Nach der Schule ins Ausland gehen, studieren oder eine Ausbildung anfangen? Ganz normal für viele junge Erwachsene, die zu Hause aufgewachsen sind. Bei Jette aus Stuttgart und Jamie aus Böblingen war das nicht der Fall: Sie sind sogenannte Careleaver. Als Jugendliche haben sie in Pflegefamilien beziehungsweise Wohngruppen gelebt - bis sie mit ihrer Volljährigkeit aus der Jugendhilfe gefallen sind. Oft müssen sie den Übergang in ein eigenständiges Leben allein bewältigen, was für viele Careleaver eine Herausforderung ist.
Jette kam mit zwölf Jahren in ihre erste Pflegefamilie, als Jugendliche hat sie in einer Wohngruppe gelebt und ist mit 17 in ihre erste eigene Wohnung gezogen. Ein bisschen Nachbetreuung hat sie bekommen, sagt sie. Ihr Leben regelt sie aber seitdem größtenteils eigenständig.
Jette weiß, wie es ist, früh auf sich gestellt zu sein und kennt Existenzängste: "Weil du weißt, wenn das alles nicht läuft, wenn die Gelder nicht da sind und du nicht die ganze Zeit funktionierst, dann bist du vor dem Abgrund. Vor allem, wenn du keine familiären Ressourcen hast, weder finanziell noch emotional."
Ein Gefühl von Verbundenheit im Careleaver e.V.
Weil sie genau weiß, welche Hürden es gibt, will Jette für andere da sein. Und engagiert sich im Careleaver e.V. - einem Netzwerk für junge Erwachsene aus der Jugendhilfe. Dort trifft sie auf andere, die ähnliche Erfahrungen gemacht haben. "Da waren auf einmal Leute, die alle das gleiche gefühlt haben." Dort fühlt sie sich mit anderen verbunden, man hilft sich gegenseitig zum Beispiel bei Fragen zu Post von den Behörden.
Man denkt sich: Mit 18 wollen die mich eigentlich schon loswerden. Aber ich habe doch keine andere Möglichkeit. Ich kann nicht wieder zurück nach Hause.
Im Verein haben sich Jette und Jamie kennengelernt. Auch Jamie erinnert sich, wie viel Druck der Gedanke an die eigene Volljährigkeit auslösen kann: "Gerade, wenn man dann in diesen Auszugsprozess geht. Man denkt dann: Mit 18 wollen die mich eigentlich schon loswerden. Aber ich habe doch keine andere Möglichkeit. Ich kann nicht wieder zurück nach Hause."
Für Jamie war klar: Sie will was tun. Sie hat Soziale Arbeit studiert und spricht auf Fachtagungen, in denen sie Fachkräfte aus dem Jugendamt und Jugendeinrichtungen für den Umgang mit Careleavern sensibilisiert.
Denn die Careleaver sind abhängig von den Entscheidungen der Fachkräfte. Deshalb sei es wichtig, die Lebensgrundlage der jungen Menschen zu kennen, sagt Jamie: "Wenn meine Bezugsbetreuerin nicht für mich gekämpft hätte, dann hätte ich vieles nicht erreicht."
17.500 Kinder und Jugendliche im Land leben in einer Vollzeitpflege oder im Heim
Genaue Zahlen, wie viele junge Erwachsene in Baden-Württemberg als Careleaver gelten, gibt es laut Kommunalverband für Jugend und Soziales (KVJS) nicht. Aus Zahlen des Statistischen Landesamtes geht hervor, dass vergangenes Jahr rund 8.000 Kinder und Jugendliche in Vollzeitpflege und mehr als 9.500 in einem Heim oder einer sonstigen Wohnform untergebracht waren.
Sie alle werden früher oder später volljährig - und dann zu Careleavern. Im vergangenen Jahr wurden 6.783 Hilfen für junge Volljährige gewährt, so der KVJS. Und damit rund 500 mehr als 2023.
