Erfolge, Rekorde, Medaillen - Spitzensport steht für Glanz und Ruhm. Doch hinter den Leistungen stehen Menschen: Athletinnen, die täglich zwischen Leistungsdruck und Leidenschaft balancieren. In einer exklusiven Umfrage von SWR Sport und der SWR Recherche-Unit gab mehr als jede fünfte Teilnehmerin an, dass negative Erfahrungen im Umgang mit ihr als Sportlerin langfristige Auswirkungen auf ihr Privatleben haben könnten. Zwischen hartem Training, Wettkampfstress und ständiger Sichtbarkeit in den sozialen Medien versuchen viele, sich selbst nicht zu verlieren - und ihren eigenen Weg zu gehen.
Zwischen Training und Timeline
Für Marathonläuferin Fabienne Königstein gehört Social Media längst zum Berufsalltag - auch wenn es ihr nicht leichtfällt. Sie macht keine Selfies während des Trainings oder teilt jeden Schritt. "Ich bin auch jemand, der im Training das Handy nicht mit hat, aus Prinzip, weil ich sage, 'ich trainiere jetzt'", erzählt sie. Trotzdem weiß sie: Ohne Sichtbarkeit geht es kaum.
Königstein empfindet das als Herausforderung - nicht, weil ihr jemand Druck mache, sondern weil sie weiß, wie entscheidend mediale Präsenz inzwischen ist. "Natürlich poste ich dann schon, aber es ist für mich wirklich Teil des Berufs, irgendwo etwas, was ich machen muss, auch wenn ich es nicht so gerne mache. Und ich lasse da wahrscheinlich viel Potenzial liegen", sagt sie. Sie investiert ihre Energie lieber anders: "Bevor ich auf Social Media einen Bericht oder einen Beitrag poste, dann mache ich lieber eine Präsidiumssitzung und kümmere mich um die Athletenrechte."
Selbstvermarktung als zweite Karriere
Auch Judoka Alina Böhm spürt diesen Wandel. Sie hat etwa 100.000 Follower auf Instagram und nutzt die Plattform aktiv - als Bühne für ihren Sport und als Chance, Judo bekannter zu machen. Für sie ist Social Media keine Pflicht, sondern eine Möglichkeit, Einblicke zu geben und zu inspirieren.
Ich sehe in Instagram die Chance, auf meinen Sport aufmerksam zu machen. Kleine Mädels motivieren, auch mal Judo auszuprobieren, weil sie es vielleicht cool finden."
Auch Sponsoren sehen sich eben nicht nur die Zeiten, sondern auch die Reichweite der Sportlerinnen an. "Für Werbepartner ist mittlerweile unfassbar wichtig, wie viel Reichweite man hat. Und dementsprechend lege ich da schon ein bisschen Wert drauf, weil man einfach mit mehr Followern attraktiver für Sponsoren ist. Und in Randsportarten sind Sponsoren schon super wichtig", erklärt Böhm.
Ähnlich ist das bei Alica Schmidt, die mit rund 5,5 Millionen Followern bei Instagram eine der bekanntesten deutschen Sportlerinnen ist. Die Möglichkeit, sich über soziale Medien ein zweites Standbein aufzubauen, hat sie für sich genutzt.
Ja, gerade die Leichtathletik ist natürlich jetzt nicht die populärste Sportart in Deutschland. Daher ist es für jeden Leichtathleten von uns wichtig oder von Vorteil, sich nebenbei etwas aufzubauen. Das ist natürlich eine schöne Variante für einen Sportler, dass man sich da in der Öffentlichkeit ein Standbein aufbauen kann. Gerade das ist von vornherein auch sehr, sehr wichtig."
Alina Böhm weiß, wie leicht sich Aufmerksamkeit verschieben kann. Frauen würden im Netz noch immer stärker über ihr Äußeres bewertet und manchmal sogar dafür kritisiert, wenn sie sich zeigen. "Ich finde es einfach so krass, dass bei Frauen so oft die Optik kommentiert wird, also dass es einfach Thema ist und ich finde, es sollte kein Thema sein", sagt sie. "Ich würde mir wünschen, dass jeder sein Ding machen darf, dass im Netz einfach ein bisschen weniger Hass ist und ein bisschen mehr Akzeptanz und Toleranz und dass sich weniger Leute hinter irgendwelchen Profilen verstecken. Weil meistens sind es ja auch die, die von sich selber gar nichts posten. Und man sich vielleicht mal zwei-, dreimal länger Gedanken darüber macht, ob man diesen Kommentar wirklich absenden will oder nicht. Einfach für mehr Liebe im Netz."
