„Zurzeit geht es überhaupt nicht. Und ich hoffe sehr, dass es vielleicht irgendwann wieder ein bisschen geht. Aber das ist schon sehr traurig.“ Mit diesen Worten beschreibt Konstantin Wecker den Verlust des Klaviers, seines wichtigsten Instruments. Eine Polyneuropathie nimmt ihm das Spiel – ein tiefer Einschnitt.
Die genaue Ursache für die geschädigten Nerven ist noch nicht geklärt. Wecker selbst führt sie auf seinen jahrelangen Alkoholkonsum zurück. Durch Physiotherapie will der ewig Unbeugsame das Spielvermögen besonders seiner linken Hand wieder reaktivieren.
Neues Buch „Der Liebe zu Liebe“: Alkohol, Kokain und spirituelle Suche
Doch Wecker wäre auch nicht Wecker, würde er das Verstummen seiner Hände nicht in eine Erzählung verwandeln. Gerade ist sein neues Buch „Der Liebe zu Liebe“ erschienen. Darin beschreibt er Alkohol- und Drogensucht, den Entzug – und die spirituelle Suche, die ihn trägt. „Der eigentliche Grund, warum ich mit dem Saufen aufhören wollte, war, dass ich dereinst dem Tod nüchtern begegnen möchte.“
Konstantin Wecker als deutscher Liedermacher und Antifaschist
Seit fast fünf Jahrzehnten begleitet Wecker die deutsche Liedermacher-Szene. Der Durchbruch gelingt ihm 1977 mit der Ballade „Willy“. Das Lied schildert die Auseinandersetzung mit Neonazis, die für den Antifaschisten „Willy“ tödlich endet. Beim Spiel der Ballade zeigte Wecker stets sein wildes, ungestümes Gesicht. Nicht umsonst wurde er häufig als Vulkan am Klavier beschrieben.
Der Name passt nicht nur zu seinem ausdrucksvollen Klavierspiel und Gesang. Er verweist auch auf Weckers exzentrisches Ego und seinen Hang zu Rausch und Exzess – ein Lebemann, den scheinbar nichts stoppen konnte. Trotz zweier Knastaufenthalte und mehreren Entzügen kämpfte er sich immer wieder auf die Bühne zurück.
Sensible Poesie: „Meine Gedichte waren klüger als ich“
Seine Poesie dagegen war schon immer feinfühlig, oft zärtlich. Fans merkten früh an, dass seine Liebeslieder nicht so recht zum wilden Kerl auf der Bühne passen wollten. „Meine Gedichte waren schon immer klüger als ich. Und ich bin ihnen Gott sei Dank im Laufe meines Lebens gefolgt.“
Ein Beispiel: „Ich war als junger Mann ein gnadenloser, dummer Macho. Und doch waren meine Lieder von Anfang an beseelt von einer feministischen Machtkritik.“ Die Diskrepanz zwischen Goldkettchen-Image und poetischer Tiefe fiel auf. Dennoch waren die Fans vom dynoisischen Leben fasziniert. Erst seit gut drei Jahren lebt der Poet nüchtern.
Abstürze und Scheitern: Reue und Nähe zu den Gescheiterten
Regelmäßige Abstürze gehörten zu seinem Leben – bis hin zu einem bewusst herbeigeführten Autounfall. „Ich war voll von Drogen und Alkohol und bin kurz davor noch mit einem Auto bewusst an einen Baum gefahren.“ Sein Ziel? Er wollte herausfinden, ob ihn die Götter noch liebten. Sie nahmen ihn nicht zu sich, die Antwort lautete damit für Wecker: ja.
Tiefe Verzweiflung, der Hang zu Wahnsinn, die Sucht, all das führte beinahe unweigerlich zu Weckers besonderer Empathie für Gescheiterte. „Mir waren immer die Verzweifelten, die Unangepassten und Zerbrechlichen wertvoller“, sagt Wecker, als Menschen, die durch Perfektion glänzten. Von den Strauchelnden habe er mehr Ehrlichkeit erfahren als von Erfolgreichen.
