Stimmakrobatik: Drei Künstler, die die Grenzen der Stimme ausloten

Wo liegen die Grenzen der menschlichen Stimme? Ein Beatboxer, ein Metal-Sänger und eine Bauchrednerin haben Antworten. Ihre Kunst zeigt, wie vielfältig die Stimme sein kann.

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Von Autor/in Steffen König

Außergewöhnliche Stimmakrobaten

Unsere Stimme ist mehr als ein Werkzeug zur Kommunikation. Sie trägt unser Inneres nach außen - und das manchmal in extremer Form.

Sogenannte Stimmakrobaten sind Menschen, die ihre Stimme trainiert haben, um Außergewöhnliches leisten zu können. Wir haben drei von ihnen aufs Mundwerk geschaut.

Beatboxer Robert Robeat Wolf mit dem Violinduo TheTwiolins auf der Bühne
Beatboxer Robert „Robeat” Wolf mit dem Violinduo TheTwiolins Steffen König

Beatboxen: Robeat perfektioniert Sounds

Wenn Robert Wolf den Raum betritt, dann wird es geräuschvoll. Als Teenager haben ihm Freunde in Esslingen gezeigt, dass man mit der Stimme nicht nur Worte, sondern auch Geräusche erzeugen kann. Das hat ihn sofort fasziniert. Seitdem ist er mit dem Alias „Robeat” als Beatboxer und Soundforscher unterwegs.

Vom Zirpen einer Grille bis zum Snare-Sound eines Schlagzeugs - Robeats Klang-Portfolio ist grenzenlos. Er hat das Kreieren und Reproduzieren von Geräuschen perfektioniert. Beatbox ist eine eigenständige Kunstform, die sich permanent weiterentwickelt. Angetrieben von der Lust am Erforschen der eigenen Stimme und ihrer Möglichkeiten.

Wir fangen ja gerade erst an herauszufinden, was eigentlich alles möglich ist mit der Stimme.

Wolf ist eine Ein-Mann-Drum-Machine und Musiker. Sein Mundwerk kann das Schlagwerk im Orchester aber nicht nur ersetzen, sondern sogar noch erweitern. So vielschichtig ist sein Soundreportoire.

„Robeat macht diese vielen Sounds mit seiner Stimme, was nicht nur Beat, sondern einfach Klangfarbe ist”, erklärt Marta Danilkovich vom Geigenduo „The Twiolins”, mit dem sich Robeat regelmäßig die Bühne teilt. 

Universeller kann die menschliche Stimme vermutlich nicht eingesetzt werden. Trotzdem ist Beatboxen individueller als man denkt. Laut Robeat ist der Sound abhängig „von seiner Anatomie. Das Schöne beim Beatboxen ist, dass jeder anders klingt.” 

Alexander Krull in seinem Studio in Steinheim
Alexander Krull hat sich Growling selbst beigebracht. Steffen König

Growling: Gefühle bis das Stimmband zerrt

Alexander Krull mag es extrem. Er brüllt und schreit seine Liedtexte mit brachialer Kraft ins Mikrofon. „Growling” und „Screaming” nennt man das in der Metal-Welt. Und in der bewegt sich der Frontmann der Bands Atrocity und Leaves’ Eyes, der ein Tonstudio in Steinheim bei Stuttgart betreibt, bereits seit den frühen 80er-Jahren. 

Wir wollten alle Ketten sprengen. Aggressiv, brutal, scheißegal. Es sollte einfach voll auf die Schnauze gehen. Und dafür war genau die Stimme noch das: on the top!

Seine Stimme soll Emotionen transportieren und auslösen. Das sogenannte Growling ist dabei ein spezielles Stilmittel: Es imitiert fiktive Stimmen mythischer Wesen, mit dem Ziel eine Atmosphäre zu schaffen, die man beim Hören spüren kann.

Beigebracht hat Krull sich das Growling durchs Experimentieren mit dem Mikrofon im Proberaum. Sein extremer Gesang hinterlässt aber auch körperliche Spuren. „Logischerweise ist das nicht unbedingt gesund für die Stimmbänder.”

So kam Krull um eine Spritze Kortison in die Stimmbänder nicht mehr herum, als er sie im Rahmen einer Tour zu sehr beansprucht hatte. Für echte Emotionen bezahlt man eben manchmal einen Preis.

Bauchsängerin Murzarella mit ihrer Kakadu Dodo
Sabine Murza lässt ihre Puppen sprechen ohne die Lippen zu bewegen Steffen König

Bauchreden: Hochleistungssport mit Puppen

Mit Extremgesang kennt sich Sabine Murza alias „Murzarella” auch gut aus. Aber in einem ganz anderen Kontext. Sie macht Bauchreden und und vor allem: Bauchsingen! Sie erschafft mit einer Stimme vier völlig unterschiedliche Charaktere.

Wenn sie ihre Puppen zum Leben erweckt, dann verstellt sie dafür ihre Stimme. Das ist anstrengend. Aber dann auch noch mit verstellter Stimme zu singen, ohne dabei die Lippen zu bewegen? Das ist Extremsport.

Ich sage mal, ich bin Bauarbeiter. Also es ist eine richtige körperliche Kraft. Das Bauchsingen ist doppelt so anstrengend wie das normale Singen.

Am Ende geht es der Puppen-Zauberin darum, die perfekte Illusion zu erzeugen. Und dafür darf eben nur die Puppe „sprechen”. „Es kommen Sachen aus dem Kalle raus, bei denen ich manchmal denke, das würde ich selber nie sagen. Also nicht, weil ich das nicht sagen will, sondern weil die Puppe wie magisch diesen Charakter und ihr Eigenleben entwickelt.” 

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