Schlaganfall, Bleivergiftung und Co.

Takt & Therapie: Die Krankheiten der Star-Komponisten

Viel zu selten endet eine Musikerbiografie mit den Worten: ‚und er schlief im Beisein der Familie friedlich ein.‘ Meist nehmen die Leben großer Komponisten ein tragisches Ende. In der Serie ‚Takt & Therapie‘ spüren SWR-Kultur-Redakteurin Ines Pasz und Arzt und Musiker Dr. Michael Jelden den Krankheiten von Beethoven, Mendelssohn, Paganini und Ravel nach.

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Von Autor/in Dr. Michael Jelden, Ines Pasz

Ludwig van Beethoven – Der taube Komponist

Wenn man an Ludwig van Beethoven denkt, kommen die 5. Sinfonie, die Mondscheinsonate und spätestens als dritter Gedanke die Taubheit in den Sinn. Die Krankheit ist lange ein Rätsel der Musikgeschichte, doch heute gibt es einige Theorien dazu. Schon mit 27 Jahren verliert der junge Beethoven nach und nach sein Gehör.

Sicher ist: Es war keine genetische Veranlagung und es kam zu keiner Verknöcherung des Mittelohrs. Vielmehr liegt die Ursache in einer Krankheit, die auch heute verbreiteter ist, als man denkt: nämlich in der Bleivergiftung.

Sie führt zu Nervenfunktionsstörungen und auch zu neurologischen Schäden im Gehirn, inklusive des Hörnervs. Sehr wahrscheinlich liegt hierin die Ursache für Beethovens Ertaubung. Die übermäßige Liebe zum Wein wurde Beethoven zum Verhängnis. 2–3 Liter trank er pro Tag und vor allem minderwertiger Wein wurde mit Bleizucker gesüßt.

Porträt Ludwig van Beethoven
Die Dosis macht das Gift, diese Weisheit stimmte auch bei Beethoven: Der übermäßige Alkoholgenuss kostete ihm in Verbindung mit einer Erbkrankheit das Gehör und schließlich das Leben. IMAGO / imagebroker

Die Taubheit war nicht Beethovens einzige Plage. Er litt auch unter einer sogenannten Aszites, also einer Ansammlung von Flüssigkeit im Bauchraum, die zuweilen bis zu 11 Liter betragen kann. Als Ursache gelten hier eine Leberzirrhose oder eine Hepatitis-Erkrankung, Beethoven hatte beides. Der übermäßige Alkoholkonsum und eine genetische Veranlagung bringen den einstigen Superstar schließlich ins Grab.

Heute wäre die Therapie für die Bleivergiftung vergleichsweise simpel: Das Blei im Blut kann gebündelt und ausgeschieden werden. Doch bereits entstandene Schäden bleiben bestehen. Hepatitis B ist jedoch auch heute noch unheilbar. Ebenso die Leberzirrhose, allerdings ist sie das Endstadium der Lebererkrankung; die Stadien davor sind heutzutage gut behandelbar.

Felix Mendelssohn Bartholdy – Eine Familie voller Schlaganfälle

Felix Mendelssohn Bartholdy teilt das Schicksal vieler genialer Komponisten: Er starb viel zu früh, mit nur 38 Jahren. An sich hat er kein schlechtes Leben dank reicher Eltern und einem vermeintlich sorgenfreien Alltag. Doch Mendelssohn wird geplagt von einer Serie an Schlaganfällen.

Der Großvater Moses Mendelssohn stirbt daran, der Vater erblindet zunächst an einem, stirbt später an einem weiteren. Beide Schwestern von Felix Mendelssohn sterben an einem Schlaganfall, und auch er wird Opfer. Die Anzeichen, dass Mendelssohn dieses Schicksal ereilen könnte, sind schon früh da, weiß man aus einer Erzählung eines Freundes, kurz vor seinem Tod:

Man machte anfänglich nicht viel daraus, obgleich die Symptome – eiskalte Hände und Füße, ausbleibender Puls, mehrstündiges Delirieren – allerdings bedenklich waren. Aber da er vor sieben Jahren hier schon einmal einen ähnlichen Anfall gehabt hatte, so befürchteten wir alle nichts Schlimmes.

Es gibt drei Theorien, welche Erkrankung bei Mendelssohn vorliegt. Am plausibelsten ist für Dr. Michael Jelden das erbliche CADASIL-Syndrom. Hier kommt es zunächst zu migräneartigen Episoden und schließlich zu schlaganfallähnlichen Attacken, an denen man jederzeit versterben kann. Mit Blick auf die familiäre Geschichte der Mendelssohns erscheint diese – wenn auch seltene – Krankheit als plausibel.

Zeichnung der Familie Mendelssohn
Der Familie Mendelssohn mangelte es nicht an Reichtum, doch auch die Anzahl der Schlaganfälle war innerhalb der Familie erschreckend hoch. IMAGO / United Archives International

Niccolò Paganini – Ein Körper voller Schmerz

Niccolò Paganini gehört zu den umjubeltesten Geigern seiner Zeit. Heutzutage könnte er problemlos Stadien mit seinen Konzerten füllen. Als Kind verbringt er die Tage mit seiner Geige auf dem Dachboden, während der Vater am Hafen arbeitete – früh zeigt sich:

Der Junge hat Talent. Paganini ist besonders gelenkig. Der Grund könnte im hypermobilen Ehlers-Danlos-Syndrom liegen, das Gelenke und Haut überdehnbar macht. Sehr weite Fingergriffe sind für Paganini wegen der besonders elastischen Fingergelenke kaum eine Hürde.

