Wenn Sabrina Fenzl die Rechnung des Pflegeheims ihrer Mutter aus dem Briefkasten zieht, wird ihr ganz kalt, sagt sie: "Das hart ersparte Geld meiner Mutter fließt noch schneller raus."
Seit bald einem Jahr ist ihre Mutter, Renate Fenzl, nun im Karl-Ehmer-Stift in Ingersheim bei Ludwigsburg in Pflege. Und sie fühlt sich wohl: "Ich bin in eine gute Gruppe reingekommen. Ich habe mich gut eingelebt", sagt die 76-jährige Parkinson-Patientin. Hier hat sie Routinen und Struktur, bekommt Physiotherapie und kann an Gymnastikstunden teilnehmen. Kein Luxus, sagt die Tochter, sondern einfach ein Altern in Würde.
Doch die hohen Kosten besorgen sie und ihre Familie: 3.700 Euro muss Renate Fenzl monatlich aus eigener Tasche bezahlen.
Von der Rente kann kaum ein Pflegebedürfter den Heimplatz bezahlen
Dieser Eigenanteil, den Pflegebedürftige für ihren Heimplatz sebst tragen müssen, ist im Bundesschnitt zuletzt um 261 Euro im Vergleich zum Vorjahr gestiegen - auf 3.245 Euro fürs erste Heimjahr. Das zeigt eine aktuelle Auswertung des Verbands der Ersatzkassen (vdek).
In Baden-Württemberg waren es zum 1. Januar 2026 sogar nochmal knapp 300 Euro mehr im Durchschnitt, gut 3.532 Euro - und das monatlich.
Von der Rente von meiner Mutter her reicht das auf gar keinen Fall. Das heißt, es ist das Ersparte, was meine Mutter jahrelang für sich angespart hat.
Einen kleinen Teil davon habe sie auch den Kindern und Enkeln vermachen wollen. "Aber das ist nicht mehr möglich, das ist ganz klar", sagt Tochter Sabrina Fenzl.
Sorge: Was passiert, wenn das Geld ausgeht?
Die Sorge ihrer Mutter sei groß, wie sie hier weiterhin leben könne. "Sie sagt immer wieder: Was mache ich denn, wenn ich das Geld nicht mehr habe, dann fliege ich doch hier raus." Wenn Mutter und Tochter gemeinsam einkaufen gehen im Supermarkt in der Nähe, überlege die 76-Jährige sich dreimal, ob sie sich etwas kaufen könne. Das zu sehen, schmerze sie sehr, sagt Sabrina Fenzl.
Den Heimplatz wird sie behalten können, auch wenn das Ersparte ausgeht. Dann kann sie Sozialhilfe beantragen. Vom eigenen Vermögen darf sie maximal 10.000 Euro behalten. Und immerhin: Der Eigenanteil für die Heimkosten reduziert sich pro Jahr: ab dem vierten Heimjahr übernimmt die Pflegekasse 75 Prozent.
| Eigenbeteiligung mit Zuschüssen | BW (Durchschnitt) |
| bis 12 Monate = 15% | 3.532 |
| ab 12 Monate = 30% | 3.189 |
| ab 24 Monate = 50% | 2.732 |
| ab 36 Monate = 75% | 2.160 |
Ein Grund für höhere Eigenbeteiligung bei Heimkosten: Höhere Personalkosten
Dass die Kosten in diesem Jahr um gut 300 Euro gestiegen sind, liege vor allem an einem Faktor, sagt Elke Eckardt, Vorsitzende Geschäftsführerin der Evangelischen Heimstiftung, Träger von 105 Pflegeheimen in Baden-Württemberg: "70 Prozent aller Kosten sind Personalkosten. Wir zahlen den Diakonietarif, da gibt es jährliche Tarifsteigerungen - zumindest in den letzten beiden Jahren - von jeweils fünf Prozent."
