Als Florian Lipowitz heraustritt auf den Boulevard des Champs-Elysees, haben sich die Regenwolken verzogen und einzelne Sonnenstrahlen zeigen sich hinter dem Triumphbogen. Es ist Sonntag, der 27. Juli 2025, und der 24 Jahre alte Deutsche, geboren in Laichingen bei Ulm, ist auf dem Weg zum Siegerpodest der Tour de France – im Gefolge von Sieger Tadej Pogacar und dem Zweitplatzierten Jonas Vingegaard. Ich stehe unmittelbar daneben, darf als Vertreter der ARD ganz offiziell am (in Paris natürlich gelben) Teppich stehen.
Ein schüchternes Lächeln umspielt seine Züge, kein triumphaler Blick, keine Jubelgeste. Bescheiden und fast schüchtern im Moment seines größten Erfolgs: er wird Dritter beim wichtigsten, beim härtesten Radrennen der Welt. Später winkt er verhalten mit einem Blumenstrauß in die Menge, lässt sich von Sponsoren und Honoratioren umarmen. Fast scheint es, als ließe er all das einfach über sich ergehen, als wäre er sich der Bedeutung dieses Moments nicht bewusst. Wahrscheinlich war es auch so.
Mehr als 20 Jahre hatte kein Deutscher mehr das Podest in Paris betreten. Der Radsport aber reserviert mit dem heutigen Tag eine Seite im Geschichtsbuch für Florian Lipowitz. Und eine ganze Nation schließt Frieden mit dem Erbe eines Jan Ullrich.
Lipowitz: Vom Biathleten zum Radsport-Star
Eine Geschichte, die fast schon unglaubwürdig klingt: erst 2019, also vor sechs Jahren, war Lipowitz auf das Rennrad umgestiegen, bis dahin hatte er sich erfolgreich im Biathlonsport ausgetobt – deutscher Meister bei den Schülern und bis 2018 Mitglied im Nationalkader. Mit seinen Eltern war er drei Jahre zuvor nach Seefeld in Tirol gezogen, um im nahegelegenen Skigymnasium in Stams sein Abitur zu machen und perfekte Trainingsbedingungen zu haben. Doch mehrere Verletzungen, u.a. ein Kreuzbandriss, beendeten den Traum von einer Karriere a la Simon Schempp oder gar Martin Fourcade.
Tour-Star aus Laichingen Radprofi Florian Lipowitz: Souverän von der Tour de France ins TV-Studio
Florian Lipowitz hat bei seiner ersten Tour de France Eindruck hinterlassen. Bei SWR Sport spricht er über besondere Erfahrungen, einen neuen Teamkollegen und große Vorfreude.
2020 sein erstes Engagement bei einer zweitklassigen Profimannschaft, 2022 der Wechsel zum World-Tour Team Red Bull bora hansgrohe. Als er vom Raublinger Rennstall nominiert wird für seine erste Tour de France, konnten selbst eingefleischte Experten nicht ahnen, was er in den drei Wochen durch Frankreich, über 3.320 Kilometer, zu leisten imstande sein würde. Auf dem Papier war ein anderer der Leitwolf: Primoz Roglic, Kapitän des Teams, ebenfalls ein ehemaliger Wintersportler, aus dem Skisprung. Dekoriert mit Gesamtsiegen beim Giro d'Italia und drei Mal bei der Vuelta.
Aber Lipowitz nutzt das Momentum, ist in Bestform unterwegs und vertraut bei den zahlreichen harten Bergankünften auf seine Beine. Damit lenkt er den Fokus der Öffentlichkeit ungewollt weg von Roglic und allein auf seine Leistung. Die Teamleitung reagiert und setzt alles auf die Karte Lipowitz. Der Rest ist Geschichte.
Die Tour de France - Religion für die Franzosen
Auch für mich. Seit dem Jahr 2000 begleite ich die Tour de France, mittlerweile 19 Mal als Moderator im Ersten, immer begeistert von den Emotionen der Franzosen, für die dieses Event weit mehr ist als eine Sportveranstaltung: Sie ist Religion!
Wir als deutsche "Mitreisende" haben oft neidvoll daneben gestanden, haben nach Italien geschaut, nach Spanien und Großbritannien. Dort liebt man den Radsport ohne Wenn und Aber, während er in Deutschland seit den systematischen Dopingverbrechen Mitte der Nuller-Jahre in eine kollektive Sippenhaft genommen wurde, zum Teil natürlich zu Recht! Aber es ist viel unternommen worden, die Lage hat sich gebessert, und so habe ich mich gefreut über deutsche Etappensiege von Marcel Kittel, André Greipel, von Simon Geschke und Nils Politt.
Dieser dritte Platz von Florian Lipowitz jedoch war nach so vielen Jahren das Licht am Ende eines Tunnels – und mein Sportmoment des Jahres.