Warum Frauen im Sport mehr zeigen müssen, um gesehen zu werden
Das Spannungsfeld zwischen Erfolg, Sichtbarkeit und gesellschaftlichen Erwartungen spüren viele Athletinnen. Fechterin Lea Krüger beschreibt es so: "Man hat das Gefühl, dass man sich als Frau im Sport immer noch zusätzlich vermarkten und verkaufen muss, um überhaupt Sichtbarkeit und Reichweite zu bekommen. Das liegt einfach daran, dass die Berichterstattung nicht angeglichen ist. Also Herrensport bekommt mehr Präsenz, oftmals noch bessere Produktionen als das, was bei den Frauen passiert. Das bedeutet auch mehr Marktfläche und mehr Vermarktung für Herren." Diese ungleiche Sichtbarkeit führt dazu, dass viele Athletinnen Strategien entwickeln müssen, um sich selbst und ihre Werte zu schützen.
Als Spitzensportlerin in der Öffentlichkeit Die ekelhafte Kehrseite des Sports
Höchstleistung allein ist nicht genug. In einer SWR-Umfrage schildern Spitzensportlerinnen, warum von ihnen so viel mehr erwartet wird. Ihre Erfahrungen zeigen, wie tief Sexismus in der Gesellschaft noch verankert ist.
Zwischen Likes und Selbstwert
Je mehr Sichtbarkeit, desto mehr Angriffsfläche. Vor allem im Netz. Alina Böhm erzählt, dass sie gelernt hat, negative Kommentare nicht mehr so nah an sich heranzulassen: "Ganz oft bleibt einem der böse Kommentar im Kopf und nicht die 20.000 guten, die da vielleicht waren und ich denke, da geht es darum, seinen eigenen Fokus ein bisschen zu lenken und dann ist es einem auch mehr egal." Sie habe gelernt, sich auf das zu konzentrieren, was sie selbst beeinflussen kann: ihre Haltung, ihren Sport, ihren Charakter.
Misserfolge als Teil des Weges
Auch abseits von Social Media ist der Druck groß. Verletzungen, Rückschläge oder verpasste Ziele gehören zum Sport - aber sie treffen oft das Selbstwertgefühl. Marathon-Ass Königstein erinnert sich an eine Phase, in der sie nach einer Verletzung nicht trainieren konnte: "Und da hatte ich wirklich ein halbes Jahr, wo ich quasi regeneriert habe, wo ich sehr, sehr wenig trainiert habe, aber auch schon Profisportlerin war, also wenig Ausgleich hatte und wo ich mir ziemlich nutzlos vorkam", sagt sie.
Heute gehe sie gelassener mit solchen Momenten um - ein Perspektivwechsel, der nicht nur körperlich, sondern auch mental gesund hält.
Sportlerinnen brauchen neben mentaler Stärke ein stabiles Umfeld
Damit dieser Wandel gelingt, brauche es mehr als mentale Stärke - es braucht ein stabiles Umfeld. Königstein nennt Freunde, Familie und Menschen außerhalb des Sports als wichtigste Stütze. "Ich würde jetzt gerade sagen, dass das Umfeld dann nämlich das ist, was einen eigentlich auffängt. Ja, dass man Freunde vielleicht von Schulzeiten noch hat, denen das sowas von egal ist, dass man Sport macht und wie man da abschneidet. Und dass man Eltern hat, die einen sowieso lieben."
Viele Spitzensportlerinnen suchen sich bewusst Aufgaben abseits des Sports - ob beruflich, familiär oder ehrenamtlich. Das hilft, den Druck zu relativieren. Für Fechterin Lea Krüger ist das Fazit klar: "Jeder Leistungssportler begibt sich ja genau in diesen Kontext, um diesem perfekten Ergebnis hinterher zu rennen. Aber was ich irgendwann festgestellt habe, ist eben, ich bin ja mehr als nur ein Ergebnis. Ich bin mehr als eine Zahl oder irgendwie mehr als eine Medaille oder irgendwas anderes, was man da auf dem Treppchen erreichen kann - sondern ich bin halt irgendwie auch noch ein Mensch."