100. Todestag

Pianistin, Komponistin, Forscherin: Die drei Karrieren der Marie Jaëll

Als Wunderkind bestritt Marie Jaëll erste Konzerte am Klavier, die Liebe zur Musik von Franz Liszt führte sie schließlich zur Komposition. Mit 50 Jahren wandte sich Jaëll der Forschung zu und entwickelte eine neue Methode, um Klavier zu lernen. Ihre Erkenntnis: Bloß nicht zu lange üben.

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Stand

Von Autor/in Dominic Konrad

Geboren wird Marie Trautmann am 17. August 1846 im deutsch-französischen Grenzland, in der kleinen Gemeinde Steinseltz bei Wissembourg. Ihr Vater George Trautmann ist Landwirt und Bürgermeister des Dorfes.

Früh soll die musikalische Begabung seiner Tochter offenkundig geworden sein, heißt es etwa im „Bayerischen Landboten“ von 1857: Mit sechs Jahren habe sie zum ersten Mal ein Klavier gesehen und den Vater inständig darum gebeten haben, das Instrument lernen zu dürfen.

Auftritte vor Gioachino Rossini und Königin Victoria

Schließlich schicken die Eltern ihre kleine Tochter um 1852 zum Klavier- und Gesangsunterricht nach Stuttgart. Dort tritt Marie nach zwei Jahren am 15. Oktober 1855 erstmals öffentlich auf.

Als Wunderkind absolviert das Mädchen erste Auftritte in Süddeutschland, der Schweiz und im Elsass, später spielt sie unter anderem vor dem italienischen Komponisten Gioachino Rossini und Königin Victoria.

Im Dezember 1857 gibt die Elfjährige ihr Debüt in Paris. Im Publikum sitzt auch Henri Herz, Pianist, Komponist und Professor des Pariser Konservatoriums. Herz unterrichtet Marie zunächst privat, 1862 wird sie ins Konservatorium aufgenommen und erhält nur vier Monate später mit dem „Premier prix“ ihr Abschlussdiplom.

Bagatelles pour piano à Henri Herz: Nr. 1 Moderato (1872)

Bagatelles pour piano à Henri Herz: No. 1, Moderato

Ehe mit Alfred Jaëll und Konzertreisen in ganz Europa

1866 heiratet die 19-jährige Marie den 15 Jahre älteren Pianisten Alfred Jaëll. Gemeinsam unternehmen sie regelmäßige Konzertreisen durch Europa, bis hin nach Russland. Sie spielen teils zu vier Händen oder an zwei Flügeln, Marie arrangiert Stücke für die gemeinsamen Auftritte.

Obwohl die Ehe weitestgehend harmonisch gewesen zu sein scheint, ist Marie nicht nur glücklich. Das Leben im Schatten des berühmten Ehemanns schränkt sie ein. So schreibt sie in einem Brief an einen Freund:

Der Frau, sei sie nun begabt oder nicht, nimmt der Mann fast alle Dinge weg, aus denen er seine Kraft schöpfen kann, um sich zu produzieren. Er nimmt ihr das Leben.

Und dennoch: Durch die gemeinsamen Konzerte mit Alfred wird Marie in die höchsten musikalischen Kreise eingeführt. Sie lernt unter anderem Johannes Brahms und Anton Rubinstein kennen, und nicht zuletzt auch Franz Liszt.

Porträt des Pianisten und Komponisten Alfred Jaëll (1832-1882) aus dem Jahr 1866
1866 heiratet die 19-jährige Marie Trautmann den 15 Jahre älteren Pianisten und Komponisten Alfred Jaëll. Gemeinsam treten die Jaëlls in ganz Europa und Amerika auf.

Liszt bewegt Marie Jaëll zur Komposition

Anfang der 1870er-Jahre beginnt Marie Jaëll, sich ernsthaft mit dem Komponieren auseinanderzusetzen. Eine erste Klaviersonate widmet sie ihrem großen pianistischen Vorbild Liszt.

„Ich habe mit leidenschaftlicher Aufmerksamkeit ihr impromptu petit morceau und die große Sonate gelesen“, schreibt Liszt der jungen Jaëll. „Diese Werke haben eine fremdartige Note. Sie sind voll von Neuheiten und Kühnheiten, die ich nicht zu kritisieren wage, aber die ich wohl umso mehr schätzen würde, wenn ich das Vergnügen hätte, sie durch ihre mutige, ambitionierte und feinsinnige Komponistin spielen zu hören.“

Ermutigt vom Urteil des berühmten Virtuosen und den ersten eigenen Veröffentlichungen nimmt Marie Jaëll schließlich Unterricht bei César Franck und später Camille Saint-Saëns. Ein Jahr zieht sie sich aus dem Konzertbetrieb zurück, um sich voll und ganz auf das Komponieren zu konzentrieren.

