Mehr als 65 Prozent des deutschen Weins kommen aus Rheinland-Pfalz. Leider ging der Absatz in den letzten Jahren spürbar zurück, während die Kosten um mehr als ein Drittel angestiegen sind. Das bringt viele Winzer im Land an ihre Grenzen. Wir haben mit Henning Harth vom Weingut Harth & Harth in Saulheim gesprochen, der die Auswirkungen des Wandels im eigenen Betrieb zu spüren bekommt.
Winzer Henning Harth: Kosten sind um 35 Prozent gestiegen
SWR1: Wie geht es denn Ihrem Weingut?
Henning Harth: Die Krise ist leider auch bei unserem Weingut voll angekommen. Das Weingut geht durch harte Zeiten. Wir müssen sehr stark planen und müssen auf alle Investitionen achten, […] Leider sind seit 2020 durch die Inflation, in der Landwirtschaft die Preise um 35 Prozent gestiegen.
SWR1: Was heißt das ganz konkret für Ihren Betrieb?
Harth: Wenn man es sich anschaut, sind die normalen Gewinnmargen in einem landwirtschaftlichen Betrieb bei 10 bis 15 Prozent. Unsere Kosten sind in fünf Jahren um 35 Prozent gestiegen und diese Kosten dürfen wir nicht weitergeben, weil der Markt bestimmt, was unser Produkt wert ist. Dann kann man sich ausrechnen, was das bedeutet!
Winzer Henning Harth: Kunde will den Wein erleben
SWR1: Warum funktioniert der Markt für Ihre Produkte nicht mehr? Wird kein Wein mehr gekauft? Woran liegt das?
Harth: Das sind mehrere Faktoren. Wein wird noch konsumiert, aber natürlich haben wir - wie alle anderen Konsumenten - eine durchschnittliche Inflation von 25 Prozent in den letzten fünf Jahren gehabt. Dann achtet man natürlich darauf, wofür man sein Geld ausgibt.
Dann haben wir einen anderen Punkt, dass sehr günstige Weine aus dem Ausland auf den Markt drängen, die das Geschäft dann schwieriger machen. Natürlich trinkt der Kunde noch gerne Wein, aber er möchte diesen Wein dann erleben, zum Beispiel auf einem Hoffest.
Da funktioniert das alles, im Lebensmitteleinzelhandel wird es dagegen sehr schwierig.
Winzer Henning Harth: Können Kosten nicht mehr stemmen
SWR1: Wie versuchen Sie das jetzt abzufangen?
Harth: Das kann man nicht abfangen! Was wir machen, ist, dass wir jegliche Produktion für den Fasswein, sprich für […] den Lebensmitteleinzelhandel, einstellen werden. Das geht natürlich nicht von heute auf morgen, da wir langjährige Pachtflächen haben. […]
Diese Pachtverträge müssen gekündigt werden, das dauert zwei Jahre. In diesen zwei Jahren haben wir volle Kosten und natürlich auch die Kosten, die wir nicht aus eigener Produktion stemmen können, zu tragen.
SWR1: Das klingt so, als ob sich die Winzer in Rheinland-Pfalz langsam Gedanken machen müssten, irgendwie anders an Geld zu kommen.
Harth: Ich denke, wir werden Rheinhessen in zehn Jahren nicht wiedererkennen! Die Weinberge werden anders aussehen. Es werden viele Weinberge verschwinden, viele Winzer werden aufhören.
Ich denke, wir werden Rheinhessen in zehn Jahren nicht wiedererkennen! Die Weinberge werden anders aussehen!
Es gibt bestimmt einige tolle Ideen, wie man diese Flächen anders bewirtschaften kann. Unsere Kulturlandschaft wird sich jedoch ändern.
SWR1: Können Sie die anders bewirtschaften oder kommen dann zum Beispiel die Kartoffelbauern zum Zug?
Harth: Nein, meistens sind Weinberge die Lagen, die nicht für andere landwirtschaftliche Produkte geeignet sind. Die werden entweder brachliegen, oder vielleicht gibt es ein paar Winzer, die Mandelbäume anpflanzen. Aber das werden nicht viele sein.
Winzer Henning Harth: Das ist kein Job den man nur "Nine to Five" macht
SWR1: Sie sind inzwischen nicht mehr Vollzeit im Weinbau tätig, sondern in ihren alten Beruf als Bioingenieur in die Industrie zurück gewechselt. War das ein schwerer Schritt für Sie?
Harth: Ja! Das Weingut […] habe ich von meinen Eltern übernommen. Das war ein kleines Fass-Weingut. Also ein Weingut, das nur für den Lebensmitteleinzelhandel produziert hat.
Wir haben das die letzten sieben Jahre komplett auf einen Biobetrieb mit Flaschenvermarktung und Endkundenveranstaltung umgebaut. Das ist keine Sache, die man nur "Nine to Five" macht.
Das ist ein Projekt, das wir jahrelang vorher vorbereitet und dann auch komplett gelebt haben. Am Anfang hat es auch wunderbar funktioniert, durch die Kostensteigerungen können wir das alles nicht mehr auffangen. […] Das tut weh, muss man sagen.