Dirigent Reinhard Goebel erklärt Bach

„Nonplusultra der Musikgeschichte“: Die Brandenburgischen Konzerte von Bach

„Diese Konzerte sind das Nonplusultra der Musikgeschichte“, schwärmt der Dirigent und Musikforscher Reinhard Goebel. „Sie regen dermaßen zum Staunen an – und sind gleichzeitig zum Niederknien.“ Der leidenschaftliche Anwalt einer historisch informierten Aufführungspraxis wirft für SWR Kultur einen detaillierten Blick auf die „Brandenburgischen Konzerte“ von Johann Sebastian Bach.

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Stand

Von Autor/in Reinhard Goebel

Brandenburgisches Konzert Nr. 1
Brandenburgisches Konzert Nr. 2
Brandenburgisches Konzert Nr. 3
Brandenburgisches Konzert Nr. 4
Brandenburgisches Konzert Nr. 5
Brandenburgisches Konzert Nr. 6

Kriminalstory Widmungsträger

Die Konzerte sind einem kaum beachteten Fürsten gewidmet, dem Markgrafen Christian Ludwig von Brandenburg. Er stand ganz hinten in der Thronfolge des preußischen Königshauses. Was Johann Sebastian Bach mit ihm verband, ist bis heute unklar.

Reinhard Goebel dirigiert das SWR Symphonieorchester
Reinhard Goebel dirigiert das SWR Symphonieorchester bei der Orchesterakademie der Schwetzinger SWR Festspiele 2022. Elmar Witt

Wer heute die Partitur in der Berliner Staatsbibliothek sieht, erlebt Enttäuschung oder zumindest Ernüchterung: kein Prachtband, sondern bescheidene Blätter im DIN-A4-Format. Als Bach die Stücke in sein Reinschriftbuch eingetragen hat, waren sie bereits fertig komponiert.

Konzert Nr. 1 mit kleinem, selten gehörten Instrument

Im ersten Konzert sorgt der Violino piccolo für Überraschung. Das kleine Instrument übertönt wegen seiner Stahlsaiten selbst Hörner und Oboen. Vielleicht ist das der Ausdrucksträger bei dieser Geschichte.

In der Partitur fällt ein kompositorisches Detail auf: Bach zitiert Heinrich Ignaz Franz Biber. In Bibers „Trompete und musikalischer Tafeldienst“ ruft die Trompete den Hof in Salzburg zur Tafel. Genau dieses Motiv zitiert Bach hier mit den Hörnern. Ob Bach sich dieser Bedeutung bewusst war, bleibt offen.

Zahlensymbolik im Zweiten Konzert?

Wenn man sich mit dem Zyklus herantastet, muss man sich fragen, ob es eine Verbindung zwischen Zahl und Musik gibt. Zwar wiederholen sich Motive doppelt im Zweiten Konzert, doch Goebel glaubt nicht an solche Scherze. Auch Carl Philipp Emanuel Bach berichtete über seinen Vater, dass dieser kein Freund von Zahlenspielereien gewesen sei.

Dafür kann man an diesem Konzert gut die unterschiedlichen Aufführungspraxen im 18. Jahrhundert im Vergleich zur Gegenwart betrachten: Heute braucht man für die kuriose Besetzung der Brandenburgischen Konzerte viele gute Solisten.

Im 18. Jahrhundert spielten Musiker mehrere Instrumente und waren flexibel einsetzbar. Anders als heute, reichten damals oft sieben Musiker aus, die zwischen Geige, Oboe oder Flöte wechseln konnten.

Neun Musen und Zwei Akkorde im Konzert Nr. 3

Das Dritte Konzert ist nur für Streichinstrumente geschrieben. Drei Violinen, drei Violen, drei Violoncelli und Basso continuo. Drei Celli sind eine Luxusbesetzung, die nur für diesen Zyklus aus ikonografischen Gründen gemacht wurde.

Denn sie spielen im ersten Satz geteilt und im zweiten Satz sogar unisono. Wahrscheinlich wird damit die Kunstliebe des Markgrafen Christian Ludwig hervorgehoben. Neun Streicher für die neun Musen.

Das Konzert hat nur zwei Sätze, die nur durch zwei Akkorde getrennt sind. Goebel vermutet, dass selbst Johann Sebastian Bach keinen befriedigenden Mittelsatz für neun Solostimmen schreiben konnte.

Virtuoser als Konzert Nr. 4 geht es nicht

Das vierte Brandenburgische Konzert hat eine relativ hohe Popularität, weil es mit zwei Blockflöten besetzt ist. Sie sind aber nicht die Hauptinstrumente, obwohl sie oft so gehandhabt werden. Hauptattraktion ist in dem Fall eigentlich eine schwierige Solo-Violine.

Bach greift zu bestimmten Instrumenten, je nach Affekt oder Textvorlage. In dem Fall stehen die Blockflöten für die Güte des Herrschers gegenüber seinen Untertanen.

Die kompositorische Durchdringung des Materials ist mit diesem Konzert auf eine Stufe gekommen, wo man sagen muss, das ist jetzt das Non-Plus-Ultra. Ausgebuffter und virtuoser geht es nicht mehr.

Konzert Nr. 5 als Einziges zur Aufführung vorgesehen

Das Konzert Nr. 5 war das Einzige, was zum Spielen vorgesehen war. Dafür spricht zum einen, dass es das erste und einzige der Brandenburgischen Konzerte ist, wo eine Bassbezifferung, die eine nötige Spielanweisung war, vorliegt.

Die Solo-Stimme ist dadurch prominent hervorgehoben, auch weil sie komplett ausgeschrieben ist. Bach komponierte die hervorgehobene Cembalo-Stimme vielleicht für Christian Ludwig, der selbst ein zweimanualiges Cembalo besaß. Die berühmte 64-taktige Kadenz macht das Werk vielleicht zum ersten Cembalo-Konzert der Musikgeschichte.

Tod des Fürsten in Konzert Nr. 6

Im sechsten Konzert stirbt der Fürst. Am Ende verschmelzen die beiden Bratschen unisono, eine musikalische Rückführung in die Harmonie. Bach zeigt damit, dass im Unisono die Kraft liegt. Dass wir alle aus einer Quelle stammen und alle in eine Quelle zurückgehen.

Die Entwicklung des Gedankens ist bei diesem Konzert am kunstvollsten: Im ersten Satz wird noch gesucht, die Musiker sind ein Viertel oder Achtel hintereinander. Im letzten Satz haben sie sich gefunden und können in völliger Übereinstimmung schließen. Das ist die Message.

Musikalisches Bild des Fürsten in sechs Konzerten

Bei dem Zyklus der sechs Brandenburgischen Konzerte handelt es sich um ein Bild des Fürsten Christian Ludwig in Musik. Dabei werden die fürstlichen Privilegien abgehandelt.

Die Konzerte erzählen von der Jagd über Ruhm, vom Schutz der Musen, von Herrscher-Güte und vom Kriegführen, bis hin zum Tod des Fürsten.

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Treffpunkt Klassik SWR Kultur

Erstmals publiziert am
Stand
Autor/in
Reinhard Goebel
Onlinefassung
Janine Putzek