Wenn alle da sind in den Ferien, dann wird es eng. Dann stehen gut zwanzig Menschen in der Küche, Enkelkinder rennen durch das Haus, Gespräche ziehen sich bis spät in die Nacht. Für die vier Bewohnerinnen und Bewohner ist das nichts Besonderes. Das alte Bauernhaus in Ostfriesland war immer so gedacht: als ein Zuhause für viele.
Heute leben hier drei Frauen und ein Mann, alle über 70 Jahre alt. Die 420 Quadratmeter gehören zum Ort Ostrhauderfehn. Es gibt einen großen Garten mit mehreren Sitzecken. Und eine Wohnform, die viele überrascht. „Die Leute sagen oft: So wie ihr lebt, das finde ich toll – aber ich könnte das nicht“, erzählt Harald Kleem. Lange haben die Vier das hingenommen. „Wir dachten, das ist aus der Zeit gefallen.“ Aber sie spüren jetzt, das Interesse an ihrer Art des Wohnens wächst.
Ein Haus voller Erinnerungen - mitten auf dem Land
Die Wohngemeinschaft gibt es seit den frühen 1980er-Jahren. „In der Regel waren es neun Personen“, erinnert sich Kleem. „Jetzt sind wir weniger, aber das Haus ist nicht leer.“ Die Kinder, die hier groß geworden sind, kommen regelmäßig zurück – aus Berlin, Köln, Osnabrück oder Braunschweig. „Für sie ist das immer noch ihr Zuhause.“ Die Architektur unterstützt das Zusammenleben. In der Mitte: Küche, Esszimmer, Wohndiele. Drumherum: private Rückzugsräume. „Man muss sich jederzeit zurückziehen können“, sagt Kleem. „Sonst funktioniert das nicht.“
Gemeinschaft als Alltag, nicht als Projekt
Vieles habe sich über die Jahre „zurecht gerüttelt“, erzählt er. Das gemeinsame Kochen, die Abrechnung, der Umgang mit Gästen. „Am Ende gibt jeder ungefähr gleich viel aus“, sagt Kleem. „Und man lernt, dem anderen auch mal etwas Gutes zu tun.“ Was so leicht klingt, sei vor allem Alltag und Arbeit. „Zusammenleben ist ein Muskel, den man trainieren muss.“
Konflikte habe es gegeben, aber niemand sei gegangen. Für Kleem ist die Wohnform mehr als praktisch. Gut für die Kinder, für den Geldbeutel, für den Kopf. „Man hat immer Gesprächspartner. Immer Anregung.“ Gerade im Alter sei das ein Schutz gegen Einsamkeit.
Stadtplanerin Finkenberger: Braucht wirklich jede:r ein eigenes Wohnzimmer?
Der demografische Wandel und die wachsende Zahl von Einpersonenhaushalten stelle das Wohnen vor neue Herausforderungen, sagt Prof. Isabel Maria Finkenberger, Stadtplanerin und Professorin an der FH Aachen. Für sie ist das Alleinleben nicht nur eine soziale, sondern auch eine ökonomische Frage. „Was wir feststellen, ist, dass alleine leben meistens teurer ist im Verhältnis zum gemeinschaftlichen Leben.“
Ursache seien vor allem doppelte Infrastrukturen im Alltag: „Jeder braucht einen Telefon- und Internetanschluss, jeder hat eine Waschmaschine in der Wohnung.“ Hinzu kämen großzügige Küchen, Ess- oder Gästezimmer, die selten genutzt würden.
Finkenberger, die zu nachhaltiger Stadt- und Quartiersentwicklung forscht und im Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) engagiert ist, plädiert daher für ein Umdenken. Die Frage sei, ob diese privaten Flächen wirklich notwendig seien – oder ob gemeinschaftliche Lösungen nicht effizienter wären. „Die Idee ist ja tatsächlich zu sagen, brauchen wir das wirklich und kann man nicht auch durch gemeinschaftliche Infrastrukturen Geld sparen.“
Gemeinschaftliches Wohnen - eine Agentur bringt Menschen zusammen
Plattformen wie bring-together versuchen daher, Menschen zusammenzubringen, die gemeinschaftlich wohnen wollen – generationenübergreifend, 50plus, Alleinerziehende in Städten wie auf dem Land.
Mitgründerin Karin Demming berichtet von wachsendem Interesse. Viele Wohnprojekte scheiterten nicht an der Idee, sondern an der Suche nach Mitstreitern. „Man braucht Zeit. Und Menschen, die wirklich zueinander passen. Heute sind 77.000 Nutzende auf der Plattform." 2025 erhielt Karin Demming dafür den Zugabe-Preis der Körber Stiftung für Gründende 60plus.
Das heißt, wer auf die Suche gehen möchte, gibt seine Daten ein, signalisiert einem Wohnprojekt, einer Kommune oder ein Genossenschaft Interesse. Und wenn die andere Seite auch neugierig geworden ist, dann gibt es ein Match. Gerade im Alter wachse der Wunsch nach Gemeinschaft, erzählt die ehemalige Altenpflegerin. Neu auf der Plattform seien daher auch geförderte Pflegewohngruppen für Menschen mit Pflegegrad.
Zusammen alt werden - alternative Wohnform auf dem Land
In Ostfriesland genießen es die WG-Bewohner:innen, dass es jetzt - Anfang Februar - etwas ruhiger geworden ist im Haus. Langweilig wird es nie - sie haben ja sich.
Für Harald Kleem liegt ein Teil ihres Erfolgsrezeptes darin, dass die Wohngemeinschaft schon früh entstanden ist und sich bis heute immer wieder neu verständigt. „Das ist wie eine Ehe. Man handelt es immer wieder neu aus.“