Zeichnung Niccolo Paganini im Bett
Niccolo Paganini gilt als einer der größten Virtuosen an der Geige. Das hypermobile Ehlers-Danlos-Syndrom verhalf ihm zum Weltruhm, doch ansonsten war sein Leben viel durch Qual geprägt. IMAGO / KHARBINE-TAPABOR

Mit dem erlangten Ruhm zeigt Paganini auch seine wohltätige Seite, die ihm zum Verhängnis wird. Er spielte in Krankenhäusern, auch für Tuberkulosekranke. Trotz Isolation kommt es hier vielleicht zur Ansteckung; permanenter, schwerer Husten ist die Folge. Paganini behält es für sich – es hätte das Aus seiner Karriere bedeuten können.

Die Therapiemaßnahmen, die Paganini selbst beschreibt, sind schon aus damaliger Sicht höchst fraglich:

Dr. Beneck untersuchte mich gestern Abend und ließ mir sehr wenig Hoffnung auf Heilung. Am folgenden Tag schickte er mir Anweisungen für eine Diät, die ich halten soll, und die darin besteht, viel zu essen und viermal am Tag mit der Gabel, mit einem Kräutertee als Zwischengang bei den besagten Mahlzeiten, und einem Wasserguss von fast kochendem Wasser, mittels eines Schwammes, von den Knien die Beine hinab, abends und morgens.

Es bleibt nicht bei der Tuberkulose, auch Syphilis ist bei Paganini belegt. Während man bei der Therapie für seine Tuberkulose schon mit dem Kopf schütteln muss, ist die Therapie für Syphilis damals lebensgefährlich. Quecksilbersalben werden auf die verhärteten Stellen am Körper verteilt.

Dennoch kommt es zu einer vermeintlichen Besserung – jedoch nur, weil Quecksilber im Prinzip alles abtötet, inklusive der Syphilisbakterien. Diese Therapie ist oft tödlicher als Syphilis selbst. Letztlich stirbt Paganini an einer Kombination aus Kehlkopf-Tuberkulose, Syphilis und der Quecksilberbehandlung.

Maurice Ravel – Eine besondere Form der Demenz

Maurice Ravel ist zwar ein großer Komponist, aber nicht buchstäblich. Er ist gerade einmal 1,60 Meter groß, schlank, stets gut angezogen. Doch mit 58 Jahren geht es steil bergab – Ravel leidet an primär-progressiver Aphasie, einer besonderen Form der Demenz. Besonders, weil die Patienten bei einer der Varianten kognitiv klar bleiben, motorische und sprachmotorische Störungen aber das Leben ungemein erschweren.

Freunde Ravels beschreiben den Krankheitsverlauf:

Der Körper weigerte sich, gewissen Bewegungen zu gehorchen. Seine Hände wurden steif. Er spielte nur noch mit Mühe Klavier. In Saint-Jean-de-Luz stellte er fest, dass er nicht mehr schwimmen konnte. Von Zeit zu Zeit stockten die Worte auf seinen Lippen. Bald konnte seine Hand nicht einmal mehr einen Strich auf dem Papier ziehen. Schreiben wurde eine so langsame und mühsame Arbeit, dass er auf sie ganz verzichtete.

Ein Jahr Ruhe verordnet der Arzt. Heute weiß man, dass das nichts gebracht hat. Seine Zustände schaden nicht nur Ravels Körper. Auch der Geist wird gefordert – Ravel leidet an schweren Depressionen.

Weil sein Zustand sich nicht verbessert, muss sich Ravel einer Schädeloperation unterziehen – ein Hirntumor wird vermutet. Die Operation hinterlässt bleibende Schäden. Ravel ist eingetrübt und komatös, erholt sich nicht und stirbt drei Wochen später.

Porträt Maurice Ravel
Demenz ist ein schleichender Prozess, bei dem die Betroffenen meist gegen Ende kaum noch ansprechbar sind. Auch Ravel litt an Demenz, jedoch einer besonderen Form bei der er durchweg klar im Kopf war. IMAGO / KHARBINE-TAPABOR

Musikgespräch Über die Wirksamkeiten und Herausforderungen der Musiktherapie in Deutschland

Am vergangenen Wochenende hat in Hamburg die 13. Europäische Musik-Therapie-Konferenz stattgefunden – unter dem Motto „Brücken“, denn es ging darum, wie sich die Musiktherapie künftig noch besser aufstellen und vernetzen kann, um ihre nachgewiesene Wirksamkeit voll zur Entfaltung zu bringen. In SWR Kultur spricht Professor Dr. Lutz Neugebauer, der Vorsitzende der Deutschen Musiktherapeutischen Gesellschaft, über die aktuellen Herausforderungen seiner Disziplin.

Treffpunkt Klassik SWR Kultur