Die Tage werden länger, die Temperaturen steigen und damit die Lust, mehr Zeit draußen an der frischen Luft zu verbringen: Es ist Sommer. Nur noch eine Sache kürt solche Tage: Musikfestivals.
Man lässt sich von der Musik berieseln, trifft Menschen – alles fühlt sich leichter an: Festival bedeutet für viele eine gute Zeit.
Krise der Musikfestivals: Warum viele Events ausfallen
Doch die Festivalidylle wird von der Realität eingeholt: Immer mehr kleine Musikfestivals sehen sich gezwungen, ihre Tore für immer zu schließen.
So auch das „Rocco del Schlacko“ in Püttlingen. Das Festival war seit 1998 ein fester Termin im Saarland. In einem Post auf seinen Social-Media-Kanälen verkündet das Festival sein Aus: „Warum das das Ende ist? Weil wir das Festival nur so machen wollen, wie ihr es kennt und liebt.“
Für Martin Wacker, den Leiter des Karlsruher Musikfestivals „Das Fest“, ist diese Entwicklung wenig überraschend. Seit der Corona-Pandemie habe sich die Lage für unabhängige Festivals dramatisch verschlechtert.
Der Grund fürs Aus im Saarland sind die veränderten Strukturen der Live-Musikbranche:„Exklusiv-Deals und Headliner-Touren dominieren den Markt, monopolähnliche Konzernstrukturen bestimmen die Gegenwart. Davon werden wir zerquetscht – und wir lassen uns nicht zum Geldeintreiber von Konzernen machen“, schreiben die Rocco-Veranstalter.
Steigende Kosten und Konkurrenz setzen Festivals unter Druck
Die steigenden Preise in allen Bereichen wirken sich deutlich auf Festivals aus. Wacker betont, dass die komplette Infrastrukturenkosten Jahr für Jahr weiter explodiert seien: „Das geht bei der Infrastruktur für die Toiletten los, geht bei den Bauzäunen weiter. Auch der Einkauf für Getränke zum Wiederverkauf: Alles ist teurer geworden.“
Das Melt-Festival: Auch Opfer der Krise
Ein ähnliches Schicksal wie das von „Rocco del Schlacko“ traf 2024 auch das bekannte Elektro-Festival „Melt“, das nach 27 Jahren seine letzte Ausgabe feierte. Die Begründung ist immer die gleiche: steigende Kosten, zu viel Konkurrenz und rückläufige Besucherzahlen. In den goldenen Zeiten kamen bis zu 25.000 Menschen, zuletzt nur noch rund 15.000.
Großkonzerte verdrängen kleinere Festivals
Zusätzlich zur allgemeinen Preissteigerung sieht Martin Wacker ein weiteres Problem:
Die großen Major-Tourneen, mit sehr hohen Ticketpreisen, entziehen den kleinen Festivals Kaufkraft.
Wenn man an Konzerte von Adele oder Taylor Swift denkt, und dort 200 Euro, oder sogar mehr, für ein Ticket ausgibt, hat dann vielleicht kein Geld mehr für ein kleines Festival ohne große Namen.
„Das sind natürlich riesige Produktionen und die Leute haben nicht mehr Geld in der Geldbörse. Und ich glaube, wir haben auch eine Überhitzung des Live-Marktes“, so Wacker.
Trotz Krise: „Das Fest“ feiert weiter
Trotz der allgemeinen Krise der Branche feiert dieses Jahr „Das Fest“ 40 Jahre Musikerlebnis und mit sehr niedrigen Eintrittspreisen, „die niedrigsten in ganz Europa“, betont Wacker.
Möglich sei das nur durch ein starkes Netzwerk regionaler Partner:
„Viele Unternehmen aus der Region unterstützen das Festival finanziell. Es lebt stark von der Wirtschaft vor Ort“, erklärt Wacker.
Regionalität, Nachhaltigkeit und Vernetzung machen „Das Fest“ stark
Seit drei Jahren wurde das Festival um einen zusätzlichen Tag erweitert. Trotz eines Ticketpreises von nur 20 Euro werden jährlich rund 140.000 Tickets verkauft: „eine gute Grundlage, um zu wirtschaften“, sagt er.
Wacker beschreibt „Das Fest“ als eine Art „Festival-Familienunternehmen“, das auf Regionalität und Nachhaltigkeit setzt. Auch bei den Getränkeständen gilt: Nur Produkte aus der Region werden verkauft, der Großteil der Erlöse bleibt beim Festival selbst. Das sei ein Gegenmodell zur gängigen Praxis, alles an Großkonzerne auszulagern.
Warum Festivals Kulturförderung brauchen
Das habe er für „Das Fest“ gemacht und er glaubt stark daran, dass kleine Festivals noch überleben können. „Sie müssen aber ihre Alleinstellungsmerkmale herausarbeiten und dürfen nicht austauschbar sein“, sagt er.
Aber noch wichtiger für die Zukunft von Festivals sei unbedingt die Unterstützung aus dem Bereich der Wirtschaft und der Lokalpolitik, denn ein gutes Festival zu haben, sei ein Teil der Stadtkultur und für ihn müsse es „genauso gefördert werden wie ein Ballett oder eine Kapelle. Und das muss noch mehr in die Köpfe der Entscheider rein.“
Festival als Kultur des Miteinanders
Denn bei einem Festival geht es nicht nur um Musik, sondern auch um das gemeinsame Erlebnis, um die unbeschwerten Sommerabende und „ein Festival ist Kultur, und eine Kultur des Miteinanders ist heute wichtiger denn je“, sagt Martin Wacker.
Er glaubt fest daran und möchte mit seinem Team ein „Utopia bauen“.
Deswegen kämen die Leute auch gerade in so großer Menge und mit so großer Begeisterung auf „Das Fest“ „weil sie sich einfach für vier Tage aus diesem doch unsicheren Leben rausnehmen können.“