Wer das aktuelle Leistungsvermögen von Oliver Baumann einschätzen möchte, der braucht sich nur das letzte Bundesligaspiel der TSG Hoffenheim gegen den VfB Stuttgart vor Augen führen. Eine Partie, in der Keeper mit herausragenden Paraden, insbesondere in Eins-gegen-Eins-Duellen, den Schwaben den Zahn zog und damit den Kraichgauern den Sieg rettete. Wie so oft in den vergangenen Jahren.
Baumann hätte dem DFB-Team gut getan
Oliver Baumann ist mit seiner Ruhe und seinem Können gerade auch im reifen Torhüter-Alter von 36 Jahren Leistungsträger, Führungsfigur, Rückhalt und Seele der jungen Hoffenheimer Mannschaft. Eine Rolle, die der frühere Freiburger auch in der Nationalmannschaft weiter hätte spielen können und die dem jungen DFB-Team im Umbruch sicherlich gut zu Gesicht gestanden hätte. Vielleicht nicht unbedingt als unumstrittene und durchgängige Nummer eins bis zur EM 2028 oder zur WM 2030. Zumindest aber als erfahrener Partner und Mentor beim Aufbau eines jungen DFB-Torhüterteams um Top-Talente wie Jonas Urbig und Noah Atubolu wäre Baumann der ideale Mann gewesen.
Klopp verzichtet auf Hoffenheims Keeper
Der neue Bundestrainer Jürgen Klopp allerdings verzichtet auf die Vorzüge des Oliver Baumann. Das mag man eingedenk des Alters des Hoffenheim-Keepers - bei der EM 2028 wäre er 38 Jahre alt - durchaus verstehen, würde Klopp auf der Torhüter-Position nach dem (endgültigen?) Rücktritt von Manuel Neuer tatsächlich den altersmäßigen Komplett-Umbruch einleiten. Tut er aber nicht, weil der Bundestrainer stattdessen dem inzwischen auch schon 34-Jährigen, und damit gerade mal zwei Jahre jüngeren, Marc-André ter Stegen als voraussichtliche Nummer Eins das Vertrauen schenkt.
Bei allem Respekt vor den jahrelangen Leistungen von ter Stegen im Trikot des FC Barcelona - die vergangenen Jahre konnte sich der einstige Gladbacher, natürlich auch aus langwierigen Verletzungsgründen, nicht mehr fürs Nationalteam aufdrängen. In den vergangenen zwei Spielzeiten stand ter Stegen nur in wenigen Spielen in Spanien im Tor. Jetzt, aussortiert in Barcelona, ist er seit Sommer bei Ajax Amsterdam auf der Suche nach seinem alten Leistungsvermögen. Es bleibt für ihn und den Bundestrainer zu hoffen, dass er dabei auch seine körperliche Stabilität zurückbekommt.
Das lange Warten auf die Nummer eins
Oliver Baumann dagegen, in seinen 18 Profi-Jahren kaum verletzt, zeigte nicht nur in seinen weit über 500 Bundesliga-Spielen beständig starke Leistungen. Auch in seinen 13 Länderspielen bis zur WM 2026 bewährte sich der gebürtige Breisacher als zwischenzeitliche Nummer eins des DFB-Teams und führte die Mannschaft als sicherer Rückhalt und vielen Zu-Null-Spielen am Ende souverän durch die erfolgreiche Qualifikation.
Lange Jahre hatte er auf diese große Chance warten müssen, an einem Weltmeister Manuel Neuer vom FC Bayern in Top-Form aber war für ihn kein Vorbeikommen. Auch danach war der Weg ins DFB-Tor erst nach dem mehrfachen langfristigen Ausfall von "Kronprinz" ter Stegen frei.
Vor der WM degradiert
Aber nicht lange. Denn was nach der WM-Quali passierte, zählt nicht zu den Heldentaten des vormaligen Bundestrainers Julian Nagelsmann. Oliver Baumann wurde unmitelbar vor der Weltmeisterschaft in den USA und Kanada degradiert, der 40-jährige Überraschungs-Comebacker Manuel Neuer ins WM-Tor gestellt. Ein Kommunikationsdesaster. Oliver Baumann nahm es trotzdem fair hin - ganz ohne Zank und Zorn. Wie man ihn kennt, ganz der Teamplayer, setzte er sich auf die Bank. Aus der Traum vom WM-Stammkeeper. Eine letztlich völlig unnötige Torhüter-Rochade, wie man im Nachhinein weiß.
Nach WM-Aus | Meinung Torwart Oliver Baumann ist der WM-Gewinner
Nach dem WM-Aus entpuppt sich die Rückholaktion von Torwart Manuel Neuer als Flop. Leittragender war Hoffenheims Oliver Baumann. Er darf sich als Gewinner fühlen, meint SWR-Sportredakteur Johannes Seemüller.
Eine neue Chance im deutschen Tor wird es für den Hoffenheimer Kapitän voraussichtlich nicht mehr geben, auch wenn der Bundestrainer von einer Momentaufnahme sprach. Mit dem ersten Klopp-Kader für die vier bevorstehenden Nations-League-Spiele mit fünf Torhütern inklusive ter Stegen, aber ohne den Namen Oliver Baumann, scheinen die Würfel für die Zukunft gefallen. Gegen ihn. Die späte Karriere mit dem Adler auf der Brust ist damit wohl zu Ende, bevor sie so richtig begonnen hatte. Im DFB-Team bleibt er damit leider der Unvollendete. Das ist schade und wird Baumanns beständig starken Leistungen nicht gerecht.