, auch die Instrumente geben Auskunft über die Vergangenheit.
Das Nationalinstrument Madagaskars, die Valiha, ist eine Bambus-Röhrenzither und wurde vermutlich von den ersten Siedlern vor 5000 Jahren auf die Insel mitgebracht. Die stammten dabei nicht vom Festland, sondern waren Polynesier und Malaien, die von Taiwan aus die Inselwelten des Pazifiks und des Indischen Ozeans eroberten.
Die Valiha ist eine Weiterentwicklung der frühen Zithern dieser ersten Siedler. Das heutige Klangbild wird durch die Mischung mit nord- und westafrikanischen Instrumenten geprägt.
Das Ensemble 3MA ist ein Weltmusik-Trio, bei dem das Instrument gemeinsam mit der orientalischen Laute Oud und der Stegharfe Kora gespielt wird. Der Name der Band setzt sich aus den ersten beiden Buchstaben der drei Herkunftsländer der Musiker zusammen: Madagaskar, Mali und Maroc (Marokko).
Raue Inseln vor Schottland: Die Hebriden
Derweil sind Inseln natürlich nicht nur warme Urlaubsorte. Sie sind auch geprägt von rauem Wetter. Das wusste auch der deutsche Komponist Walter Braunfels: Seine Eindrücke der schottischen Inselgruppe setzte er spielerisch in seinen „Hebriden-Tänzen“ in Szene. Das stürmische Wetter und die Brandung klingen darin offen an.
Auch Felix Mendelssohn Bartholdy beschäftigte sich mit den Inseln im rauen Norden. 1829 reiste er zur inneren Hebriden-Insel „Staffa“. Seine „Hebriden-Ouvertüre“ wird zur musikalischen Traumabewältigung: Man hört auch hier die stürmischen Passagen. Dann klingen jedoch wieder friedliche, fast schon träumerische Töne an, die die Schönheit dieser rauen der Landschaft wiedergeben.