Süchtige, das seien für ihn Suchende, die in erste Linie Liebe brauchen - Tadel und Abwertung seien unangebracht. Gleichzeitig verspüre er auch Reue über die verschwendete Zeit. Noch mehr aber wegen des Leids, dass er seinen Mitmenschen durch seine exzessiven Ausschweifungen angetan habe.
Rebell, Anarchist und Antifaschist: Weckers politisches Engagement für Friden
Trotz so mancher mitunter späten Einsicht gilt Wecker auch noch mit 78 Jahren als Rebell und bekennender Anarchist. Seine Kraft und seinen unbeugsamen Willen zeigt er auch im Kampf gegen Faschismus und für Frieden.
Gegenwärtig sind seine Appelle in Liedern wie „Sage Nein“ wieder sehr aktuell. „Im Endeffekt geht es darum, einige Milliardäre zu befriedigen und ihren politischen Faschismus auch noch zu bedienen. Und da wünsche ich mir schon eine wirkliche Revolution, einen Aufstand,“ kommentiert er das aktuelle Weltgeschehen.
Wecker, 1947 in München geboren, wuchs in einem antifaschistischen Künstlerhaushalt auf. Sein Vater war Maler und Kunstprofessor, seine Mutter machte ihn früh mit bedeutender Literatur und Philosophie vertraut. „Ich musste in der 68er-Zeit bei den Demonstrationen nicht gegen meine Eltern, sondern ich konnte mit ihnen demonstrieren.“
Kunst, Mut und Inspiration durch historische Vorbilder
Was Kunst bewirken kann? „Bewirken heißt Mut machen.“ Wecker sieht in seiner Musik und Poesie eine Möglichkeit, Menschen zu stärken. Ein Fanbrief rührte ihn besonders: „Ich werde jetzt schon gemobbt in meiner eigenen Familie, weil ich mich für Geflüchtete einsetze. Und ich war jetzt in Ihrem Konzert und verspreche Ihnen, ich werde mich weiter einsetzen.“
Politisch engagiert ist Wecker seit Jahrzehnten – antifaschistisch, pazifistisch und sozial. Projekte wie „Künstler für den Frieden“ (1982), die Antifa-Tournee 2006, Demonstrationen gegen Stuttgart 21 und Solidarität mit Geflüchteten seit 2015 spiegeln sein Engagement wider. Lieder wie „Sage Nein!“ und „Ich habe einen Traum“ verkörpern seine Haltung. Auch jenseits der Bühne bloggt er zu politischen und gesellschaftlichen Themen.
Seine Vorbilder – Gustav Landauer, Pazifist und Anarchist, Erich Mühsam, Schriftsteller und Aktivist, und Mascha Kaléko, Lyrikerin des Berliner Chansons – zeigen, dass Mut und Idealismus Wecker geprägt haben: „Die waren so unglaublich mutig. Ich glaube, ihr Mut hat mir auch Mut gemacht, weiter zu meinen Idealen zu stehen.“
Tour und poetische Botschaften trotz Krankheit
Trotz Krankheit blickt er nach vorn: 2026 geht er mit Fany Kammerlander (Cellistin und Sängerin) und Jo Barnickel (Pianist) wieder auf Tour. Das Klavier mag verstummen – seine Stimme bleibt. „Solange die Stimme noch mitmacht, werde ich auch weiterhin auf der Bühne singen.“
Außerdem will Wecker weiterhin als Autor in Erscheinung treten und Lesungen mit seinen Gedichten konzipieren. Er schließt mit einem Gedicht, das wie eine Lebenssumme klingt: „Jeder Augenblick ist ewig. […] Alles wendet sich und endet und verliert sich in der Zeit. Nur der Augenblick ist immer. Gib dich hin und sei bereit.“ Ein Künstler zwischen Wut und Zärtlichkeit.