Freundeskreis, Massive Töne, Afrob und die Fanta Vier

Als der Kessel die Charts regierte: Legendäre Alben der Stuttgarter Hip-Hop-Ära

In den Neunzigern blickte die gesamte deutsche Musik-Landschaft nach Süddeutschland: Rapper aus der Schwabenmetropole prägten den HipHop-Sound der frisch vereinten Bundesrepublik. Wir stellen sechs Alben vor, die diese Musik-Dekade geprägt haben.

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Von Autor/in Steffen König

Anfang der 1990er-Jahre steckte der HipHop in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Sprechgesang wurde von Falco und Thomas Gottschalk praktiziert, aber mit Rap wie in den USA hatte das rein gar nichts zu tun. Populär wurde der deutsche HipHop 1992 ausgerechnet durch den poppigen Hit „Die da!?!“ der Fantastischen Vier aus Stuttgart. Mit glaubwürdigem Deutschrap hatte das in den Augen echter HipHop-Heads nichts zu tun.

Wir stellen sechs Alben vor, die für den deutschen HipHop-Sound aus Stuttgart stehen:

Das Fundament des Kessel-Sounds: Massive Töne – „Kopfnicker“

Bevor Stuttgart den Mutterstadt-Nimbus eroberte, brauchte es ein raues, ehrliches Fundament. Die HipHop-Szene wollte sich vom Pop-Sound der Fantastischen Vier abgrenzen, die Stuttgart bis dahin repräsentierten. Am 29. Oktober 1996 erschien mit „Kopfnicker“ das bahnbrechende Debütalbum der Massiven Töne – veröffentlicht beim Kult-Underground-Label MZEE Records.

Die Stuttgarter Hip-Hop-Band Massive Töne tritt am 30.11.2002 in der Dortmunder Westfalenhalle auf.
Die Stuttgarter Hip-Hop-Band Massive Töne tritt am 30.11.2002 in der Dortmunder Westfalenhalle auf. picture-alliance / dpa | Bernd Thissen

Das Erstaunliche daran: Das Album besaß anfangs weder eine ausgekoppelte Single noch ein offizielles Musikvideo. Es verbreitete sich ausschließlich über Mundpropaganda in ganz Deutschland. Dennoch verkauften Schowi, Ju, Wasi und DJ 5ter Ton auf einer langen Tournee über 15.000 Exemplare der Platte.

Inspiriert durch den Sound der US-Westküste Mitte der 1990er-Jahre zeichnete es sich besonders durch entschleunigte Beats und anspruchsvolle Lyrics aus. So klang Sprechgesang noch nie. „Kopfnicker“ etablierte damit einen neuen Standard für glaubwürdigen Deutschrap und legte den Grundstein für das Lebensgefühl der „Mutterstadt“ Stuttgart. Heute gehört die Platte zum Pflichtrepertoire jedes deutschen HipHop-DJs.

Poetisches Meisterwerk: Freundeskreis„Quadratur des Kreises“

Mit ihrem Debütalbum „Quadratur des Kreises“ brachten Freundeskreis (Max Herre, Sekou, Don Philippe und DJ Friction) im Jahr 1997 eine völlig neue Facette in das Genre Deutschrap. Ihr Sound war melancholisch, politisch, voller Soul und eine intellektuelle Alternative zum sonst oft lauten oder rein spaßorientierten Rap in Deutschland.

Die Single „A-N-N-A“ entwickelte sich zur Hymne einer ganzen Generation. Der gigantische Erfolg katapultierte Frontmann Max Herre ins Rampenlicht und brachte ihm den Spitznamen „Pretty Boy Max“ (oder auch „Jesus von Benztown“) ein, während scharenweise weibliche Fans die Konzerte stürmten. Die darauffolgende erste große Kolchose-Tournee im Jahr 1997 wurde zu einem beispiellosen Triumphzug durch die Republik.

Das krönende Abschlusskonzert am symbolträchtigen Datum, dem 07. November 1997, musste wegen der überwältigenden Nachfrage sogar kurzfristig in das Kongresszentrum B der Messe Stuttgart verlegt werden. Weil US-Superstar Mary J. Blige im Vorfeld zu wenig Tickets verkauft hatte, übernahmen die schwäbischen Rapper die Halle, die mit 4.000 Menschen restlos ausverkauft war.

Der kommerzielle Ritterschlag der Fantastischen Vier – „4:99“

Nachdem sie 1992 mit „Die da!?!“ den allerersten deutschsprachigen Rap-Charterfolg gelandet hatten, wurden die poppigen Fantas in der Underground-Rapszene äußerst kritisch beäugt. Mit ihrem fünften Studioalbum „4:99“ demonstrierten sie jedoch ihre absolute Vormachtstellung im Musik-Business und stiegen direkt von null auf Platz eins in die deutschen Album-Charts ein.

