Als der Sohn von Doris Richter mit 24 Jahren ankündigte, ausziehen zu wollen, schien alles nach Plan zu laufen. Das Studium war beendet, ein Job in Aussicht, der Wunsch nach einer eigenen Wohnung groß. Die Familie lebt in Bergheim bei Köln. Tatsächlich fand sich schnell eine Wohnung: klein, modern, mit Balkon und Fußbodenheizung. Die Eltern halfen beim Renovieren, Möbel wurden gekauft, die Wohnung eingerichtet. Doch ein Jahr später kam die Kündigung wegen Eigenbedarfs – per Anwaltsschreiben.
Heute lebt der Sohn wieder bei seinen Eltern. Nicht aus Bequemlichkeit, sondern weil er auf dem angespannten Wohnungsmarkt keine Alternative findet. Probezeit im neuen Job, hohe Mieten und wenige Angebote erschweren die Suche. „Die Situation ist einfach katastrophal“, sagt seine Mutter Doris Richter. „Entweder winzig und teuer – oder schön, aber unbezahlbar.“
Kein Einzelfall: Viele 25-Jährige wohnen noch bei den Eltern
Nach Zahlen des Statistischen Bundesamtes lebten 2024 mehr als ein Viertel der 25-Jährigen in Deutschland im Haushalt der Eltern. Männer bleiben im Schnitt länger zu Hause als Frauen. Das durchschnittliche Auszugsalter liegt bei 23,9 Jahren.
Ein Grund dafür ist der Wohnungsmarkt. Gerade in Städten fehlen kleine, bezahlbare Wohnungen. Gleichzeitig starten viele junge Menschen mit befristeten Verträgen oder in einer Probezeit ins Berufsleben. Doch wirtschaftliche Gründe erklären das Phänomen nur teilweise.
Psychotherapeut: Familienbeziehungen haben sich verändert
Der Psychotherapeut und Coach Andreas Ebert beobachtet in seiner Arbeit, dass sich das Verhältnis zwischen Eltern und Kindern in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert hat. „Immer mehr Menschen erlauben sich, über innere Themen zu sprechen. Auch junge Leute sprechen über Gefühle, über Bedürfnisse und über Dinge, die sie belasten.“ Früher seien solche Gespräche in vielen Familien eher selten gewesen. Die Beziehung zwischen Eltern und Kindern habe sich deshalb verändert – oft hin zu mehr Verständnis und Austausch.
Generation X: Früh selbstständig – aber nicht unbedingt reflektierter
Generation X (Geburtsjahrgänge 1965–1980) und die Generationen davor wurden oft früher selbstständig. Viele mussten bereits in jungen Jahren Verantwortung übernehmen oder arbeiten. Doch das bedeute nicht automatisch, dass sie sich intensiver mit sich selbst auseinandergesetzt hätten, erklärt der Psychotherapeut.
„Auf eine gewisse Art waren Kinder damals früher erwachsen, weil sie schneller selbstständig leben mussten. Auf eine andere Art wurden sie aber auch nie wirklich erwachsen.“
Damit meint Ebert die Fähigkeit zur Selbstreflexion. Viele Menschen hätten früh gelernt zu funktionieren – aber nicht unbedingt, ihre eigenen Gefühle oder Bedürfnisse zu verstehen.
Eine neue Nähe zwischen den Generationen
Das habe sich grundlegend geändert, sagt er. Der Abstand zwischen den Generationen werde kleiner. Eltern und Kinder bewegen sich heute häufig in ähnlichen Lebenswelten: Smartphones, Streamingdienste oder digitale Medien gehören für beide Generationen zum Alltag. Das erleichtere Gespräche – und schaffe mehr Verständnis füreinander.
Wieder zu Hause - die Bumerang-Kinder
Was bedeutet es eigentlich, wenn erwachsene Kinder wieder bei ihren Eltern einziehen? Rollen, die längst abgelegt schienen, tauchen plötzlich wieder auf. Das ehemalige Kinderzimmer wird erneut zum Lebensmittelpunkt. Für manche fühlt sich diese Situation zunächst ungewohnt an – fast so, als würde man einen Schritt zurückgehen.
Und natürlich kann das auch zu Spannungen und Konflikten führen. Ebert sieht das entspannt: Überall, wo Menschen auf engem Raum zusammenleben, komme es auch mal zu Streit. Wie fühlt es sich für erwachsene Kinder an, wieder dort zu wohnen, wo sie aufgewachsen sind? Zwischen alten Postern an der Wand, Regalen mit Schulbüchern oder längst vergessenen Erinnerungsstücken?
Andreas Ebert sieht das weniger dramatisch. Solche Situationen seien vor allem Ausdruck gesellschaftlicher Veränderungen.
„Das sind Herausforderungen, die kommen – und man muss einfach gucken, wie man sie managt. Aber das ist nicht unbedingt ein Problem, sondern eher ein typischer Veränderungsprozess.“
Und sollten doch Gefühle wie Scham oder Versagensängste aufkommen, stecke mehr dahinter als die Wohnsituation, sagt er.
Zwischen Übergang und Dauerlösung
Wie viele junge Menschen wieder zurück ins Elternhaus ziehen, darüber gibt es keine verlässlichen Daten. Für Doris Richter ist klar: Die Situation ihres Sohnes ist kein persönliches Scheitern. Gleichzeitig spürt sie, dass sich Wohnbiografien verändern. „Vielleicht ist dieses klare Muster – ausziehen, eigene Wohnung, fertig – einfach nicht mehr realistisch.“
Ob der Sohn noch einmal einen Anlauf nimmt oder das Haus der Eltern zum Mehrgenerationenhaus wird, ist offen. „Wir überlegen das in Ruhe", sagt die Mutter. Was bleibt, ist eine Erfahrung, die viele Familien teilen: Der Weg ins eigenständige Wohnen ist unsicherer geworden. Und das Elternhaus ist für viele junge Erwachsene nicht mehr nur Startpunkt – sondern kann auch zur Zuflucht werden.
"Bumerang-Kinder" - auch Thema in der ARD Story am 31. März
Zum Abschluss der ARD Mitmachaktion läuft am 31. März um 22.50 Uhr die ARD Story '#besserwohnen - Wie können wir die Mietkrise stoppen?". Die Doku begleitet unter anderem Fred, der zurück zu seinen Eltern zieht, weil er in Hamburg keine Wohnung findet.
ARD Story #besserwohnen – Wie können wir die Mietkrise stoppen?
Doku zum Abschluss der ARD-Mitmachaktion #besserwohnen