Extremwetter und Klimawandel: Werden Wetterprognosen unzuverlässiger?
"Das kann ich nicht bestätigen, ganz im Gegenteil", sagt Wettermoderator und Meteorologe Karsten Schwanke in SWR1 Leute. In den letzten 30 Jahren habe es eine deutliche Verbesserung bei den Wettermodellen gegeben. Allerdings könnte dieses Gefühl der ungenauen Wettervorhersagen an einem gestiegenen Anspruch der Menschen liegen.
Forschung Wetter- und Klimamodelle – Wie zuverlässig sind ihre Vorhersagen?
Wetter- und Klimaprognosen funktionieren zwar unterschiedlich – aber nähern sich immer mehr an. Mit welchen Tricks die Vorhersagen immer besser werden.
So hat sich das Wetter in den letzten Jahrzehnten verändert
In den 70er Jahren gab es hier in Baden-Württemberg in den Höhenlagen im Sommer keinen einzigen Tag mit mehr als 30 Grad, so Schwanke. Das gebe es heute nicht mehr. Inzwischen sei es fast schon ungewöhnlich, wenn wir mal keine 35 Grad bekommen. Das würden wir heute schnell vergessen.
Das wichtigste Merkmal dieses menschgemachten Klimawandels ist das Tempo der Erwärmung, das kann man nicht oft genug unterstreichen.
Was bedeutet eine Erwärmung von fünf Grad für Baden-Württemberg?
"Es wäre kein Problem, wenn wir hier dauerhaft drei bis fünf Grad mehr hätten. Allerdings nur, wenn sich das über einen natürlichen Klimawandel über Jahrhunderte und Jahrtausende eingependelt hat", erklärt Schwanke. Dann hätten wir eine subtropische Vegetation. Und wir hätten uns angepasst in der Art wie wir Städte bauen und Landwirtschaft betreiben.
Viel Geld und politischer Wille nötig Sommer immer heißer: So wollen sich Städte in BW an den Klimawandel anpassen
Städte heizen sich im Sommer besonders auf, der Klimawandel verstärkt das Problem. Kommunen müssen sich anpassen. Die Maßnahmen kosten viel Geld. Wer zahlt?
Bei der aktuellen Geschwindigkeit kommen Natur und Mensch nicht mit.
In Regionen, in denen es regelmäßig über 40 Grad gibt, seien früh andere Häuser und Städte gebaut worden, so Schwanke. Als Beispiel könnten die Städte auf der arabischen Halbinsel mit den meterdicken Lehmmauern und ganz schmalen Gassen dienen. "So haben wir allerdings nicht gebaut und so bauen wir auch im Jahr 2025 nicht", sagt Schwanke.
Extreme Hitze, tödliche Fluten und Dürre Meteorologe Karsten Schwanke: "Deutschland ist auf das, was kommt, nicht vorbereitet"
ARD-Wettermoderator Karsten Schwanke sieht Deutschland nicht gut auf kommende Klimakatastrophen vorbereitet. Im SWR-Videopodcast "Zur Sache! intensiv" kritisiert er die Politik.
Schwanke erklärt: "Die gute Nachricht ist: Es wird in Deutschland in den nächsten Jahrzehnten eher etwas mehr regnen. Die schlechte Nachricht: Dieses Mehr an Regen fällt vor allem im Winter". Wir müssten darauf achten, dass wir den Winterregen besser auffangen und speichern für eventuelle sehr lange Trockenperioden im Sommer.
Wie gehen Gesellschaft und Politik mit dem Klimawandel um?
Der Wissenschaftsjournalist betont, dass er sich wünscht, dass wir als Gesellschaft in Europa und weltweit die wissenschaftlichen Fakten endlich ernst nehmen. "Ich höre immer wieder, dass zwei plus zwei nicht vier ist, sondern vielleicht doch fünf sein könnte". Das sei die große Bremse. Er würde sich wünschen, dass wir den Kampf um die Anpassung endlich umsetzen, so Schwanke.
Wir müssen uns um die Frage kümmern: Wie gestalten wir unsere Städte und Dörfer? Wie können wir die Landwirtschaft anpassen? Wir brauchen Kühlung und das Stadtgrün.
Wie sieht die Arbeit eines Wettermeteorologen bei Unwetterkatastrophen aus?
Wenn es Extremwetterereignisse gibt, läuten alle Alarmglocken, sagt der Wetterexperte. Er versuche dann alles an Daten und Informationen aufzusaugen - im Halbstundentakt, rund um die Uhr. Das Ziel: Die Menschen mit präzisen Unwetterwarnungen warnen zu können. Der Anspruch sei dann sehr hoch, alles richtig zu machen.
Der Wetterexperte war im Einsatz bei der Flutkatastrophe im Ahrtal
"Ich habe am Abend der Ahrtal-Katastrophe gearbeitet und weiß ganz genau, dass wir ganz viele Computerbildschirme mit Pegelständen geöffnet hatten", erinnert sich der SWR-Wetterexperte. Um kurz nach 20 Uhr habe dann der Pegel von Altenahr nicht mehr gemeldet. Dies sei ein Drama gewesen, weil die Experten in dem Moment nicht mehr wussten, was da noch hinterherkommen würde.
Erst später habe sich herausgestellt, dass die Brücke mit dem Melder weggerissen wurde. Das zeige, dass wir, in Zukunft darauf achten müssten, dass Pegel-Informationen auch im schlimmsten Unwetter immer verfügbar sein müssen, so Schwanke.
“Wir versuchen so gut wie möglich die Bevölkerung zu warnen”
Rekonstruktion einer Katastrophe Was ist in der Flutnacht passiert? - Ein Protokoll
Etwa zwei Jahre nach der Jahrhundertflut im Ahrtal dauert der Wiederaufbau noch immer an. Wie konnte es zu einer solchen Katastrophe kommen? Noch immer gibt es offene Fragen.
So läuft die Arbeit eines Wetterexperten im Katastrophenfall
Zunächst könne man in den Sondersendungen erstmal nur meteorologisch sagen, wo, wie intensiv und wie lange es weiterregnet. Das sei in erster Linie seine Aufgabe, so der Wetterexperte. Wichtig sei aber auch Bildungsarbeit.
Wenn ich weiß, dass in Bad Neuenahr-Ahrweiler in Kellern und Tiefgaragen 30 Menschen gestorben sind, weil sie noch irgendwas retten wollten, das Auto rausfahren wollten und nicht mehr rauskamen, dann weiß ich, dass wir nicht oft genug darauf hinweisen können, dass man im Falle von Starkregen niemals nach unten gehen soll, sondern immer nach oben.
Deswegen bauten die Experten in solchen Wettersituationen inzwischen auch häufiger Hinweise in ihre Berichte ein, erklärt Schwanke. Die Arbeit sei also sehr vielschichtig und man versuche in dieser Situation so gut wie möglich die Bevölkerung zu warnen.
Über Wetterexperte und Wissenschaftsjournalist Karsten Schwanke
Karsten Schwanke wurde für die beste Wettervorhersage Europas mit dem "TV Weather Forecast Award" ausgezeichnet. Sein Erklärvideo über den Zusammenhang zwischen dem langen, trockenen Sommer und dem Klimawandel wurde im November 2018 eines der meistgeschauten Internetvideos. Als Wissenschaftsjournalist vermittelt Karsten Schwanke sein Wissen in den unterschiedlichsten Formaten im Fernsehen und auf Bühnen.
Die Sendung wurde am 31.7.2025 aufgezeichnet.