Nicht nur die Bezahlung des Personals, sondern auch die Zahl der Pflegerinnen und Pfleger spiele dabei eine Rolle: "Bei uns in der Evangelischen Heimstiftung haben wir die höchsten Personalschlüssel, weil wir sagen: gute Pflege braucht viele Mitarbeiter, gute Mitarbeiter - und die wollen wir gut bezahlen", so Eckardt.
Pflegeheim-Bewohner zahlen auch Ausbildungs- und Investitionskosten
Zu den Kosten fürs Personal kommen Kosten für Unterkunft und Verpflegung und die sogenannten Investitionskosten, etwa Bau- oder Sanierungskosten. Auch in diesen Bereichen, erklärt Eckardt, steigen die Kosten, etwa weil Lebensmittel oder Energieversorgung, aber auch Bauvorhaben teurer würden.
Der Eigenanteil der Pflegekosten setzt sich insgesamt also aus drei Komponenten zusammen:
- Der einrichtungseinheitliche Eigenanteil (EEE) für pflegerische Kosten, inklusive Ausbildungskosten, Bundesschnitt aktuell: 1.685 Euro
- Unterkunft und Verpflegung, Bundesschnitt aktuell: 1.046 Euro
- Investitionskosten, Bundesschnitt aktuell: 514 Euro
Eckardt nennt aus ihrer Sicht das Grundproblem des Systems:
Alle Kostensteigerungen werden durch die jetzige Form der Pflegeversicherung durch unsere Kunden getragen. Somit ist der Anteil, den die Pflegeversicherung zahlt, ein zu geringer.
Aus ihrer Sicht bräuchte es eine Reform der Pflegeversicherung auf Bundesebene - die Eigenanteile müssten begrenzt werden. Und es brauche eine nachhaltige Finanzierung der Pflegeversicherung, fordert Eckardt: Etwa durch eine Auflösung der "Zwei-Klassen-Versicherung", wie sie sagt, sowie eine Erhöhung der Beitragsbemessungsgrenzen, sodass Menschen mit höheren Einkommen mehr bezahlen würden.
Auch auf Landesebene gebe es aus Sicht von Pflegeheim-Trägern und Sozialverbänden aber Spielräume. So könnte etwa eine Reform des Pflegewohngeldes dafür sorgen, dass Menschen mit geringerem Einkommen Anspruch darauf hätten, heißt es von der Evangelischen Heimkosten. Auch der Sozialverband VDK in Baden-Württemberg fordert vom Land, die Pflegebedürftigen bei den Investitionskosten zu entlasten.
Landesgesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) hingegen hält dies nicht für zielführend. Nicht die Investitionskosten, sondern die Preissteigerungen für Energie und Lebensmittel sowie vor allem gestiegene Personalkosten seien die Hauptkostentreiber bei den Eigenanteilen für Pflegeheime.
"Eine solche Förderung wäre nicht zielführend, weil sie nach dem Gießkannenprinzip allen Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohnern zugutekäme, ungeachtet deren jeweiliger finanzieller Bedürftigkeit."
Auch Lucha sieht die Verantwortung daher beim Bund und dessen geplanter Pflegereform - und fordert ebenfalls eine Begrenzung der Eigenanteile für Betroffene.
Reform der Pflegeversicherung zugunsten der Heimbewohner?
Bis in diesem Zusammenhang Entlastung kommt, müssen Pflegebedürftige wie Renate Fenzl weiter auf eigenes Vermögen setzen - und im Zweifel Sozialhilfe beantragen. Für Tochter Sabrina Fenzl ist klar: Nur hier im Heim wird ihre Mutter so unterstützt, wie sie es braucht. Die Pflege aus eigenen Kräften, aber auch mithilfe eines ambulanten Dienstes zu stemmen, habe Grenzen gehabt.
Umso dankbarer sei sie dafür, dass es ihrer Mutter im Pflegeheim gut gehe, dass sie mit ihrer Mutter nun schöne Dinge machen könne, wenn sie zu Besuch sei. Über das Finanzielle und ihre Sorgen darum sprechen die beiden so wenig wie möglich - auch wenn es sie tagtäglich beschäftigt.