Sozialministerium: Regionale Angebote für Careleaver
Das baden-württembergische Sozialministerium teilt auf SWR-Anfrage mit, dass es auf kommunaler Ebene Unterstützung gebe. Zum Beispiel die Förderung der Anlaufstelle für Careleaver in Tübingen, regionale Lotsenangebote und Modellprojekte zu Wohnen und Bildungsübergängen. "Ziel ist ein abgestimmtes, landesweit tragfähiges Unterstützungsnetz", so das Ministerium. Aber auch in Karlsruhe gibt es mit dem Projekt "KAreleaver" ein Angebot, das junge Menschen unterstützt, die aus der Jugendhilfe in ein eigenständiges Leben wechseln, teilt die Stadt mit.
Es gibt Nachbetreuung und das Recht auf Hilfen für Volljährige. Aber das reiche nicht, findet Jamie. Der emotionale Stress bleibe: "Wenn da der Druck ist, du bist jetzt 18, aber mit 21 musst du spätestens raus, dann ändert das halt nichts daran, nur weil du die Hilfe bekommen hast."
Anliegen von Pflegekindern im Bundestag
Im Herbst 2023 war Jette gemeinsam mit anderen ehemaligen Pflegekindern und -eltern bei einem Termin im Bundestag. Organisiert von der Internationalen Gesellschaft für erzieherische Hilfen sollte die Berliner Politik die Anliegen von Pflegekindern hören. Jette sagt, für sie war das eine Chance, ihre Belange in die Politik zu tragen. Sie habe aber auch gemerkt, dass viele Entscheidungsträgerinnen und Entscheidungsträger wenig Ahnung von ihrem alltäglichen Leben haben.
Ähnlich ist es bei Wohngruppen, sagt Jamie: "Wenn Leuten mehr bewusst wäre, dass in einer Wohngruppe wohnen nicht einfach nur bedeutet, du bist schwer erziehbar. Sondern du hast wirklich Struggle und gleichzeitig noch die Abhängigkeit vom Staat. Dann würden viel mehr Leute checken, dass es nicht so lustig ist."
Verein fordert eigenen Rechtsstatus für Careleaver
Laut dem Paritätischen Wohlfahrtsverband Baden-Württemberg gibt es inzwischen Anlaufstellen für Careleaver in Stuttgart, Böblingen und Tübingen. Von einem flächendeckenden Angebot sei das Land aber noch weit entfernt, so eine Sprecherin. Deshalb fordert der Verband eine Anlaufstelle in jeder Kommune.
Jamie und Jette setzen sich außerdem mit dem Careleaver e.V. für einen speziellen Rechtsstatus ein. Der soll es ermöglichen, Sozialleistungen wie Kindergeld oder BAföG elternunabhängig zu beziehen. Aktuell muss alles über die Eltern laufen. "Und wenn der Kontakt retraumatisierend ist, dann muss man sich entscheiden zwischen Armut oder Retraumatisierung", sagt Jette.
Mehr Sichtbarkeit in Politik und Gesellschaft
Vorurteile sind Jette in ihrem Leben sehr oft begegnet. Deshalb hat die 26-Jährige sehr oft geschwiegen, wenn es um ihre Herkunft ging. Mittlerweile helfe es ihr sehr, darüber zu sprechen, sagt sie. Damit verleugne sie eben nicht mehr einen Teil ihrer Identität: "Ich stehe mehr zu mir, auch wenn das mich super verletzlich macht."
Wir haben uns nicht ausgesucht, in welche Familie wir reingeboren worden sind.
Für Jamie und Jette ist klar: Sie setzen sich weiter ein für Careleaver und ihre Rechte. Und sie wünschen sich mehr Sichtbarkeit in Politik und Gesellschaft. Jette sagt: Sie hätten sich eben nicht ausgesucht, in welche Familien sie reingeboren wurden.