Die Fantastischen Vier - Mit freundlichen Grüßen (Offizielles Musikvideo)

Der eigentliche Geniestreich der Band war aber vor allem die Gründung ihrer eigenen Booking-Agentur und Independent-Labels Four Music. Dort nahmen sie Kolchose-Künstler wie Freundeskreis und Afrob unter Vertrag.

Indem sie deren Musik hochprofessionell vertrieben, bauten sie eine unschätzbare Brücke zwischen dem Untergrund-Kollektiv und der kommerziellen Musikindustrie in Stuttgart auf. So schlossen sich die auch die konkurrierenden Lager zu einem Team zusammen, das die „Mutterstadt“ 1999 an die Spitze des bundesweiten Deutschrap-Olymps katapultierte.

Stuttgart

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Multilingual, politisch und soulig: Freundeskreis – „Esperanto“ (1999)

Neben den Fantastischen Vier und Massive Töne veröffentlichten auch Freundeskreis in der magischen April-Woche des Jahres 1999 ihr zweites Meisterwerk „Esperanto“. Direkt auf Platz 3 stiegen sie in die Album-Charts ein. Das Album wurde mit über 250.000 verkauften Exemplaren mit Gold ausgezeichnet und gilt bis heute als einer der anspruchsvollsten Meilensteine des deutschen Hip-Hops.

Freundeskreis - Esperanto (Videoclip) ft. Deborah

Denn mit dem Titeltrack „Esperanto“ und dem Duett „Mit dir“ (mit Joy Denalane) erschuf die Band eine universelle musikalische Sprache. Die Texte waren komplex, in fünf verschiedenen Sprachen gerappt und bewiesen, dass politische Botschaften, Soul-Einflüsse und Radio-Mainstream kein Widerspruch sein müssen.

Massive Töne – Überfall (1999)

Die Massiven Töne lieferten 1999 mit „Überfall“ ihr bis dato erfolgreichstes Major-Album ab und stürmten direkt die Top-Ränge der deutschen Album-Charts (Platz 6). Das Album verkaufte sich über 100.000 Mal und erreichte damit mühelos Gold-Status.

Überfall wurde 1999 von der Band Massive Töne veröffentlicht
Das Cover des legendären Albums der Massiven Töne mit dem sie ihren Status, authentische Texte und Beats zu basteln, festigten Pressestelle EastWest

Die Hit-Single „Chartbreaker“ lieferte eine scharfe und extrem tanzbare Abrechnung mit den kommerziellen Mechanismen der Major-Musikindustrie. In dieser Phase lief auch die Maschinerie des neu gegründeten 0711-Büros auf Anschlag.

Jean-Christoph Ritter aka Schowi und Johannes Strachwitz aka Strachi managten Acts aus dem 0711-Kosmos, veranstalteten Woche für Woche legendäre HipHop-Parties und etablierten die Stuttgarter Festnetz-Vorwahl 0711 als Gütesiegel für eine ernstzunehmende Stuttgarter Subkultur.

Chartbreaker (Einmal Star und zurück)

Afrob – „Rolle mit Hip Hop“ (1999)

Als viertes und letztes Puzzleteil des Stuttgarter Chart-Wunders von 1999 veröffentlichte Afrob im April sein Solo-Debüt und landete auf Platz 13 der Charts. Auf dem Album befand sich der absolute Club-Banger „Reimemonster“ (feat. Ferris MC aus Hamburg) – ein Track, der bis heute auf keiner ernstzunehmenden Hip-Hop-Party fehlen darf.

Afrob - Reimemonster (Videoclip) ft. Ferris MC

Der Song gilt historisch als der magische Moment, in dem sich der raue Norden und der melodische Süden Deutschlands musikalisch die Hand reichten, um gemeinsam die Clubs des Landes in Schutt und Asche zu legen. Die Single verkaufte sich über 70.000 Mal und zementierte Afrobs Status als eine der markantesten und energiegeladensten Stimmen des deutschen Raps.

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Das Erbe der Mutterstadt

Nach den glorreichen Jahren um die Jahrtausendwende wanderte die Musikindustrie mitsamt vielen Stuttgarter Größen (wie Max Herre, Schowi oder der Plattenfirma Four Music) nach Berlin ab. Stuttgart verlor seinen Status als offizielles Epizentrum des Deutschraps. Doch der Geist der „Mutterstadt“ blieb unsterblich.

Die damals geschaffenen Strukturen legten das Fundament, von dem spätere Generationen massiv profitierten. Egal ob Cro mit seinem Millionen-Hype über das Stuttgarter Independent-Label Chimperator, die Rapcrew der Orsons oder Bietigheim-Bissinger Schwergewichte wie RIN, Shindy und Bausa: Sie alle stehen auf den Schultern der Giganten von 0711 und der Fantastischen Vier und beweisen, wie sehr der Kessel bis heute die deutsche Musikkultur prägt.

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Doku mit unveröffentlichten Geschichten und Ausschnitten vom „30 Jahre 0711 Family Jam“ / ab 10. Juni 2026 in der ARD Mediathek, am 4. Juli 2026 um 0:05 Uhr im SWR