Als die schwarze Tafel mit der rot leuchtenden Ziffer fünf an der Seitenlinie in die Höhe gereckt wird, starte ich die Stoppuhr an meinem Handgelenk. Fünf Minuten bleiben dem 1. FC Heidenheim an diesem 26. Mai noch, um den Klassenerhalt in der Bundesliga zu sichern. 1:1 steht es seit fast einer halben Stunde im Relegations-Rückspiel in Elversberg. Die Kollegen schauen mich ungläubig an. Eine Stoppuhr? Ist das nicht ein bisschen old school? Sagen sie, während wir auf der Baustelle des Elversberger Stadions stehen. Auf Rollsplitt. Statt einer Tribüne. Die Sicht auf die Heidenheimer Bank ist verdeckt von einem Bauzaun.
Die Sekunden auf der Uhr rasen, Heidenheim-Trainer Frank Schmidt tritt immer wieder aus dem Schatten von Zaun und Bank, legt seine Stirn in Falten. Nach dem Remis im Hinspiel hat er kurz vor der Partie in Elversberg noch einmal an einen jener Momente erinnert, den die Fans der Heidenheimer ohnehin nie vergessen werden – manche haben ihn sich gar auf ihre Wade tätowiert. An Regensburg. Für Fans und Verantwortliche beim FCH keine Ortsmarke, sondern ein Versprechen - oder besser das Einlösen eines Versprechens.
Späte Tore als Versprechen
Hier hatten die Heidenheimer im Mai 2023 den Aufstieg in die Bundesliga geschafft. Am letzten Spieltag, dank des Treffers von Tim Kleindienst in der neunten Minute der Nachspielzeit. Einer der Helden der jüngeren Heidenheimer Historie hat den Club längst verlassen, die Last-Minute-Treffer als eine Art FCH-Special-Effect aber sollten bleiben. Fast genau zwei Jahre ist das jetzt her. Fast genau zwei Minuten bleiben dem FCH in Elversberg noch in der Nachspielzeit der zweiten Halbzeit.
Fußball | Relegation Klassenerhalt in Elversberg! "Nur noch Spaß und enjoy" für den 1. FC Heidenheim
Der 1. FC Heidenheim feiert nach zwei denkwürdigen Spielen gegen die SV Elversberg den Verbleib in der Fußball-Bundesliga - dank einer kämpferischen Leistung und Leo Scienza.
Die hat sich nach dem Remis im Hinspiel und mit Blick auf das 1:1 auf der Anzeigetafel zum Geduldsspiel entwickelt. Nicht schön, aber nervenaufreibend. Das Momentum, glauben inzwischen viele im Saarland, müsse jetzt bei der SVE liegen. Der Blick auf die Uhr inzwischen obligatorisch. Vier der fünf Minuten sind jetzt rum. Die mitgereisten Heidenheimer Fans singen weiter, peitschen ihr Team nach vorn. Vielleicht können sie noch einen Angriff konsequent zu Ende spielen, vielleicht noch einmal das schaffen, was ihnen auch in ihrer zweiten Bundesliga-Saison viele nicht zutrauen – den Klassenerhalt. Viel Zeit aber bleibt nicht mehr.
Scienzas Last-Minute-Treffer
Und dann ist da Paul Wanner, ausgeliehen von den Bayern, der Leonardo Scienza den Ball perfekt in den Lauf spielt. Der legt ihn erst mit dem Außenrist an SVE-Verteidiger Florian Le Joncour vorbei und sich ihn dann selbst perfekt vor. Scienza schiebt den Ball ins Tor, das 2:1 – für die Heidenheimer ist es die emotionale Eskalation in Elversberg. Der Schlusspunkt unter eine herausfordernde Saison. Das Happy End, nicht nur im übertragenen Sinne in letzter Minute. Vier Minuten und 44 Sekunden zeigt die Stoppuhr an, von fünf in der Nachspielzeit.
"Ich glaube, so eine gewisse Dramatik gehört bei uns dazu", sagt Kapitän Patrick Mainka lange nach jenem nervenaufreibenden Schlusspunkt später im Interview. Er wischt sich Schweiß und vielleicht auch die klebrigen Reste des ersten, warmen Bieres von der Stirn und atmet durch. Die Erleichterung, sie ist ihm anzusehen. "Wir brauchen das Spiel nicht zu analysieren. Wir sind einfach so erleichtert. Wir können feiern, das ist das Wichtigste."
Warmes Bier und laute Bässe
Und doch haben die Heidenheimer ein feines Gespür, trösten tief enttäuschte Elversberger, die nach Schlusspfiff auf den Rasen gesunken sind. Erst dann stürmen die Heidenheimer in Richtung der eigenen Fans, feiern mit Trainerteam und Staff, mit Bierdusche und ohne Ballast.
In der improvisierten Mixed Zone auf der Elversberger Stadion-Baustelle wackelt später der Boden, nicht weit weg, in der Heidenheimer Kabine, dröhnen die Bässe der Party-Musik durch die dünnen Wände des Containers, in der in dieser Zeit nicht nur die Kabinen untergebracht sind. Wie anstrengend der Kraftakt Klassenerhalt war, formuliert schließlich Trainer Frank Schmidt, der vor dem Interviewmarathon mit einem halben Bier angestoßen hat - das war allerdings warm.
Die Uhr läuft noch
"Die Anspannung war immens. Das weiß am besten meine Frau, was das die letzten Tage und Wochen für eine Belastung war." Ohne sie, sagt Schmidt, hätte es diesen Moment, diesen Erfolg vielleicht gar nicht gegeben. "Sie hat schon einen großen Anteil." Und dann ist da noch die Teamleistung, die bei den Heidenheimern auch zum Ende der zweiten Bundesliga-Spielzeit den Unterschied gemacht hat. "Ich bin einfach froh, dass wir es geschafft haben", sagt Schmidt und freut sich. Auf ein ausgeschaltetes Telefon. Und ein kaltes Bier. Die Stoppuhr für die Nachspielzeit in der Bundesliga läuft derweil noch.