Sonate, IV. Satz Allegro (1871)

Komposition aus Leidenschaft zum Klavier

„Ihre Musik macht besonders die Leidenschaft zum Klavier aus“, erklärt die deutsche Pianistin Cora Irsen 2022 im Gespräch mit dem WDR, für den sie Jaëlls gesammelte Klavierwerke aufgenommen hat. „Sie benutzt die komplette Tastatur – die Bässe, die Höhen, die Mittellage – und lässt sich ganz irre Sachen einfallen, die es zu dieser Zeit nicht unbedingt gegeben hat.“

Hauptsächlich schreibt Marie Jaëll für das Klavier, doch auch Lieder, Chorstücke und eine Fragment bleibende Oper gehören zu ihrem Werk. Franz Liszt schreibt in einem Brief über die Qualität ihrer Arbeiten:

Ein Männername über Ihrer Musik und Sie wären auf allen Klavieren.

Eine der ersten Frauen in der Pariser Komponistengesellschaft

Im Februar 1882 stirbt Alfred an einem diabetischen Schock, Marie Jaëll ist 35 Jahre alt und Witwe. Fortan konzentriert sie sich verstärkt auf das Komponieren. Zwischen 1883 und 1885 verbringt sie mehrere Monate im Jahr bei Liszt in Weimar, wo sie ihn als Korrektorin und Sekretärin unterstützt.

Camille Saint-Saëns setzt sich schließlich auch in Paris für die Anerkennung von Jaëll als Komponistin ein. 1887 wird sie als eine der ersten Frauen in die Pariser Komponistengesellschaft aufgenommen.

Porträt der Pianistin, Komponistin und Musikforscherin Marie Jaëll (1846-1925). Foto um 1890.
Um 1890 zieht sich Marie Jaëll vom Komponieren zurück. Ihre neue Leidenschaft: die Forschung an neuen Ansätzen zur Klaviervermittlung.

Von der Komponistin zur Forscherin

Ob ein Zerwürfnis mit ihrem ehemaligen Lehrer Saint-Saëns oder doch eine Sehnenerkrankung in der Hand ausschlaggebend gewesen ist – Anfang der 1890er-Jahre wendet sich Marie Jaëll von der Komposition ab und beschäftigt sich nun intensiv mit der Musikvermittlung.

Als eine der ersten Klavierpädagoginnen überhaupt setzt Jaëll nicht auf technischen Drill. Besonders lange und intensive Übezeiten lehnt Jaëll ab:

Für ein Kind soll sich die Übezeit zwischen fünf Minuten und einer halben Stunde bewegen. Will man seine Fortschritte beschleunigen, so schreite man bis zu einer Stunde fort, die man jedoch mindestens in zwei Hälften teilen muss.

Sie argumentiert, dass es viel effektiver sei, die Klavierübungen auf die Physiologie der Hand und damit die Anatomie der Spielenden anzupassen, um so ein Bewusstsein für das Spiel zu entwickeln.

Gemeinsam mit dem Arzt Charles Féré, Leiter des Pariser Krankenhauses Kremlin-Bicêtre, führt Jaëll Studien zum Zusammenwirken zwischen Hand- und Armmuskulatur und Gehirnreizen beim Tastenanschlag durch.

Ihre Erkenntnisse veröffentlicht sie 1895 in ihrem ersten Unterrichtsbuch „Le Toucher“. Ins Deutsche wird es 1902 unter dem Titel „Der Anschlag“ übersetzt – von ihrem Klavierschüler Albert Schweitzer.

Spinx, à Camille Saint-Saëns (1885)

Eine Vorreiterin der modernen Klavierpädagogik

Ihre Pianistinnenkarriere beendet Marie Jaëll im Jahr 1905. Mit 60 Jahren schreibt sie sich an der Sorbonne ein, um ihre Studien in den Bereichen Mathematik, Physik und Biologie fortzusetzen. Bis ins hohe Alter veröffentlicht sie zu ihren Forschungsergebnissen und den daraus abgeleiteten Empfehlungen für Musikpädagog*innen.

Marie Jaëll stirbt am 4. Februar 1925 im Alter von 79 Jahren an den Folgen einer Grippe. Nur wenige der über 70 Werke, die die Komponistin hinterlässt, überdauern die Zeit. Ihre wissenschaftliche Arbeit jedoch bildet eine wertvolle Grundlage für eine modernere Klavierpädagogik.