In rund drei Wochen startet die Fußball-WM in den USA, Mexiko und Kanada. Am 21. Mai wird Bundestrainer Julian Nagelsmann den endgültigen Kader bekanntgeben, auch wenn in den letzten Tagen schon die ein oder andere Personalie durchgesickert war. Wir sprechen darüber mit dem Chefredakteur der Fußballzeitung "11 Freunde", Philipp Köster.
Philipp Köster zur Nominierung des Kaders bei der Fußball WM
SWR1: Manuel Neuer vom FC Bayern soll jetzt doch als Nummer 1 im Tor stehen. Machen Sie mal den Bundestrainer: Wie wird Nagelsmann die Entscheidung für Neuer und damit gegen Oliver Baumann von Hoffenheim begründen?
Philipp Köster: Er wird wahrscheinlich mit den herausragenden Leistungen, die Manuel Neuer in der Champions-League geleistet hat, herausstellen. Er wird versuchen, zu erklären, warum Neuer über die letzten Jahrzehnte ein so wichtiger Torhüter für die Nationalmannschaft war. Und daneben wird wahrscheinlich Oliver Baumann sitzen und ein langes Gesicht ziehen.
Köster: zum Kader bei der Fußball WM: "Neuer ist ganz schön alt geworden!"
SWR1: Zur Wahrheit gehört auch, Neuer hat auch ganz schön gepatzt …
Köster: Ja, er hat mehrfach gepatzt, unter anderem auch im Rückspiel des Halbfinales gegen Paris Saint-Germain, worüber man eigentlich nicht mehr redet.
Aber man muss einfach sagen, dass in den letzten Wochen eine große mediale Bugwelle vor Manuel Neuer hergelaufen ist.
Viele haben gesagt, er muss als der Torhüter des Jahrzehnts, vielleicht sogar des Jahrhunderts, unbedingt bei der WM mit dabei sein. Er ist inzwischen ganz schön alt geworden. Er ist durchaus verletzungsanfällig. Es ist ein durchaus hohes Risiko, das Julian Nagelsmann eingeht.
Aber so richtig daheim lassen, nachdem es den Willen von Manuel Neuer gab, da doch noch mal zu spielen, konnte er ihn auch nicht.
Überraschungen bei der Nominierung zur Fußball WM
SWR1: Mit welchen Überraschungen rechnen Sie sonst?
Köster: Mit wirklichen Überraschungen rechne ich nicht. Es gab das übliche Prozedere, es gab die üblichen Verdächtigen, die dann nach Hause geschickt wurden.
Er hat immerhin drei Spielern vom VfB Stuttgart, die sich durchaus Hoffnung gemacht haben, gesagt, dass sie nicht dabei sind. Unter anderem Chris Führich, den ich eigentlich dabei gesehen hätte.
Was ein bisschen fehlt, ist die Fülle an tollen Talenten, die beispielsweise Spanien hat. Aber klar ist: Die Mannschaft, die die Qualifikation bestritten hat, wird wahrscheinlich dann auch bei den ersten Spielen auf dem Platz stehen.
Philipp Köster zum Kader für die Fußball WM: "Mainz läuft unter dem Radar!"
SWR1: Wie sieht es bei Nadim Amiri und Paul Nebel vom SV Mainz 05 aus? Beide haben schon im Nationaltrikot gespielt. Haben die keine Chance, dabei zu sein?
Köster: Julian Nagelsmann hat gesagt, dass er 62 Anrufe tätigen muss, bevor er die Kader-Nominierung bekannt gibt. Darunter werden sicherlich auch Anrufe in Mainz sein, in denen er mitteilt, dass sie leider nicht dabei sind.
Mainz läuft tatsächlich ein kleines bisschen unter dem Radar, was schade ist, gerade weil Urs Fischer mit der Mannschaft in den letzten Wochen und Monaten großartige Leistungen geliefert hat.
Aber wenn es darum geht, den Stamm der Nationalmannschaft zu benennen, dann setzt Nagelsmann doch eher auf den FC Bayern, auf Stuttgart und auf Dortmund.
SWR1: Dass im Vorfeld der Nominierung scheibchenweise Namen bekannt geworden sind, ist nicht sehr professionell, oder?
Köster: Das ist natürlich ganz schön unprofessionell. Insbesondere weil es Berater sind, die dann natürlich von ihren enttäuschten Schützlingen gehört haben, dass sie offenbar nicht dabei sind.
Vor zwei Jahren gab es noch eine große Kampagne, wo Influencer, wo Politiker, wo Künstler und irgendwelche Paviane im Duisburger Zoo noch mitteilen durften, dass irgendjemand dabei ist.
Jetzt ist es so, dass die Berater das durchsickern lassen. Das wirkt alles wenig professionell und es wirkt nicht so, als ob das vom DFB wahnsinnig gut durchdacht worden sei.
Philipp Köster zu Chancen bei der Fußball WM
SWR1: Das ist dann kein gutes Omen für die WM, oder ist das egal?
Köster: Ich habe ohnehin keine großen Hoffnungen für die WM. Wenn wir das mal durchrechnen, dann werden wir wahrscheinlich das Sechzehntelfinale überstehen und das Achtelfinale auch. Dann warten wahrscheinlich die Franzosen auf uns und dann ist ohnehin Schicht.
Ich glaube, es war gar nicht so klug von Julian Nagelsmann, nach der EM 2024 euphorisch und wahrscheinlich ein bisschen alkoholisiert zu verkünden, dass wir jetzt doch unbedingt Weltmeister werden müssen.
Das werden wir nämlich nicht! Aber wenn wir mal über die Gruppenphase hinauskommen, ist das auch nicht verkehrt.